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SZ-Serie: Meter für Meter:Der lange Weg nach Süden

Wolfratshauser Straße

Helmut Haslinger betreibt eine Werkstatt für Oldtimer - nach seinen Worten die einzige und letzte in München.

(Foto: Florian Peljak)

Wer die Wolfratshauser Straße entlang fährt, blickt auf moderne Wohnsiedlungen, entdeckt alte Zollhäuschen und trifft auf Menschen wie Helmut Haslinger, der in seiner Werkstatt Oldtimer repariert und Zithern baut.

Von Oliver Klasen

Straßen sind die Lebensadern der Stadt. Viele sind bekannt, manche sind berühmt, andere erzählen einfach nur gute Geschichten. Ein Streifzug.

Helmut Haslinger ist ein Gesicht der Wolfratshauser Straße, dabei wohnt er gar nicht in ihr. Haslinger bewohnt das Doppelhaus in der Dr.-Carl-von-Linde-Straße 3/5, einem nicht einmal 100 Meter langen Stück, das früher mal Wolfratshauser Straße war, aber 1982 umbenannt wurde, als die Brücke über die Bahnlinie fertiggestellt war. Nur die kleine Garage, in der Haslinger werkelt - "Geschäftszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 18 Uhr" steht auf einem kleinen Schild an der Tür - gehört zur Wolfratshauser Straße. Nummer 159. Doppelhaus und Garage, kurz vor dem S-Bahnhof, fallen sofort auf, nicht nur, weil sie eidottergelb gestrichen sind, sondern auch, weil manchmal vor der Garage ein Sechzigerjahre-Mercedes aufgebockt ist. Spurstange, Gelenk und Getriebeaufhängung müsse er richten, sagt Haslinger, der Kunde warte schon auf die Reparatur. Oldtimer richten und Zithern bauen, das sind die beiden Geschäftsfelder, auf die sich Haslinger verlegt hat. Beides erfordert Geduld, Liebe zum Detail und ein Gespür für den richtigen Klang. Und beides, die Oldtimer und die Zithern, hat Haslinger, gelernter Graveur, ursprünglich als Hobby angefangen, dann zum Beruf gemacht und inzwischen, mit 81, ist es eine Mischung aus beidem. "I tu nur noch gemütlich dahin. I bin ja scho so oid", sagt Haslinger.

Gemütlich ist es auf der Wolfratshauser Straße sonst nur bedingt. Sie ist Teil der B11, eine stark befahrene Ausfallstraße und erschließt nicht nur den Münchner Süden, sondern auch Pullach, Baierbrunn, Schäftlarn und für diejenigen, die nicht über die A95 fahren wollen, auch jene Stadt, die ihr den Namen gibt. Obwohl sie sich über 4,5 Kilometer von Thalkirchen bis an die südliche Stadtgrenze zieht, ist sie bei Weitem nicht die längste Straße Münchens. Das wäre sie nur, wenn Pullach und Baierbrunn zu München gehören würden, denn auch dort heißt die B11, mit anderer Nummerierung, Wolfratshauser Straße, bevor sie kurz vor Schäftlarn in die Münchner Straße übergeht. Immerhin, den Titel "längste Straße, die nur durch einen Stadtbezirk führt" kann die Wolfratshauser Straße für sich verbuchen, denn sie liegt komplett im Bezirk 19, in dem Thalkirchen, Solln, Obersendling, Forstenried und Fürstenried zusammengefasst sind.

Wer an der Einmündung der Boschetsrieder Straße in Richtung Süden läuft, erkennt, dass die Hausnummern nicht bei 1 und 2 beginnen, sondern bei 26 und 27. Haus Nummer 27 steht auf der in diesem Bereich kaum bebauten linken Straßenseite, direkt auf der Hangkante des Isarhochufers. Ein für München eher ungewöhnlicher gelber Klinkerbau, der an den beiden kurzen Seiten mit Treppengiebeln verziert ist. Darin ist der Fachverlag Dr. Friedrich Pfeil untergebracht, der wissenschaftliche Bücher zu Geologie, Biologie und Paläontologie herausgibt. Ansonsten sind die meisten Gebäude in diesem Teil der Wolfratshauser Straße Wohnhäuser, unspektakuläre Bauten aus der Nachkriegszeit wechseln sich mit villenartigen älteren Häusern ab. Bei Hausnummer 54, immerhin, ein Sinnspruch am Straßenrand. "Kein Leben, das sich lohnt ist leicht" steht dort auf einer langgezogenen Leuchte im Vorgarten.

