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Sperrzone Italien:Leben im Schwebezustand

Der betagten Mutter nur noch am Fenster zuwinken, Konzerte absagen, Lifte schließen und Plastikhandschuhe im Supermarkt tragen: Italienerinnen und Italiener berichten von ihrem Alltag im nationalen Sperrgebiet.

Marisa Fornara aus Piemont zum Protokoll von Francesca Polistina

Marisa Fornara aus dem Piemont.

(Foto: privat)

Marisa Fornara, 63, aus Borgomanero im Piemont

Man lebt wie in einem Schwebezustand. Die Straßen sind leer, die Schulen zu, in die Geschäfte kommt man nur in kleinen Gruppen hinein. Mein Mann und ich verbringen die Zeit zu Hause beim Lesen, Fernsehschauen oder Kartenspielen. Spaziergänge sind möglich, man sollte allerdings volle Orte meiden. Wir wohnen in einer Kleinstadt in der Region Piemont und haben das Glück, dass in der Nähe viel Natur ist, so kann man wenigstens mit dem Hund kurz Gassi gehen. Mein Sohn wohnt in Mailand und wir wissen nicht, wann wir ihn wiedersehen. Meine Mutter wohnt fünf Minuten von uns entfernt. Sie ist 87 Jahre alt und gehört deshalb zur Risikogruppe. Wir besuchen sie nicht mehr, manchmal telefonieren wir, manchmal laufen wir vorbei und sie winkt uns vom Fenster aus zu. Ich weiß nicht, wie wir noch drei Wochen so leben können. Aber wir müssen durchhalten und hoffen, dass die Maßnahmen greifen werden. Und dass die Normalität zurückkehrt.

Noemi Medina, 87, Marisas Mutter, ebenfalls aus Borgomanero

Ich bin 87 Jahre und habe vieles erlebt, viele Epidemien und Wirtschaftskrisen, aber so was noch nie, so was habe ich seit dem Krieg wirklich nie mehr erlebt. Ich bin nicht mehr jung und gehe nicht mehr häufig aus, denn ich werde schnell müde. Um das Einkaufen kümmert sich schon lange mein Sohn, der im selben Haus wohnt. Mein einziger fester Termin ist der Gottesdienst frühmorgens - aber jetzt haben sogar die Kirchen zu. Deshalb bleibe ich zuhause, wie ein Hund in seiner Hundehütte. Wenn die Sonne scheint, gehe ich in den Garten, das ist mein einziger Trost, nun blühen die ersten Blumen. Meine Schwester, sie ist fast 100 Jahre alt, ist wegen einer anderen Sache im Krankenhaus. Niemand darf sie besuchen. Ob ich Angst habe? Nein, denn wenn ich in meinem Alter anfange, Angst zu haben, komme ich davon nicht mehr weg.

Protokolle: Francesca Polistina

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Daniela Conversano, 36, selbständige Architektin, aus der Provinz Potenza, Basilikata

Bis gestern haben wir normal gearbeitet, aber ab sofort werde ich versuchen, von daheim aus zu arbeiten, das muss jetzt so sein. Als Selbständige können wir uns ja entsprechend organisieren, aber das Problem sind die Fabriken: Bei Fiat in Melfi zum Beispiel, wenige Kilometer von hier, wo 5000 Menschen beschäftigt sind, wird regulär weitergemacht. Was die Ansteckungsgefahr betrifft, mache ich mir große Sorgen um meine Schwester, die bei uns einen kleinen Lebensmittelladen hat, und um meinen Schwager, der bei Fiat arbeitet. Auf ihre Kinder, deren Schulen geschlossen sind, passen jetzt die Großeltern auf. Sorgen bereitet uns auch, dass die Krankenhäuser nicht für eine solche Krise ausgestattet sind. Weil sich hier nichts Grundsätzliches geändert hat, seit die "rote Zone" für ganz Italien gilt, glaube ich, dass die Ansteckungen weitergehen. Insgesamt herrscht die totale Verwirrung.

