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Europa-Wahlkampf der Union:Unheimlich harmonisch

CDU and CSU gather to kickoff their campaign for the upcoming European elections in Muenster

Die Parteivorsitzenden und der Spitzenkandidat von CDU und CSU ziehen zur Melodie des Liedes "We Are Family" in die Halle in Müster ein.

(Foto: REUTERS)
  • In demonstrativer Einigkeit sind CDU und CSU in die heiße Phase des erstmals mit gemeinsamem Programm ausgetragenen Europawahlkampfes gestartet.
  • Bei der Wahl muss die neue Führungsriege der Union das erste Mal beweisen, was sie drauf hat.
  • Spitzenkandidat Manfred Webers wichtigste Themen sind überraschungsfrei, dennoch honoriert das Publikum seine Rede mit demonstrativem Jubel.

Es geht einige Zeit zu wie bei "Wetten, dass?". Eine große Halle, begeisterungswilliges Publikum, Musikeinlagen und eine sehr breite Couch. Wie Show-Moderatoren, das Sakko zugeknöpft, aber die Krawatten abgelegt, begrüßen die Generalsekretäre von CDU und CSU am Samstagmittag in Münster die Gäste, Pi mal Daumen tausend Mitglieder und Anhänger der Unionsparteien. Paul Ziemiak und Markus Blume gehen sogar durch die Zuschauerreihen, als seien sie auf der Suche nach einer Saalwette. Doch sie wollen nur einzelne Zuschauer vorstellen: die ältere Dame, die 1969 in die CDU eingetreten ist, oder den jungen Mann aus Bayern, der um halb vier Uhr früh aufgestanden ist, um hierher zu kommen.

Hach, es ist alles unheimlich harmonisch in der Halle Münsterland. Paul Ziemiak kriegt sich gar nicht mehr ein, dass CDU und CSU in der Stadt des Westfälischen Friedens gemeinsam die heiße Phase des Europa-Wahlkampfs eröffnen, und auch Markus Blume ruft, "es fühlt sich verdammt gut an, dass CDU und CSU wieder gemeinsam unterwegs sind". Kurt Biedenkopf, 89 Jahre alt, einst CDU-Generalsekretär, wird von seinem enthusiasmierten Nachfolger gefragt, wie er die Stimmung finde, und antwortet: "Wenn sie so bleibt, ist sie in Ordnung." Die noch prominentere Prominenz, also die Parteivorsitzenden und der Spitzenkandidat, ziehen schließlich zur Melodie des Liedes "We Are Family" in die Halle ein. Dessen zweite Zeile lautet: "I got all my sisters with me." Das stimmt an diesem Samstag natürlich nicht, denn Sister Angela Merkel ist nicht da.

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Bundeskanzlerin Merkel kämpft vehement für die Gaspipeline. Der Spitzenkandidat von CDU und CSU bei der Europawahl, Manfred Weber, will sie verhindern. Nun bekommt er Unterstützung aus den eigenen Reihen.   Von Robert Roßmann

Bei der Europawahl muss die neue Führungsriege der Union das erste Mal beweisen, was sie drauf hat. Insofern geht es doch um eine Wette - darauf, dass die Wechsel an der Spitze von CDU und CSU sich gelohnt haben; darauf, dass Annegret Kramp-Karrenbauer und Markus Söder Ergebnisse liefern können - nach den dürftigen Resultaten der letzten Bundes- und Landtagswahlen muss man wohl sagen: ob sie deutlich bessere Ergebnisse liefern können.

Ein bisschen verkehrte Welt

Den Spitzenkandidaten haben sie noch von Angela Merkel und Horst Seehofer geerbt. Alles andere liegt in der Verantwortung von Kramp-Karrenbauer und Söder. Mit der gleichen Leidenschaft, mit der er sich vor einem Jahr noch in jede politische Keilerei gestürzt hat, sagt der CSU-Chef jetzt: "Mir ist es wichtig, dass wir den Streit, der uns drei, vier Jahre lang gelähmt hat, beenden, uns neu aufstellen, und gemeinsam für Europa arbeiten." Der Applaus ist, vorsichtig formuliert, stark ausgeprägt.

Fast 90 Minuten dauert es bis zum Auftritt des Spitzenkandidaten. Es ist ein bisschen verkehrte Welt, weil die prominenten Unions-Spitzen eine Art Vorprogramm für Manfred Weber absolvieren, der in Deutschland auch vier Wochen vor der Europa-Wahl gewiss immer noch nicht zu den bekanntesten Politikern gehört. Aber die Rede des immer vergleichsweise leise auftretenden CSU-Mannes soll an diesem Tag der krönende Abschluss sein, für den andere den dramaturgischen Teppich ausrollen.

Wofür steht eigentlich dieses Europa? Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet wird zum Thema Freiheit befragt, würdigt die offenen Grenzen und berichtet von Menschen, die in seinem Land arbeiten, aber in Belgien oder den Niederlanden leben. "Dieses Europa, das wir über 70 Jahre erarbeitet haben, das lassen wir uns von Rechtspopulisten nicht kaputtmachen."

Söder darf über Wohlstand reden. Der CSU-Chef beklagt ein "geistiges Biedermeier" in Deutschland, eine Zufriedenheit mit dem Status Quo und Desinteresse an der Zukunft. Gleichzeitig bauten die Chinesen eine neue Seidenstraße und die USA investierten viel Kapital in Forschung und Innovationen. Schuld an der deutschen Lethargie sind aus Söders Sicht natürlich die Grünen mit ihren dauernden Verboten und die SPD mit ihrem "rückständigen Denken".