Urlaubsland Albanien:Grenzenlose Offenheit

Urlaubsland Albanien: Albaniens Premierminister Edi Rama und seine italienische Kollegin Giorgia Meloni in einer Aufnahme aus dem Jahr 2022. Er vergöttere die Politikerin, hatte Rama schon einmal wissen lassen.

Albaniens Premierminister Edi Rama und seine italienische Kollegin Giorgia Meloni in einer Aufnahme aus dem Jahr 2022. Er vergöttere die Politikerin, hatte Rama schon einmal wissen lassen.

(Foto: Florion Goga/REUTERS)

Italiens Premierministerin Giorgia Meloni macht Kurzurlaub in Albanien - auf Einladung des dortigen Premiers Edi Rama. Der demonstriert so nicht nur das neue Selbstbewusstsein seines Landes, sondern auch enorme politische Durchlässigkeit.

Von Tobias Zick, Genua

Das Bild ist zur Ikone geworden, und zwar auf beiden Seiten dieses schmalen Streifens Mittelmeer. Sommer 1991, Abertausende fliehen auf allem, was irgendwie schwimmt, vor dem sich in seinen letzten Zuckungen aufbäumenden kommunistischen Regime Albaniens über eine Meerenge, die Straße von Otranto. Ihr Ziel: die Küste von Apulien, Italien, Europäische Union. Das größte der Schiffe ist ein rostiger Frachter namens Vlora, die Menschen quellen über die Reling, es sind um die 10 000. Italiens Regierung unter Giulio Andreotti lässt die Flüchtlinge erst im Hafen von Bari an Bord schmoren, dann in ein Fußballstadion pferchen und schließlich mit Flugzeugen und Schiffen zurück nach Albanien abschieben. Wer Vlora sagt, der meint auch: viel Schatten im Verhältnis zwischen den beiden Mittelmeerländern.

Edi Rama, der heutige Regierungschef von Albanien, ist ein Mann, der weiß, welche Wirkung Bilder erzielen, er ist ja nicht nur Politiker, sondern auch bildender Künstler. Vergangene Woche postete er im Internet nebeneinander zwei Fotos der überfüllten Vlora von damals, unter das zweite schrieb er: "Italiener auf dem Weg in die Ferien in Albanien, 2023". Den Witz fanden nicht alle gelungen, womöglich gerade deshalb, weil er einen schmerzlich wahren Kern trifft: Albanien mit seinen Zuckerstränden wird derzeit von Touristen überrannt, die einerseits Mittelmeer, aber andererseits günstige Preise wollen. Da erscheint Albanien als Destination geradezu alternativlos, vor allem für Hunderttausende Italiener, die vor den Preisen im eigenen Land Reißaus nehmen.

Die Italiener, ein Volk von Inflationsflüchtlingen im Massenexodus über das Mittelmeer? Der Landwirtschaftsminister in Rom, Francesco Lollobrigida, reagierte mit dezidierter Hochnäsigkeit auf den Fotowitz des albanischen Regierungschefs: Rama wisse genau, erklärte er, dass sein Land "noch viel von Italien zu lernen" habe, was die Qualität touristischer Angebote betreffe. Seine Replik sei aber nicht persönlich gemeint: Zu dem "sehr sympathischen" Rama habe man "hervorragende Beziehungen".

Meloni reiste mit Familie und Schwager Lollobrigida, Landwirtschaftsminister

Letzteres war keine leere Floskel, wie sich wenige Tage später herausstellte. Minister Lollobrigida wurde über den italienischen Feiertag Ferragosto in der albanischen Stadt Vlora (die damals dem Frachter seinen Namen geliehen hatte) gesichtet, zusammen mit seiner Schwägerin, Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, und deren Familie. Eingeladen hatte Edi Rama persönlich, der dort eine Ferienresidenz besitzt. So ein Urlaub ist natürlich immer ein Politikum, und deshalb postete selbst eine seriöse Zeitung wie der Corriere della Sera auf seiner Website ein "exklusives" Paparazzi-Video, das zuerst der albanische Sender TV Klan verbreitet hatte.

Steht der gemeinsame Kurzurlaub auch für eine politische Annäherung? Für Edi Rama, dessen Partei sich "sozialistisch" nennt, ist es nur oberflächlich ein Widerspruch, eine postfaschistische Politikerin privat einzuladen und - wie er zuvor schon mal bekannt hatte - zu "vergöttern". Im Interview mit La Stampa legte Rama jetzt nach: Meloni sei alles andere als ein "faschistisches Monster", das nach Amtsantritt umgehend "auf Brüssel zumarschieren" würde, wie manche gewarnt hätten; vielmehr habe sie außenpolitisch noch "keinen falschen Schritt gemacht", und überhaupt, Links und Rechts, das seien doch irgendwie Kategorien von gestern: "Wir leben ja nicht mehr im 20. Jahrhundert."

Ein symbolkräftiges Detail verriet Rama dann auf Nachfrage auch noch: Nein, dem früheren britischen Premier Tony Blair sei Meloni in seiner Ferienvilla nicht begegnet, der sei nämlich am Morgen vor ihrer Ankunft schon abgereist. Edi Rama, der schillernde Pragmatiker. Neben seinem Freund Tony Blair sowie Bill Clinton und Gerhard Schröder hat er auch schon mal Margaret Thatcher als politisches Vorbild bezeichnet. Sich selbst sieht er als proeuropäisch und proamerikanisch, versteht sich zugleich aber in Balkan-Angelegenheiten mit dem eher Russland zugeneigten serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić überraschend gut.

Bei so viel politischer Grenzenlosigkeit dürfte einer weiteren Erwärmung des Klimas zwischen den beiden einst so gegensätzlichen Mittelmeerländern wenig im Weg stehen. "Wenn sie mich einlädt, bin ich morgen da", sagte Rama auf die Frage von La Stampa, wann er und seine italienische Amtskollegin sich wiedersehen würden. Meloni bedankte sich auf Facebook bei Rama für den "herzlichen Empfang" und fügte hinzu: "Ich erwarte dich in Italien."

Unterdessen dominierte eine Nachricht die albanischen Medien, die mindestens ebenso viel über den Wandel im Verhältnis zwischen den beiden Ländern aussagt: In der Stadt Berat wurden vier italienische Touristen von einer Überwachungskamera dabei gefilmt, wie sie aus einem Restaurant wegliefen, ohne ihre Zeche zu zahlen. "So etwas ist bei uns noch nie passiert", sagte der albanische Wirt später und zeigte sich zugleich nachsichtig mit den offenbar bedürftigen Gästen aus dem Nachbarland: Er hoffe, dass die Italiener mit dem gesparten Geld etwas "Sinnvolles" anfangen würden.

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