Protokoll: Irene Helmes

Franz Holzknecht, Geschäftsführer des Skigebiets Schwemmalm im Ultental, Südtirol

Eigentlich wollten wir unser Skigebiet offen halten, trotz der Empfehlung des Südtiroler Seilbahn- und Hotelverbandes. Doch mit der Notverordnung des italienischen Ministerpräsidenten müssen wir nun schließen. Wir wollten nicht wegen des Umsatzes weitermachen - wir hatten nur noch etwa ein Drittel der Gäste und im März arbeiten wir auch unter normalen Bedingungen höchstes kostendeckend. Es geht uns vor allem um die Arbeitsplätze bei den Liftbetrieben, in Skischulen und vor allem in den Hotels. Wir sind ein kleines Tal mit 3000 Einwohnern und wenigen Jobs, die meisten davon sind im Tourismus. Allein im Umfeld der Liftbetriebe sind nun 150 Menschen arbeitslos, anderthalb Monate vor dem eigentlichen Ende der Saison.

Franz Holzknecht Skiliftbetreiber zum Protokoll von Hans Gasser corona Italien

Skiliftbetreiber Franz Holzknecht musste die Saison anderthalb Monate früher beenden.

(Foto: privat)

Alle Hotels sperren heute zu. Den Gästen, die gerade zu mir gekommen sind, um sich zu verabschieden, ist es sehr schwer gefallen, wegzufahren. Die meisten haben mir gesagt, sie hätten keine Angst vor einer Infektion hier bei uns und sie haben versprochen, nächstes Jahr wieder herzukommen.

Protokoll: Hans Gasser

Emanuele Minuz, 40, Barbetreiber und Konzerte-Veranstalter aus Rom

Wir haben unser Lokal seit Montag geschlossen. Freiwillig, um Gäste und Angestellte zu schützen. Bis Samstag haben wir hier in Rom gar keine so großen Auswirkungen gespürt, und zu uns in die Bar kamen vielleicht 20 Prozent weniger Gäste. Ab Sonntag wurden es deutlich weniger. Bis dahin haben sich vor allem die Jüngeren verhalten, als ob nichts wäre, und sind ausgegangen wie immer. Gemerkt haben wir da vor allem, dass weniger Touristen da sind. Wir hatten zuerst entschieden, nur unsere Konzerte zu verschieben, die wir hier in der Bar veranstalten. Aber dann wurde klar: Der Respekt vor dem, was wir gerade erleben, erfordert es, ganz zu schließen, auf unbestimmte Zeit. Ich hatte auch keinen Spaß mehr bei der Arbeit - allein schon, weil die Gäste alle immer einen Meter Abstand zueinander halten mussten. Wie ich das mit dem Verdienstausfall mache? Die Regierung will Hilfen bereitstellen, das hat der zuständige Minister zumindest versprochen.

Protokoll: Elisa Britzelmeier

Antonella Meiani, 62, Lehrerin, aus Mailand

Meine Schülerinnen und Schüler habe ich seit knapp drei Wochen nicht mehr gesehen, das letzte Mal war am 21. Februar. Die ersten Tage fühlten sich noch wie etwas Besonderes an. Nun werden wir uns vielleicht Mitte April wiedersehen. Wir versuchen, über Fotos, Videos, Briefe, kleine Gedichte und Telefonate, zusammenzuhalten, sodass sich niemand, ob Schüler oder Lehrer, alleine fühlen muss. Vor allem die Schüler lernen gerade jeden Tag Neues, sie sind zwischen 10 und 11 Jahre alt. Bei ihnen ist die anfängliche Freude inzwischen Langeweile und Einsamkeit gewichen. Auf einmal müssen sie alleine damit umgehen, wie ihre Eltern auf die Nachrichten aus Fernsehen und Internet reagieren, müssen alleine organisieren, ihre Hausaufgaben zu erledigen.

Antonella Meiani

Antonella Meiani unterrichtet ihre Schüler übers Internet.

(Foto: privat)

Valdo, der eigentlich sehr ernst ist, hat per WhatsApp ein Herz mit dem Wort Schule darin geschickt, die wilde Irene schreibt, sie vermisse die Lehrer wahnsinnig, dem Muttersöhnchen Riccardo gefällt es eigentlich ganz gut zu Hause, aber in der Schule wäre es schöner. Und der kleine Luis schickt ein Video, weil er zum Tippen zu faul ist. Ich verbringe gerade sehr viel Zeit vorm Computer, wo ich mit dem Schuldirektor und dem Kollegium virtuell vernetze, aber auch mit den Schülern. Heute Abend machen wir die erste Videokonferenz und ich muss schon jetzt innerlich lachen, wie chaotisch das zwischen klein und groß ablaufen wird. Abgesehen davon versuche ich jeden Tag, die Kinder mit kleinen, kreativen Aufgaben daheim zu unterrichten. Ich wusste gar nicht, was da im Netz alles möglich ist. Aber wenn das alles vorbei ist, werden wir "erwachsener" sein und fähiger, uns zu helfen.

