Mordanklage in München:"Todespfleger" wollte im Dienst offenbar seine Ruhe haben

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Mordanklage in München: Im Münchner Klinikum rechts der Isar wurde ein Oberarzt stutzig, weil sich der Zustand zweier Patienten plötzlich und unerklärlich verschlechtert hatte.

Im Münchner Klinikum rechts der Isar wurde ein Oberarzt stutzig, weil sich der Zustand zweier Patienten plötzlich und unerklärlich verschlechtert hatte.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann zwei Morde, mehrere Mordversuche sowie gefährliche Körperverletzung im Klinikum rechts der Isar vor. Er soll Patienten sedierende Medikamente gespritzt haben.

Von Susi Wimmer

Er wollte einfach im Dienst seine Ruhe haben, spritzte den Patienten sedierende Medikamente und nahm in Kauf, dass diese starben oder sich ihr Zustand lebensbedrohlich verschlechterte: So sieht es die Staatsanwaltschaft, die nun einen ehemaligen Krankenpfleger aus dem Münchner Klinikum rechts der Isar angeklagt hat wegen zweifachen Mordes, sechs Mordversuchen, gefährlicher Körperverletzung und Diebstahls. Wie Juliane Grotz, Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I, der SZ sagte, gehe man von den Mordmerkmalen der niedrigen Beweggründen und der Heimtücke aus. Die beiden Todesopfer waren laut Staatsanwaltschaft 80 und 89 Jahre alt. Der Prozess könnte nach Zulassung der Anklage frühestens Ende des Jahres beginnen.

Der Fall hatte im November 2020 erstmals Schlagzeilen gemacht. Damals teilten die Behörden mit, dass sie in drei Fällen wegen des Verdachts auf versuchten Mord ermitteln. Die Staatsanwaltschaft warf dem bei seiner Festnahme 24-Jährigen vor, drei Patienten im Alter von damals 54, 90 und 91 Jahren aus reiner Geltungssucht mit Medikamenten in Lebensgefahr gebracht zu haben, um dann bei ihrer Rettung zu glänzen. Chatprotokolle legten das nahe, wie die Staatsanwaltschaft damals mitteilte.

Allerdings hatten die Ermittlungen im Laufe der Monate ein anderes Bild gezeichnet: Laut Juliane Grotz wollte der Pfleger schlichtweg weniger Stress im Dienst haben und verabreichte den Patienten auf der Wachstation sedierende Medikamente. Neben dem Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe sieht die Staatsanwaltschaft auch ein heimtückisches Vorgehen des Mannes. Denn die Patienten seien arg- und wehrlos gewesen.

Ein aufmerksamer Oberarzt war stutzig geworden, weil sich der Zustand von zwei Patienten plötzlich und unerklärlich verschlechtert hatte. Interne Ermittlungen ergaben Hinweise auf einen ähnlichen Fall, bei dem auch der Beschuldigte Dienst hatte. Und bei all diesen Patienten fanden sich Spuren nicht verordneter Medikamente im Blut. Die Klinik zeigte den Pfleger an, er bestritt die Vorwürfe bei seiner Festnahme.

Zunächst war die Staatsanwaltschaft von etlichen Fällen, "im niedrigen zweistelligen Bereich" ausgegangen. Staatsanwältin Grotz sagt, dass einige Fälle eingestellt wurden - teils sei kein Tatnachweis zu führen gewesen, teils würden andere Fälle im Angesicht der angeklagten Taten bei einer möglichen Verurteilung nicht ins Gewicht fallen.

Der ausgebildete Altenpfleger aus Nordrhein-Westfalen war im Juli 2020 über eine Zeitarbeitsfirma in die Klinik gekommen und dort vor allem auf der Wachstation im Einsatz, einer Zwischenstation zwischen Intensiv- und normaler Station, auf der Kranke rund um die Uhr betreut werden. Die Ermittlungsgruppe der Polizei, die sich mit dem Fall befasst, trägt daher den Namen "Wachstation".

Der Fall erinnert an einen anderen Münchner Fall, der im Herbst 2020 vor dem Landgericht verhandelt wurde: Ein Hilfspfleger aus Polen hatte pflegebedürftigen alten Menschen eine Überdosis an Insulin verabreicht, um seine Ruhe zu haben - und auch, um die Patienten zu bestehlen. Der 38-Jährige wurde wegen dreifachen Mordes, einmalig versuchten Mordes und vierfacher gefährlicher Körperverletzung zu lebenslanger Haft verurteilt. Zudem stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest, was bedeutet, dass der 38-Jährige erst nach durchschnittlich 20 Jahren freikommen könnte. Anschließend aber, so verfügte die Kammer, werde der Mann in Sicherungsverwahrung genommen.

Tötungsdelikte in der Pflege sorgen deutschlandweit immer wieder für Schlagzeilen: etwa der als "Todespfleger" bekannt gewordene Patientenmörder Niels Högel. Er war in Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst als Krankenpfleger in der Intensivmedizin tätig und tötete dort nach Feststellung des Landgerichts Oldenburg 85 Patienten mittels medizinisch nicht indizierten Medikamenten. Dabei ging es ihm darum, sich danach um die Reanimation der Patienten zu bemühen und vor Kollegen gut dazustehen. Das Landgericht verurteilte Högel 2019 zu lebenslanger Haft und stellte die besondere Schwere der Schuld fest.

2016 verurteilte das Landgericht München I eine Hebamme des Klinikums Großhadern wegen siebenfachen Mordversuchs im Kreißsaal zu 15 Jahren Haft. Nach Überzeugung des Gerichtes hatte die Frau Patientinnen bei Kaiserschnitt-Geburten heimlich Blutverdünner gegeben. Ohne Notoperationen wären sie gestorben.

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