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Lehel:Der Traum von der Libeskind-Synagoge

An einen Bergkristall erinnert die Form der Synagoge, die unweit der Isar entstehen soll. Rechts befindet sich die Kapelle des Vincentinum-Seniorenheims.

(Foto: amanda.ice; Libeskind Bau/Studio Libeskind)

Die jüdische Gemeinde Beth Shalom hofft auf den Bau eines Gotteshauses im Lehel. Die Stadt hat den Entwurf des weltberühmten Architekten abgesegnet - doch das nötige Geld fehlt noch.

Von Bernd Kastner

Der Bau einer zweiten repräsentativen Synagoge in München rückt näher. Die Stadt hat der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom den sogenannten Vorbescheid erteilt, damit ist der Rahmen für das Projekt offiziell abgesegnet. Bauen will die liberale Gemeinde im Lehel auf einem städtischen Grundstück, endgültig entschieden hat sie sich aber noch nicht, die Finanzierung ist noch offen. Der Entwurf stammt vom New Yorker Architekt Daniel Libeskind, der sich seit zwölf Jahren mit dem Projekt beschäftigt. "Ich bin begeistert", schrieb er in einem Statement. "In Zeiten spaltender Rhetorik, des Aufstiegs des Neofaschismus und des Antisemitismus ist die Beth Shalom-Synagoge ein Beweis für die demokratischen Werte Deutschlands in Bezug auf Toleranz, Inklusivität und Vielfalt."

Libeskind hat für die bisherige Brachfläche Am Gries, nördlich der Prinzregentenstraße und nur eine Häuserzeile von der Isar entfernt, eine Kombination aus Wohngebäude und Synagoge entworfen; die äußere Form des Gotteshauses erinnert an einen Bergkristall. Bekannt wurde Libeskind in Deutschland durch den Bau des Jüdischen Museums in Berlin, das Münchner Projekt ist sein erster Synagogenbau. Im Vergleich zum ersten Entwurf von 2011 hat sich die Raumaufteilung leicht verändert. Nun sind 40 Prozent für Wohnungen vorgesehen, 25 für eine Kita und 35 für die Synagoge sowie Gemeinderäume.

Während die orthodoxe Israelitische Kultusgemeinde (IKG) rund 9500 Mitglieder zählt und 2006 ihre Synagoge am Jakobsplatz eröffnete, vertritt Beth Shalom eine liberale Richtung des Judentums. Die knapp 600 Mitglieder nutzen bisher Räume in einem Gewerbebau in Sendling, wo es in der Synagoge aber nur knapp 200 Plätze gibt.

Jan Mühlstein, 71, war viele Jahre Vorsitzender von Beth Shalom, seit diesem Jahr leitet er die Stiftung, mit deren Hilfe die Gemeinde das ambitionierte Projekt realisieren will. Noch, betont Mühlstein, habe sich Beth Shalom nicht definitiv für den Bau entschieden, wenn auch der Antrag auf Vorbescheid eine Weichenstellung war. Die endgültige Entscheidung erwarte er für kommendes Jahr. Noch ist eine zentrale Frage ungeklärt: Wer hilft mit, den Bau zu finanzieren?

Man brauche unbedingt mehrere große Spender, sagt Mühlstein. Allein der Synagogenteil würde mehrere Millionen Euro kosten. Zwar hoffe man darauf, jeweils ein Drittel der Kosten von Stadt und Freistaat finanziert zu bekommen, aber auch dann müsste die Gemeinde noch eine siebenstellige Euro-Summe aufbringen.

Wegen des Wohngebäudes im Projekt, das sich an die bestehende Bebauung an der Crusiusstraße anschließen soll, macht sich Mühlstein keine Sorgen: Dafür suche man einen Investor, der alles abwickeln und finanzieren solle. Auf knapp 1500 Quadratmeter Wohnfläche könnten um die zwölf Wohnungen entstehen. Für die Kita oder Krippe brauche man einen Betreiber. Wunsch der Gemeinde sei es, dort ein jüdisch geprägtes Konzept umzusetzen, aber auch offen zu sein für Kinder mit anderen Religionen.

