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SZ-Serie: Meter für Meter:Geld stinkt nicht

Den Eingang zur Sparkassenstraße markiert - klar - die Stadtsparkasse.

(Foto: Robert Haas)

Die Sparkassenstraße verläuft, wo einst der Pfisterbach durch die Altstadt floss - in den die Münchner ihre Abfälle warfen. Heute findet man dort Anleger, Touristen und jede Menge Radler.

Von Thomas Anlauf

Straßen sind die Lebensadern der Stadt. Viele sind bekannt, manche sind berühmt, andere erzählen einfach nur gute Geschichten. Ein Streifzug.

Das Sträßlein klingt nach Kleinkredit. Die Münzstraße, die kurze Gasse an der Ecke, hört sich wenigstens nach handfestem Geld an. Aber Sparkassenstraße? Das hat vom Namen her den Charme eines Überweisungsformulars. Aber das ist ungerecht. Wer vom Alten Rathaus nach Norden blickt, erkennt, weshalb das einstige Bräuhausgässchen vor 113 Jahren nach dem Kreditinstitut im Herzen der Altstadt benannt wurde. Hans Grässel erbaute den imposanten Gebäudekomplex zwischen 1906 und 1908 im Stil der deutschen Renaissance mit Eckturm und Staffelgiebeln. Was selbst Münchner kaum wissen: Wo heute vor allem Touristen auf der Suche nach dem Hofbräuhaus unterwegs sind, floss damals noch auf der gesamten Straßenbreite der Sparkassenstraße der Pfisterbach.

An einigen Ecken kann man bei einem guten Glas Wein auch die Aussicht auf die historischen Häuser genießen.

(Foto: Robert Haas)

Die nur 300 Meter lange Straße zwischen Tal und Falkenturmstraße ist äußerst geschichtsträchtig. Trubel und Menschentrauben wie am Marienplatz oder in der Neuhauser Straße gibt es hier dennoch nicht. Es fehlt die Weite, um die alten, oftmals denkmalgeschützten Häuser aus gebührender Entfernung richtig würdigen zu können. Da thront auf halbem Weg nach Norden das Zerwirkgewölbe aus dem Jahr 1264 an der Altstadtterrasse, das einst Brauhaus, Falkenhaus und schließlich eine höfische Schlachtstätte war.

Doch genau genommen gehört das Zerwirk gar nicht zur Sparkassenstraße, sondern zum erweiterten Ensemble des Alten Hofs, der auf der Ostseite seit einigen Jahren eine nichtssagende moderne Fassade hat. Doch auf der anderen Straßenseite, passenderweise am Eck zur Pfisterstraße, liegt das älteste Mühlengebäude Münchens, die Pfistermühle. Im Sommer ist sie kaum noch zu sehen, sie ist von dichtem Klettergrün eingewachsen.

Tradition und Moderne: Ulla Stemmer verkauft im "Dirndl-Eck am Platzl" edle Tracht.

(Foto: Robert Haas)

Schon am Morgen sitzen hier Gäste in der Sonne vor dem verwinkelten Restaurant, oftmals sind es Touristen, die im benachbarten Hotel Platzl residieren. Hier ist das Herzstück der Wirtefamilie Inselkammer. Seit 2014 leitet Wiesnwirtesprecher Peter Inselkammer das Hotel, neben der Pfistermühle zählen auch unter anderem das Ayingers am Platzl sowie die Platzlgassen in unmittelbarer Umgebung zum Imperium der Familie. Direkt am Eingang zur Münzstraße liegt im Hotel ein ganz besonderes Geschäft: die "Dirndl-Ecke". Wer sie durch die klingelnde Eingangstür betritt, taucht in eine andere Welt ein.

Ulla Stemmer steht oben auf der Balustrade, natürlich im Dirndl mit einer Edelweißkette um den Hals. "Ich liebe Tracht und Tradition", sagt die Münchnerin. Sie hatte früher ein kleines Hotel in Schwabing, doch seit einigen Jahren arbeitet die Münchnerin bei Bobby Gebler-Indra, der Geschäftsführerin von "Indra Trachtenmoden", wie das Geschäft auch heißt. In einer Glasvitrine liegt Silberschmuck für Frauen und auch für Männer, die handgefertigten Dirndl und Lederhosen erinnern daran, dass eigentlich die Wiesn vor der Tür stünde, wenn Corona nicht wäre.

