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Europa-Wahlkampf der Union:Kramp-Karrenbauer: "Wir sind alle Europäer"

Kramp-Karrenbauer berichtet zum Thema Frieden von einer französischen Brieffreundin aus ihrer Kindheit. Als sie die das erste Mal in Calais besucht habe, sei ihr das Wunder der Aussöhnung erstmals richtig bewusst geworden, so die CDU-Chefin. Der Jugend von heute, die keinen Krieg und keine Nachkriegszeit erlebt hat, empfiehlt sie praktische Erinnerungsarbeit und persönliche Begegnungen, um zu lernen: "Wir sind unterschiedliche Nationalitäten, aber wir sind alle Europäer."

Es sind allerdings einige Gäste auf dem Sofa, die nicht aus der Politik kommen, die besonders anschaulich die Vorteile Europas beschreiben. Johanna Schmidt zum Beispiel, die bei einer Verlosung der EU ein Interrail-Ticket gewonnen hat und 4000 Kilometer durch Europa mit der Bahn gefahren ist. Oder ein Start-Up-Unternehmer, der mit EU-Fördermitteln Lastenräder entwickelt hat, mit denen er Staus, Abgase und Verspätungen im Paketlieferdienst verringern will. Oder ein Pharma-Unternehmer, der von der Zusammenarbeit mit Partnern in anderen Staaten erzählt und seine Auszubildende gleich mitgebracht hat, die einige Zeit in Spanien gelernt hat.

Aber am Ende steht dann doch die klassische politische Wahlkampfrede. "Alle anderen schicken Zählkandidaten und Hinterbänkler", sagt Markus Söder über die Konkurrenzparteien. CDU und CSU aber schicken einen, der der Mann an der Spitze werden solle. "Manfred Weber ist ein echtes Zugpferd", so Söder.

Das Zugpferd wirkt physisch eher schmächtig. Aber Manfred Weber hat sich mittlerweile einige Gesten und Gesichter zugelegt, die ein Wahlkämpfer braucht, wenn er Zuversicht ausstrahlen will. Und er weiß, wo die Grenzen sind: In der vergangenen Woche hat er sich beim Thema Nord Stream 2 deutlich von Angela Merkels Position abgesetzt, aber in Münster stellt er die "starke Kanzlerin" mit Konrad Adenauer und Helmut Kohl in eine Reihe großer christdemokratischer Europäer.

Webers wichtigste Themen sind überraschungsfrei

Auch Weber fängt mit dem Frieden an, mit der Geschichte von Joseph Daul. Weber hat diese Geschichte schon oft erzählt, aber sie verliert ihre Wirkung nicht. Dauls Vater, der im Elsass lebte, wollte nie wieder einem Deutschen die Hand geben und betrat Zeit seines Lebens nicht mehr deutschen Boden. Aber sein Sohn wurde Präsident der Europäischen Volkspartei. Weber erinnert an die Politiker, "die sich damals aufgemacht und dieses Europa geschaffen haben". Und er erzählt von der Begegnung mit einem ehemaligen DDR-Bürger, der 1989 über die Prager Botschaft in die Bundesrepublik kam und bei seiner Ankunft den Boden geküsst haben will.

Webers wichtigste Themen sind überraschungsfrei: Er will den Datenaustausch verbessern, "um die Verbrecher hinter Schloss und Riegel zu bekommen". Die Frontex-Kräfte zum Schutz der Außengrenze sollen schneller aufgebaut werden. Weniger Bürokratie, mehr Forschung, eine selbstbewusste Handelspolitik, Verbot von Kinderarbeit und natürlich keine Türkei in der EU. Vor allem aber gehe es bei der Wahl um das europäische Gesellschaftsmodell, die Verteidigung des "European way of life", so Weber.

Der Spitzenkandidat redet immer ein bisschen schnell, wie unter Druck. Er verhaspelt sich vor allem am Anfang wiederholt, schmeißt gelegentlich Namen durcheinander und in der Hektik passierten ihm dann Sätze wie der zum Brand von Notre-Dame in Paris: "Ich war traurig, obwohl es eine französische Kirche war." Trotzdem wirkt seine Leidenschaft für Europa durchaus glaubwürdig. Das Publikum honoriert seine Rede mit demonstrativem Jubel.

Um 15.17 liegen jeweils eine Hand von Manfred Weber, Markus Söder und Annegret Kramp-Karrenbauer auf einem roten Buzzer. Drei, zwei, eins, dann drücken sie den Knopf. Topp, die Wette gilt.

© SZ.de/gba/fie
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