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Coronavirus:Starnberger Klinikchef soll vier Landkreise durch die Pandemie führen

Thomas Weiler

Der 57-jährige Anästhesist ist Manager und Mediziner.

(Foto: Privat)

Thomas Weiler wird Krisenmanager für 13 Krankenhäuser und 2250 Betten in Starnberg, Fürstenfeldbruck, Dachau und Landsberg. Zunächst muss er die 80 Plätze auf den Intensivstationen verdoppeln.

Leere OP-Säle, freie Betten überall, Ärzte in der Warteschleife: In den Krankenhäusern im Landkreis herrscht der Ausnahmezustand, doch der sieht ganz anders aus als in Italien. "Die Kliniken sind derzeit nur zur Hälfte ausgelastet", sagt Thomas Weiler, Geschäftsführer der Starnberger Kliniken. In normalen Zeiten wäre er damit wohl seinen Job los, doch in der Corona-Krise hat man ihn gerade erst befördert. Denn freie Betten signalisieren: Wir sind vorbereitet. Als Ärztlicher Leiter soll Weiler im Auftrag der Staatsregierung die Kliniken in den Landkreisen Starnberg, Fürstenfeldbruck, Dachau und Landsberg am Lech durch die Pandemie steuern. Anstatt wie bisher für etwa 600 Betten in den Kreiskliniken ist der 57-Jährige nun für 2250 Plätze in 13 Krankenhäusern verantwortlich. Er ist überzeugt, dass die Langeweile auf den Klinikfluren nicht mehr lange währt: "Die Welle kommt. Die entscheidende Frage ist, wie hoch sie sein wird und mit welcher Wucht sie uns trifft."

Der Landkreis Starnberg stellt mit 970 Klinikbetten die größten Kapazitäten im Rettungszweckverband, der die vier Landkreise umfasst. Weiler leitet in Starnberg seit 2004 die Kliniken in Seefeld, Herrsching, Starnberg und Penzberg im Verbund, ist Chef von mehr als 2000 Mitarbeitern. Das alleine würde wohl schon ausreichen für die Berufung zu einem von 26 Krisenmanagern in Bayern, die dem Gesundheitsministerium bei der Lenkung der Patientenströme zur Seite stehen.

Im Krisenfall würde der Notarzt wieder den weißen Kittel überziehen

Was Weiler darüber hinaus auszeichnet: Er ist Anästhesist, Intensivmediziner und Notarzt, hat seine Ausbildung in Mainz sowie in den USA gemacht. Mehr als zehn Jahre arbeitete er in der Klinik, dann legte er den weißen Kittel für ein Managementstudium zunächst ab. Doch auch medizinisch bildete er sich fort, wurde Katastrophenmediziner. In keinem anderen medizinischen Bereich sehe man die Erfolge seines Handelns so unmittelbar wie hier, sagt er. Man müsse schnell reagieren, schnell entscheiden, schnell handeln. "In meiner Brust schlagen zwei Herzen", sagt Weiler, "das des Managers und das des Mediziners." Käme es hart auf hart, würde er jedenfalls nicht im Büro sitzen bleiben. "Ich bin sofort auf der Intensivstation oder auf dem Notarztwagen, wenn ich dort mehr helfen kann", sagt er.

Starnberg,  KKH 50 Jahre

Für 600 Betten in Starnberg, Herrsching, Seefeld und Penzberg ist Thomas Weiler sonst verantwortlich - im Auftrag der Staatsregierung bestimmt er nun über viermal so viele Plätze.