Die Auswirkungen der Pandemie merkt Ulla Stemmer auch an der Kundschaft. Internationale Touristen fehlen seit Monaten weitgehend, deutsche Urlauber schauen trotzdem regelmäßig im Laden vorbei. "Gerade die Rheinländer, die sind an bayerischer Tracht interessiert", erzählt die Verkäuferin. Natürlich seien auch viele Trachtler unter den Stammkunden - und neugierige Gäste vom Hotel Platzl nebenan.

Die Touristen haben mittlerweile ihr Frühstück beendet und bummeln durch die Sparkassenstraße in Richtung Viktualienmarkt. Der Gehweg ist schmal, fast noch wie zu Zeiten, als der Pfisterbach hier durchfloss. Einst diente er für die Bewohner meist als Abwasserkanal, sie schmissen ihre Abfälle einfach aus dem Fenster hinunter in den schnell dahinfließenden Bach, der sich weiter nördlich mit dem Westlichen Stadtgrabenbach vereinte, der heute unter der Herzog-Wilhelm-Straße fließt und in Teilen wieder an die Oberfläche geholt werden soll.

Peer Schumann in seinem Haxnbauer.

(Foto: Robert Haas)

Die beiden Bäche hatten das gleiche Schicksal, Anfang des 20. Jahrhunderts wurde auch der Pfisterbach überbaut, ob er jemals wieder oberirdisch fließen wird, ist fraglich. Zumal die Sparkassenstraße längst eine wichtige Nord-Süd-Querung für Radler geworden ist. Sie wurde vor gut vier Jahren als erste Altstadtstraße zur Fahrradfurt deklariert, auf der allerdings nach wie vor Autos fahren dürfen. Für viele Radler hat diese Lösung deshalb nur symbolischen Charakter, zumal es in der Straße keinerlei Abstellmöglichkeiten gibt.

Der geringe Platz am Straßenrand führt auch dazu, dass es praktisch keine Sitzmöglichkeiten vor den Restaurants gibt. Der Haxnbauer etwa hat lediglich ein paar kleine Tische vor der Tür, drinnen brutzelt Peer Schumann für die wenigen Gäste am späten Vormittag schon Haxen. Auch Alex Schäffner hat gerade nicht allzu viel zu tun. Er sitzt schräg gegenüber dem Haxnbauer im Antiquitätengeschäft seiner Eltern und wartet auf Kundschaft.

"Wir sind schon froh, dass das hier nicht das Tal ist", sagt Schäffner. Der Trubel der Touristen, die dann bei "Antiquitäten im Alten Hof" ein- und ausgehen würden, wäre kaum das richtige Ambiente für seriöse Käufer. Und die kommen regelmäßig vorbei, viele Stammkunden aus München und dem restlichen Bayern sind es, aber die Schäffners haben auch Kundschaft aus Übersee, aus den USA etwa und aus verschiedenen asiatischen Ländern. Manchmal schauen aber auch einfach Neugierige vorbei und betrachten die Möbel und die Kunst aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert. Da gibt es etwa einen Notenständer in Form einer Lyra aus dem 18. Jahrhundert, oder eine Biedermeier-Vitrine aus dem frühen 19. Jahrhundert.

Wenn sich unter leisem Klingeln die Tür zu dem Antiquitätengeschäft öffnet und sich ein paar neue Kunden im Laden umsehen, kommt es vor, dass gleich weitere Neugierige hinterher kommen. "Viele wollen nur kucken, die nutzen es als Museumsbesuch", sagt Alex Schäffner und lacht. Klar, nicht jeder kann sich im Urlaub mal eben einen massiven 200 Jahre alten Esstisch mitnehmen. Wem das nötige Geld für eine solche Anschaffung fehlt, sollte bedenken, in welcher Straße er gerade ist: Kleinkredite gibt es gleich am Eck.

© SZ vom 25.08.2020/kafe
Leute, die gemütlich in den Straßencafés sitzen, flanieren, einkaufen oder ratschen: die Türkenstraße.

SZ-Serie: Meter für Meter
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Von Dominik Hutter

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