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AfD im Bundestag:Die kalte Analyse

Auch der Überraschungseffekt trägt zur großen Wirkung der nächsten Rede bei. Aber sie ist schon für sich etwas Besonderes - und wird zu einer Art Modell im Umgang mit der Alternative für Deutschland: Am 22. Februar steht ein weitgehend unbekannter CDU-Politiker aus Mecklenburg-Vorpommern am Rednerpult des Bundestags. Philipp Amthor ist erst 25 Jahre alt und sieht noch jünger aus. Aber an diesem Tag führt der junge Konservative die AfD in einer Art vor, wie sie es im Bundestag noch nicht erlebt hatte.

Kalt, ruhig und mit gezielten Schnitten filetiert er ihren Antrag zu einem Burka-Verbot in Deutschland. Amthor ist ein Neuling, er sitzt wie die zumeist viel älteren AfD-Abgeordneten erst seit wenigen Monaten im Bundestag. Hier aber lässt der junge Jurist sie wie Schuljungen aussehen, die einem Professor zuhören müssen.

Er sei auch gegen die Vollverschleierung, sagt er in seiner Antwort auf die AfD. Doch deren Antrag strotze vor falschen Behauptungen und Fehlern. Die zählt er alle auf, einen nach dem anderen, ruhig und gründlich. "Mit Ihrem Vorschlag operieren Sie eindeutig im grundrechtssensiblen Bereich", mahnt er die AfD, "und ich kann Ihnen nur die Empfehlung geben, wenn Sie da operieren, sollten Sie auch Ihr OP-Besteck kennen."

In den Reihen der AfD blickt man in konsternierte Gesichter, als Amthor den Abgeordneten vorhält: "Es ist ja nicht nur so, dass Sie den Vorsitzenden des Rechtsausschusses stellen, sondern es ist auch ein Faktum, dass ein Viertel Ihrer Fraktion Juristen sind. Diese Expertise findet sich in dem Antrag aber in keiner Weise wieder."

Vor allem in konservativen Kreisen macht der Auftritt Eindruck. Die sorgfältig vorbereitete Rede steht seither exemplarisch für den kalten, ruhigen Weg, der AfD ihre Grenzen aufzuzeigen.

Ein Satz soll reichen

Es ist ein Donnerstag im März, gerade eben hat der neue Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zum ersten Mal seine Politik skizziert. Für die AfD antwortet Heiko Heßenkemper. Und der zeichnet ein düsteres Bild von Deutschland. Das Land sei mit der "Titanic" zu vergleichen. Nur habe Deutschland nicht einen Eisberg gerammt; nein, die eigene Besatzung habe "die Sprengladung an die Schiffshülle gelegt", sagt er.

Laut Heßenkemper wird das Land "in allen Bereichen in Richtung Dritte Welt gestoßen". Er habe "als Deutscher auf diesem sinkenden Schiff schon nasse Füße". Bei Abgeordneten der SPD, der Grünen und der Linken lösen die Sätze erst ungläubiges Staunen aus, dann nur noch Gelächter. Das Gelächter könnte Ausdruck einer Strategie sein, es wird nun immer häufiger im Bundestag auf Hohn und Spott gesetzt. Hier wirkt es aber, wie ein unwillkürliches Lachen, das die Abgeordneten packt, die diese Rede als absurd und irgendwann nur noch als komisch empfinden.

Im Protokoll notiert der Stenograf immer wieder: "Lachen", mal bei der SPD, dann bei den Grünen oder den Linken. Am Ende ruft die Grüne Katrin Göring-Eckardt: "Wahnsinn!"

Der nächste Redner, Bernd Westphal von der SPD, reagiert darauf mit einem Prinzip, das sich fortan viele im Bundestag abschauen werden: Er widmet dem AfD-Mann genau einen Satz. Und der lautet: "Ich möchte Sie bitten: Verschonen Sie dieses Haus mit Ihrem nationalistischen Unsinn!"

Der nämlich sei unerträglich in einer Debatte, in der es um wirtschaftliche Entwicklung und Energie gehe. Danach spricht Westphal zum eigentlichen Thema und wird sich davon auch nicht mehr abbringen lassen. Ein Satz, eine Bemerkung, das muss reichen - so halten es viele Abgeordnete: Die AfD soll nicht der Rede - und damit auch keiner weiteren Redezeit wert sein.

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