Anna Grube, Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde München, und Jan Mühlstein, ihr Vorgänger, auf dem geplanten Grundstück.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Jetzt, da der genehmigte Vorbescheid auf dem Tisch liegt, gehe man die nächsten Schritte an, erklärt Mühlstein: Zunächst stehe die Entwurfsplanung durch die Architekten an, um dann grob zu wissen, was der ganze Bau koste; die Gemeinde arbeitet eng mit dem Münchner Architekten Wolfgang Gollwitzer zusammen, der den Kontakt zu Libeskind halte. Dann gelte es, Unterstützung zu gewinnen, im Stadtrat und in der Verwaltung. Anschließend müsse die Gemeinde entscheiden, ob sie der Stadt das Grundstück abkauft, dies wäre das definitive Ja zum Bau.

"Das Schlimmste wäre, das Projekt zu beginnen und zu scheitern." Mühlstein skizziert die weiteren Schritte zurückhaltend, er und die Gemeinde wollen aus Fehlern lernen: Zu Beginn der Synagogen-Diskussion sei man "zu vollmundig an die Öffentlichkeit gegangen" und habe "Erwartungen geweckt, die wir nicht erfüllen konnten". Im Rathaus reagierte so mancher verschnupft. Also ist Mühlstein jetzt lieber vorsichtig: "Ich halte es für realistisch, dass es nicht mehr so lange dauert wie bisher", sagt er und grinst. Also keine zwölf Jahre mehr.

Immerhin, er habe noch keine negativen Reaktionen wahrgenommen, weder aus der Politik, noch aus der Nachbarschaft, im Gegenteil. Als das Projekt im Juli in der Stadtgestaltungskommission beraten wurde, gab es keine nennenswerten Einwände. Einen Architektenwettbewerb lehnt die Kommission ab angesichts der Chance auf einen Bau von einem der weltweit bekanntesten Architekten. "Unser Vorteil ist der Name Libeskind", sagt Mühlstein. Der Name stehe für spektakuläre Bauten und öffne Türen.

Durch "Chuzpe" sei 2008 der Kontakt der kleinen Gemeinde zu dem heute 74-jährigen Libeskind zustande gekommen: Die damalige Vorsitzende von Beth Shalom habe einfach einen Brief geschrieben und ihn gefragt, ob er Lust auf so ein Projekt in München habe. Libeskind blieb trotz der jahrelangen Verzögerungen bei seiner Zusage.

2011 präsentierte er seinen ersten Entwurf. Seither ist, öffentlich wahrnehmbar, wenig vorangegangen auf dem Weg zu einer neuen Synagoge. Im Hintergrund aber diskutierten sie in der Gemeinde, was sie wollen, was sie schaffen könnten. Inzwischen sieht Mühlstein die Gemeinde stark genug für solch ein Vorhaben. Hatte Beth Shalom vor zwölf Jahren noch rund 300 Mitglieder, seien es inzwischen fast doppelt so viele. Jedes Jahr kämen mehrere Dutzend hinzu, durch Geburt, durch Zuzug, oder, weil IKG-Mitglieder auch bei Beth Shalom dabei sein wollen. "Wir sind nicht weniger religiös als eine orthodoxe Gemeinde", sagt Mühlstein. Man lege nur manche Regel anders aus. Für eine pluralistische Gesellschaft sei wichtig, dass auch das Judentum seine Vielfalt sichtbar mache. "Wir freuen uns", sagt Anna Grube, die Vorsitzende von Beth Shalom, "dass wir unserem Traum von einer eigenen Synagoge nun etwas nähergekommen sind."

© SZ vom 17.08.2020/flud
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