Protokoll: Carolin Gasteiger

Claudia Valentini, 44, PR-Managerin in Rimini

Ich bin in einer Firma angestellt und kann von zu Hause aus arbeiten. Das gilt für viele, die einen Bürojob haben. In Rimini haben wir das Glück, das Meer zu haben! Die Strände sind breit genug, um die Nähe zu den anderen Menschen zu vermeiden und für Kinder ist es perfekt, um an die frische Luft zu sein. Von Rimini aus ist man auch schnell mit dem Fahrrad im Hinterland, viel Natur, frische Luft und wenig Menschen! Zum Einkaufen gehen wir zu Fuß oder mit dem Fahrrad in kleine Geschäfte in der Nähe, oder lassen es uns nach Hause bringen. Wir kaufen sehr viele lokale Produkte (Obst, Gemüse, Fleisch, Käse, Wein etc), zum Glück gibt eine super Auswahl an regionalen Herstellern! Die Leute passen auf, dass sie sich nicht zu Nahe kommen. Wir waren es gewöhnt, uns bei jedem Treffen zu küssen und zu umarmen, das machen wir momentan nicht! Für junge Leute ist es schwierig, denn sie wollen Abends raus, aber Cafes, Bars und Restaurants sind nur bis 18:00 Uhr geöffnet. Ich persönlich denke, dass sich die Situation bald wieder normalisieren wird, wenn wir alle ein bisschen aufpassen und nicht in Panik geraten. Man sollte auch positiv denken, es ist eine Zeit der Veränderung und vielleicht kapieren wir endlich, dass wir etwas Konkretes für die Umwelt machen müssen! Denn die Luft ist noch nie so sauber gewesen, wie jetzt gerade.

Claudia Valentini

Claudia Valentini erlebt die Ausnahmesituation in Rimini.

(Foto: privat)

Protokoll: Monika Maier-Albang

Gertie Meichsner, 78, in Rezzo, Ligurien

Gestern war ich in Albenga, das ist etwa 30 Kilometer von hier, im Supermarkt, dort liefen etliche Menschen mit Mundschutz herum und vom Personal wurde man angehalten, beim Obst und Gemüse die Plastikhandschuhe anzuziehen. Heute habe ich von einer Bekannten aus dem Nachbardorf gehört, die ihren Ort nicht verlassen durfte, auch nicht zum Einkaufen. Wir wollen morgen mal versuchen, zum Markt nach Albenga zu fahren - mal sehen, ob das gelingt und ob es den Markt überhaupt gibt. Wohl eher nicht. Ivana, die Ladenbesitzerin in unserem Dorf, hat heute Handschuhe angezogen, als sie an der Brottheke bediente. Es dürfen sich maximal vier Personen im Laden aufhalten.

Protokoll: Jan Bielicki

Giacomo Vietto, 60, Schuhhändler aus Alba im Piemont

Montag im Flugzeug von München: sechs Passagiere. Auf der Autobahn nach Alba: fast keine Privatautos, nur sehr viele Lastwagen. Es ist ein sehr seltsames Gefühl, in eine mehr oder weniger ausgestorbene Stadt zurückzukommen. Ich bin ja nach Hause zurückgekehrt, das ist ein triftiger Grund für eine Reise und ich wurde durchgelassen. Jetzt darf ich die Stadt, in der ich gemeldet bin, nicht mehr verlassen. Kontrolliert wird zwar nicht, aber sollte etwas passieren ist man dran. Die Strafe ist mehr als 200 Euro. Die Straßen sind leer, die meisten Geschäfte geschlossen, auch Bars und Restaurants. Das gewohnte Frühstück an der Bar: Das Croissant darf man noch nehmen, den Kaffee aber nicht mehr am Tresen trinken. Man muss sich hinsetzen, auf die Bedienung warten und den Sicherheitsabstand von einem Meter einhalten. Was kein Problem ist: Ich war sowieso der einzige Kunde. Am kommenden Wochenende sollen auch die großen Supermärke geschlossen werden, nur Lebensmittel darf man noch kaufen. Es ist eine unglaublich schwierige Situation, wir leben grade von einem Tag zum anderen.

Protokoll: Petra Payer

© SZ.de/leja
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