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Traditionelle Wirtshäuser:Prosit und Amen

Früher hieß die Kraillinger Brauerei "Maria Eich" - genau wie der nahe Wallfahrtsort. Das führte zu lustigen Verwechslungen im Ort. Damals wie heute schätzen prominente und nicht prominente Besucher die friedliche Leichtigkeit im Biergarten.

Von Carolin Fries

Uta Kuttenberger sieht sie noch vor sich sitzen: die Opernsänger Hermann Prey und Fritz Wunderlich an einem Tisch in der Gaststube, manchmal gesellte sich der Komponist Alfons Bauer dazu oder aber der Schauspieler Gustl Bayrhammer. Auch Schlagersänger Peter Rubin ging in der "Kraillinger Brauerei" ein und aus "und den hat keiner übersehen, so groß wie der war", erinnert sich die frühere Wirtin. Dennoch: Groß gekümmert hat die Stars von einst, die sich hier fernab der großen Bühnen trafen, niemand. Es gab weder einen roten Teppich noch kreischende Fans oder Autogrammjäger. "Die Leute haben sie in Ruhe gelassen, es war ein leben und leben lassen", erzählt Kuttenberger.

Lässt man den Blick in den weitläufigen Biergarten schweifen, so will man meinen, seither habe sich nichts verändert. Die Nachmittagssonne dringt nur gedämpft durch das Laub der mächtigen Kastanien, darunter entspannte Gäste an hölzernen Tischen. "Die Brauerei war immer bodenständig, nie ein Ort zum sehen und gesehen werden", sagt Gerhard Kuttenberger, einer von Uta Kuttenbergers drei Söhnen, die das Areal bestehend aus Wirtschaft, Wohnhaus und Parkplatz vor vier Jahren von ihrem Vater Willi geerbt haben. Er war der letzte Inhaber, der hier noch Kraillinger Bier ausgeschenkt hat. Und das stand hoch im Kurs, bis die Kuttenbergers den Betrieb 1969 eingestellt und die Wirtschaft an das Ingolstädter Herrnbräu verpachtet haben.

Josef Kuttenberger, der Großvater von Willi Kuttenberger, hat die Brauerei 1914 gekauft und in den folgenden Jahren zu einer Gaststätte ausgebaut, wie sie in ihren Grundzügen bis heute besteht. Immer mehr Menschen zog es damals mit dem Bau der Vorortbahn und deren Elektrifizierung 1924 hinaus aufs Land. 1930 errichtete Kuttenberger ein neues Sudhaus, um das "Kraillinger Gold" herzustellen, wie das Bier genannt wurde. Brauzeit war vom Michaelistag Ende September bis St. Georg am 23. März wegen der für den Gärprozess nötigen niedrigen Temperaturen. Zur Konservierung wurde das Bier für den Sommer im Keller unter dem beschatteten Biergarten gelagert und mit Eisblöcken kühl gehalten, die im Winter aus dem nahen Berger Weiher geholt wurden. Neben der Brauerei betrieben die Kuttenbergers damals noch eine kleine Landwirtschaft und zwischen den Bänken und Tischen im Biergarten scharrten Hühner nach Essensresten, auch Schafe, Schweine oder Ziegen liefen hier frei herum. Eine Idylle, die magisch anzog - vor allem die "Stodara", also die Städter.

Die ersten Jahre noch hieß die Brauerei wie der nahe gelegene Wallfahrtsort "Maria Eich" - was zu lustigen Begebenheiten am Bahnhof führte, wenn Besucher sich an Ortskundige wandten, um nach dem Weg zu fragen. "Die Leute konnten in drei Gruppen unterteilt werden", schreibt Ludwig Berchtold in seiner Ortschronik "Geschichte und G'schichten aus dem Würmtal": "In solche, die zum Beten kamen und sich von der hl. Maria für ihre Gesundheit ein kleines Wunder erhofften. Aber auch solche, die ebenfalls ein kleines Wunder erwarteten, wenn ihr Stoffwechsel nicht mehr so richtig funktionierte. Diese zog es ebenfalls sofort nach Maria Eich, aber zur Bierbrauerei." Die allermeisten jedoch hätten das Beten mit dem Trinken verbunden. An diese Gruppe erinnert sich auch eine Zeitzeugin, die vor 50 Jahren in Krailling aufgewachsen ist. "Scharenweise kamen die Menschen nach der Messe über die Sanatoriumswiesen von der Wallfahrtskirche nach Krailling herunterspaziert." Der Biergarten sei sonntags immer "proppenvoll" gewesen. Ganz gewiss auch wegen der "Kraillinger Halben": Wer eine Maß gekauft hatte, bekam als Halbe danach einen Dreiviertelliter Bier. Uta Kuttenberger kann sich an einen Vatertag erinnern, an dem 42 Hektoliter aus dem Zapfhahn geflossen sind.

Urwaldkäfer

Die Einkehr in der "Kraillinger Brauerei" lässt sich mit einem Besuch des nahen Wallfahrtsorts Maria Eich verbinden. Hier haben die zwei Söhne des Schmieds Thallmayr zwischen 1710 und 1712 eine kleine Muttergottesstatue in den Hohlraum einer alten Eiche gestellt. Zwar wurde aus Maria Eich in den dreihundert Jahren kein weltberühmter Wallfahrtsort, doch ist die Kapelle allemal einen Abstecher wert. Der Klosterwald wurde 2019 im Rahmen der "UN-Dekade Biologische Vielfalt" ausgezeichnet. An seinen etwa 50 mächtigen, mehr als 250 Jahre alten Eichen nämlich konnten 240 Holzkäferarten nachgewiesen werden, darunter 88 Arten der Roten Liste. Was aber für Aufsehen sorgte, war der Nachweis von acht Urwaldreliktarten, also Arten, die nur in sehr alten und totholzreichen Wäldern vorkommen. Seither versucht eine Schutzallianz aus Staatsforsten, Forstbetrieb der Erzdiözese, Augustinerkloster Maria Eich, Landkreis München und Gemeinde Planegg sicherzustellen, dass neue Methusalembäume heranwachsen, die Heimat der Holzkäfer sein können, wenn die jetzigen Habitatbäume vergangen sind. Angenehm kühl und schattig ist es hier im Sommer obendrein. Carolin Fries

Sie wohnt noch immer in den oberen Etagen des entkernten Brauhauses, wie auch zwei der Söhne mit ihren Familien. Der Biergarten ist ihr Garten, hier spielen die Enkelkinder nachmittags im Schatten der Kastanien Fußball oder mit ihrer Oma Uta Karten. An das allabendliche Stimmengewirr und Scheppern der Krüge aus dem Biergarten haben sie sich gewöhnt, "es ist wie ein Grundrauschen", sagt Gerhard Kuttenberger. Die Leute kommen und gehen, bringen sich ihre Brotzeit mit und stapfen durch den Kies zur Schenke oder bestellen auf der Terrasse Carpaccio und Wein. Als "friedliche Leichtigkeit" hatte die Zeitzeugin die Stimmung in der Kraillinger Brauerei geschrieben. Sie hat sich bis heute gehalten.

© SZ vom 04.09.2020
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