(Foto: Georgine Treybal)

Aktuell zählt er Betten und Beatmungsgeräte, verschafft sich einen Überblick über die Lage. Von den 2250 Betten sind knapp 80 Intensivbetten inklusive Beatmungsgerät. Seine Aufgabe sei es, die Zahl der Plätze auf den Intensivstationen zu verdoppeln, auch wenn nicht alle zusätzlichen Betten zwangsläufig über ein Beatmungsgerät verfügen müssten. Weiler nennt die Herausforderung "gigantisch", denn es gebe kaum Beatmungsgeräte auf dem Markt, "sie sind einfach noch nicht gebaut". 15 Geräte hat er in der vergangenen Woche geliefert bekommen, Bestellung und Logistik liefen über den Freistaat. Und auch ein Computertomograf für die Notaufnahme der Starnberger Klinik ist zugesagt. Das Gerät soll anhand von Lungenaufnahmen helfen, Infizierte herauszufiltern, die scheinbar gesund sind, deren Lunge aber bereits vom Virus befallen ist. Doch nicht alles klappt, auch Weiler wartet immer wieder auf Lieferungen von Schutzmaterial für das Personal. Der Markt sei überhitzt, sagt er, weil sowohl niedergelassene Ärzte als auch Kliniken und der Freistaat parallel bestellten. "Ich bekomme täglich 30 Angebote von Anbietern per E-Mail, die Preise liegen bis zu 30 Mal höher als normal. Es ist der Wahnsinn."

Als Hilfskrankenhäuser hat er Hotels und Reha-Zentren im Blick

Viel schwerwiegender als der Mangel an Schutzmaterial aber wird sich laut Weiler der Personalmangel bemerkbar machen. "Personal wird überall in den Kliniken fehlen, am meisten aber auf den Intensivstationen." Umschulungen oder Einweisungen ungeübter Pflegekräfte seien möglich, aber: "Auf den Intensivstationen spielt Erfahrung eine entscheidende Rolle." Gute Intensivmediziner hätten ein Gefühl dafür, wohin sich ein Patient entwickle. Weiler plädiert deshalb für eine "echte Mobilmachung" von Intensivpflegern. "Auf freiwilliger Basis ist das gut, aber irgendwann brauchen wir hier eine verpflichtende Anordnung."

Thomas Weiler

Thomas Weiler hat sich im Katastrophenschutz weitergebildet und mit seiner Bloodhound-Hündin Amelie eine Ausbildung für die Vermisstensuche absolviert.

(Foto: Privat)

Obwohl derzeit noch viele Betten leer stehen, nennt er die Situation "angespannt". Zwar gebe es derzeit keinen Brennpunkt in den Landkreisen des Zweckverbands, doch sei das Virus erst einmal in einem Pflegeheim oder einer Gemeinschaftsunterkunft, könne sich das binnen kürzester Zeit ändern. Nicht die Gefährlichkeit des Virus sei das Problem, sondern seine Schnelligkeit, sagt Weiler. "Ich kann den Atem schon im Nacken spüren." Also bereitet er alles vor, um jederzeit "vor der Lage zu sein", wie es im Katastrophenschutz-Jargon heißt. Bespricht sich in Video- und Telefonkonferenzen mit der Integrierten Leitstelle, den Führungsgruppen in den Landkreisen, der Regierung von Oberbayern und dem Gesundheitsministerium, der er täglich die aktuelle Bettenauslastung übermittelt. Stets an seiner Seite ist Bloodhound-Dame Amelie, die ebenfalls im Katastrophenschutz ausgebildet ist. Denn die fünfjährige Hündin und Weiler haben gelernt, zusammen Vermisste aufzuspüren.

In der Klinik hat Weiler das Tagesgeschäft an Kollegen abgegeben, er selbst hat jetzt das große Ganze im Blick. An diesem Donnerstag muss er der Regierung für jeden Landkreis ein mögliches Hilfskrankenhaus melden. Welche es sein werden, will er nicht verraten, aber: "Hotels und Reha-Kliniken, die bereits über eine Struktur mit Personal und Küche verfügen, bieten sich natürlich an." Am Nachmittag wird er noch einmal alles überdenken. Dann schaltet er sein Handy aus und geht mit Amelie für eine Stunde im Wald spazieren. "Das ist die Zeit am Tag, die mich runterbringt."

© SZ vom 02.04.2020
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