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Netanjahu verschiebt Besuche in Golfstaaten

Von Joe Biden ignoriert: Premier Benjamin Netanjahu

(Foto: Emil Salman/dpa)

Premier Benjamin Netanjahu wartet weiterhin auf einen Anruf des neuen US-Präsidenten Joe Biden. Israels UN-Botschafter twittert deshalb zur Sicherheit mal Netanjahus Telefonnummer.

Von Moritz Baumstieger

Zuweilen funktioniert internationale Politik nach Regeln, mit denen auch soziale Hierarchien unter Schülern ausgemacht werden. Die jeweilige Stellung in der Hackordnung definiert sich über die Nähe zur Königin beziehungsweise zum König des Pausenhofs. Deren oder dessen demonstrative Aufmerksamkeit ist die Währung, mit der Status erworben wird. Was unter Jugendlichen Einladungen in Whatsapp-Gruppen (oder in normalen Zeiten: Sturmfrei-Partys) sein mögen, ist unter Staatenlenkern ein direkter Draht zum US-Präsidenten - vor allem, wenn der neu im Amt ist.

Israels Premier Benjamin Netanjahu hat in diesem Spiel einige Erfahrung. Als er 1996 erstmals Ministerpräsident wurde, rang in den USA ein gewisser Bill Clinton um seine Wiederwahl. Mit den meisten Präsidenten verstand sich Netanjahu schon deshalb gut, weil er in Pennsylvania aufwuchs und bei passender Gelegenheit in den Zungenschlag der Menschen aus Philadelphia wechseln kann.

Als vor vier Jahren ein gewisser Donald J. Trump ins Oval Office einzog, wusste Netanjahu schnell, dass er auf dessen Unterstützung zählen kann: Seinen dritten offiziellen Anruf machte Trump bei jenem Mann, der mit der Familie seines Schwiegersohns und Beraters Jared Kushner so eng befreundet war, dass er einmal auf New-York-Besuch sogar in dessen Kinderzimmer übernachtete. In den folgenden Jahren verlegten die USA ihre Botschaft nach Jerusalem, erkannten Israels Hoheit über die Golanhöhen an, entwarfen einen Friedensplan nach Netanjahus Gusto.

Dauerklingeln in Jerusalem

Seit Joe Biden am 20. Januar die Amtsgeschäfte aufnahm, wartet Netanjahu jedoch zunehmend verzweifelt auf einen Anruf. Joe Biden, der in Scranton, Pennsylvania geboren wurde, hat eine Netanjahu ähnliche Sprachfärbung, die ließ er aber bisher nur die Staats- oder Regierungschefs von Kanada, Mexiko, Großbritannien, Indien, Frankreich, Deutschland, Japan, Australien, Südkorea und Russland hören, wie Israels UN-Botschafter Danny Danon kurz vor Bidens Telefonat mit Chinas Staatschef Xi Jinping twitterte, der deshalb in dieser Aufzählung fehlt. "Vielleicht wäre es nun an der Zeit, den Führer von Israel anzurufen, den engsten Verbündeten der USA?", fragt Danon - und verriet für den Fall, dass Trumps Team beim Auszug aus dem Weißen Haus alle Telefonbücher mitgenommen hat, gleich noch, wie man den erreicht: "Die Nummer des Premiers ist 972-2-6705555."

Mit diesem Tweet hat Danon wohl für ein Dauerklingeln in Jerusalem gesorgt, weshalb man sich in Netanjahus Büro anscheinend dafür entschied, die Verbindung stillzulegen. Obwohl die Zahlenfolge weiterhin auf der Webseite des israelischen Außenministeriums für den Dienstsitz des Premiers verzeichnet ist, ertönte am Donnerstagvormittag nur eine Ansage, dass die Nummer unbekannt sei, die Auskunft aber weiterhelfen könne. Wenn Biden dennoch Netanjahu erreichen wollte, würde er vermutlich jedoch einen Weg finden - nur scheint er eben das vorerst nicht zu wollen.

Trotz dieser demonstrativen Missachtung wird sich im Verhältnis zwischen den USA und Israel jedoch nicht alles ändern, das zumindest ließ der neue US-Außenminister Antony Blinken in einem seiner ersten Interviews durchblicken. Die Anerkennung von Israels Autorität über die Golanhöhen wird Biden wohl auf Weiteres nicht kassieren; das Schild, dass das ehemalige US-Generalkonsulat in Jerusalem seit 2018 als Botschaft ausweist, wird nicht abgeschraubt werden. Zwar bemüht sich Washington nun wieder um einen Draht zu den Palästinensern und will der totgesagten Zweistaatenlösung genauso neues Leben einhauchen wie dem Atomabkommen mit Iran. Doch Israels Sicherheit fühlen sich die USA weiterhin verpflichtet, zudem gibt sich Blinken sicher, dass Biden und Netanjahu bald eine Gelegenheit für ein Gespräch finden werden.

Der Premier im Spagat

In Wahrheit dürfte Netanjahu auch anderes zu tun haben, als vor dem Telefon auf einen Anruf aus Washington zu warten: Am Montag musste er in den gegen ihn laufenden Korruptionsprozessen erscheinen, in dieser Woche noch wollen die Richter entscheiden, ob sie in den kommenden Tagen mit der Anhörung von Zeugen beginnen wollen. Gleichzeitig läuft in Israel die derzeit weltweit erfolgreichste Impfkampagne, mit der sich Netanjahu ins rechte Licht setzen will - es ist schließlich gerade wieder Wahlkampfzeit. Um auch beim vierten Urnengang binnen zwei Jahren Erfolg zu haben, übt sich der Premier zudem an einem ungewöhnlichen Spagat. Er umwirbt erstmals arabische Wähler, während er gleichzeitig versucht, den Anschluss zum rechten Rand nicht zu verlieren.

Zwischen diesen extremen Polen liegt jedoch die für Wahlsiege eben auch nicht unwichtige Mitte, und die dürfte der twitternde Danny Danon bei seinem Aufruf an Biden im Blick gehabt haben. Neben seiner Tätigkeit als UN-Botschafter Israels ist er Vorsitzender der Weltorganisation des Likud - der Partei, mit der Benjamin Netanjahu trotz einiger Abspaltungen nochmals den Wahlsieg schaffen will. Und dass Netanjahus liberale Gegenspieler in Medien und Politik genüsslich die Tage zählen, an denen der am längsten amtierende Premier des Landes vom neuen Alphatier der internationalen Politik ignoriert wird, ist da sicher nicht hilfreich.

© SZ/kit
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