Links Natur, rechts Gewerbe, das ist die Aufteilung ein paar hundert Meter weiter. Den Kreppeberg hinunter geht es zum Naturbad Maria Einsiedel, über die Ludwigshöher Straße hinunter zum Hinterbrühler See. Zwischen Supermarkt und Tankstelle, bei Nummer 90, befindet sich ein zweistöckiges Lagergebäude. "Giesing Team" steht auf einem Schild. Dahinter verbirgt sich eine Firma, die sechs Tonstudios betreibt, ursprünglich, wie es auf der Website heißt, "aus den Staubüberresten von Konstantin Weckers ehemaligem Tonstudio" hinter dem Café Giesing gegründet und dann, als sie größer wurde, hierhin umgezogen. Niemand außer den Kunden kenne das Giesing Team, schreiben die Betreiber, aber jeder höre es, denn in den Studios werden unzählige Radiospots, Werbefilme, Kinotrailer und Hörbuchproduktionen vertont. Wer noch ein bisschen weitergeht oder weiterfährt, könnte auf die Idee kommen, hier sei München schon zu Ende, auf beiden Seiten der Straße erstrecken sich Wiesen und Felder. Rechts fällt der Blick über Maisfelder auf die Türme des Südseite-Quartiers, das bis 2014 auf dem ehemaligen Siemens-Gelände errichtet wurde. Auf der linken Straßenseite kann man gegen Gebühr Blumen pflücken oder Erdbeeren selbst ernten. Kurz dahinter steht das Krankenhaus Martha-Maria, Hausnummer 109, eine Diakonie-Klinik mit 110 Betten, in der pro Jahr mehr als 6000 Patienten behandelt werden.

Ein Stück Münchner Geschichte, das sich hinter Nummer 139 verbirgt, Höhe Großhesseloher Straße, übersieht man beinahe, denn das Haus ist fast komplett zugewachsen. Hier verlief einst die Stadtgrenze zwischen dem 1900 eingemeindeten Thalkirchen und dem bis 1938 noch eigenständigen Ort Solln. Das Haus, das heute die Nummer 139 trägt, war damals ein Zollhaus, hier musste Pflasterzoll für die Benutzung der gepflasterten Straße entrichtet werden. Ein kleiner Erker auf der Rückseite hat vielleicht als Schalter für die Zollbeamten gedient. Entworfen wurde der zweistöckige Bau mit zwei kleinen Türmchen im Jahr 1900 vom damaligen Stadtbaurat Hans Grässel, der auch die vier großen Münchner Friedhöfe, den Waldfriedhof, den Westfriedhof, den Nordfriedhof und den Ostfriedhof geplant hat. Das alte Zollhaus liegt am Rande der Prinz-Ludwigs-Höhe, einem Viertel, in dem zahlreiche Gründerzeitvillen stehen.

Wenige Meter weiter erstreckt sich vor und hinter der S-Bahn-Station das Zentrum des Stadtteils Solln. Bäcker, Metzger, Drogerie, Apotheke, Cafés und Restaurants, eine kleinteilige Struktur, in der auch viele Handwerksbetriebe Platz finden, so wie Haslingers Werkstatt. Die gibt es erst seit 2002, obwohl es im Inneren, wo Musikinstrumente zwischen Autoersatzteilen an der Wand hängen, so aussieht, als würde hier schon seit Jahrzehnten gearbeitet. Bevor er das Haus kaufte, hatte Haslinger auf der anderen Straßenseite in einer Autowerkstatt gearbeitet, die jedoch einem Ärztehaus weichen musste. Etwa 300 Zithern besitzt er und mehrere Oldtimer, unter anderem einen Pagoden-Mercedes 230 SL, Baujahr 1965, der in der BR-Serie "Irgendwo und sowieso" eine Rolle spielte. Ähnlich markant wie Haslingers gelbes Haus ist auch Nummer 224, ein halbrunder, unter Denkmalschutz stehender Flachbau, der für die Fünfzigerjahre typisch war, aber in München nur noch selten anzutreffen ist.

Die S-Bahnstation wurde vor fast genau elf Jahren bundesweit bekannt, weil hier der Unternehmer Dominik Brunner zu Tode kam. Weil er sich schützend vor eine Gruppe Kinder gestellt hatte, geriet er in Streit mit zwei Jugendlichen, die ihn brutal zusammenschlugen. Brunner starb später im Krankenhaus. Heute erinnert auf dem Bahnsteig ein rostbraunes Denkmal aus drei Figuren an sein Schicksal.

Typisch für den südlichen Teil der Wolfratshauser Straße, die bei Nummer 350 am Kloster St. Gabriel endet, sind zurückgesetzte Gebäude, in denen sich im Erdgeschoss Läden und Handwerksbetriebe finden. Heißmangel, Getränkemarkt, Restaurant, Friseur, Kaminbau - soll niemand sagen, Solln wäre schlecht versorgt.

© SZ vom 08.09.2020/vewo

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