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Schlosspark Nymphenburg:Ein Paradies für extrem seltene Tierarten

Erstaunliche Erkenntnisse über Tier- und Pflanzenarten in den Park- und Gartenanlagen der Schlösserverwaltung. Vorstellung an der Amalienburg.

Wolfram Güthler, Referatsleiter im Umweltministerium, zeigt den seltenen Käfer Triplax lacordairei, der im Schlosspark Nymphenburg lebt.

(Foto: Florian Peljak)

Der Park ist seit Jahrhunderten eine Welt für sich, weitgehend abgeschirmt vom Umland. So wurde er zum letzten Rückzugsort vieler Pflanzen und Tiere.

Wo einst Kurfürsten, Prinzessinnen und Könige unter frischem Laub lustwandelten, treiben sich heute Wesen herum, die fast ebenso exquisit sind wie die erlauchten bayerischen Herrscher. Zum Beispiel der Pilzkäfer mit dem zoologischen Namen Triplax lacordairei. Dass der kleine schwarzglänzende Geselle im Schlosspark Nymphenburg lebt, hätte kein Mensch gedacht. Dennoch ist es so: Wissenschaftler haben ihn dort entdeckt, es ist der erste belegte Nachweis des Käfers in Deutschland. Und es gibt noch andere spektakuläre Funde im Schlosspark, der zur Kurfürstenzeit noch weit außerhalb der Stadt lag. Die seltenen und häufig vom Aussterben bedrohten Tiere und Pflanzen haben Experten im Rahmen des staatlichen "Kooperationsprojekts Artenschutz" ausfindig gemacht. Dabei wurden die historischen Grünanlagen von Schloss Nymphenburg, der Park Rosenau bei Coburg sowie Fauna und Flora der Eremitage Bayreuth untersucht.

Die Ergebnisse der vor rund zwei Jahren gestarteten Feldforschung sind so erstaunlich, dass zwei veritable Minister am Dienstagnachmittag an der Amalienburg im Schlosspark ihre Aufwartung machten, um die diversen Funde biologischer Raritäten und nicht zuletzt sich selbst bei Kaiserwetter zu feiern. So frohlockte Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber: "Schlossgärten sind Hotspots der Artenvielfalt." Ähnlich begeistert äußerte sich Finanzminister Albert Füracker, den nicht nur die Deutschland-Premiere des Pilzkäfers Triplax lacordairei aufs Höchste erfreute, sondern auch das Artenschutz-Projekt insgesamt, denn: "Neben der Bewahrung des kulturellen Erbes ist auch die Erhaltung der Biodiversität besonders wichtig."

Tatsächlich hat die Studie ergeben, dass die drei Schlossparks bedeutsame Refugien seltener Arten sind. So ist die Parkanlage Rosenau ein Rückzugsort seltener und gefährdeter Wiesenpilze. Von 18 dort nachgewiesenen Wiesenpilzarten stehen 16 auf der Roten Liste, darunter Keulenpilze wie die Fleischfarbene Keule und die Schönleuchtende Wiesenkeule. In der Eremitage Bayreuth hat sich unter anderem der Schwarzkäfer als Urwaldreliktart erhalten.

Aber auch der Nymphenburger Schlosspark ist eine Arche Noah, in der rare Geschöpfe dem Artensterben trotzen. Neben besagtem Pilzkäfer oder der gefährdeten Knautien-Sandbiene lebt dort die Bedornte Wespenbiene, ein Insekt, das sich seit 140 Jahren nicht mehr in München hat blicken lassen. In Südbayern ist die Wespenbiene fast verschwunden, in München wiederum ist sie bis dato nur zweimal nachgewiesen worden, und zwar in den Jahren 1858 und 1880. Fast genauso selten ist die Leistenkopf-Blutbiene, die ebenfalls im Nymphenburger Park herumsummt.

Aber wie kommt es, dass sich seltene Arten nun ausgerechnet in viel besuchten Schlossparks wohl fühlen? Dazu hat der Landschaftsarchitekt Matthias Schwahn vom Büro Ohnes & Schwahn, das federführend am Kartierungsprojekt beteiligt ist, einige Antworten. Der Schlosspark Nymphenburg, formuliert er fast schwärmerisch, sei wie "eine Insel im Siedlungsmeer" der Millionenstadt. Höchst erfreulich für die tierischen und pflanzlichen Bewohner dieser Insel sei schon mal, dass ihr Habitat nicht intensiv landwirtschaftlich genutzt werde. Von Düngemitteln und Pestiziden bleiben die Tierchen in der Regel verschont. Entscheidend ist aber auch, fügt Schwahn hinzu, dass der Park seit Jahrhunderten quasi eine Welt für sich ist, eine ummauerte Enklave, weitgehend abgeschirmt vom Umland. So wurde er zum letzten Rückzugsort vieler Pflanzen und Tiere. Seine Wälder und Baumgruppen beherbergen Käfer, die anderswo längst ausgestorben sind. Stark gefährdete Arten wie den Linden-Prachtkäfer oder den Eremit haben die Forscher gefunden, ebenso den Kurzflügelkäfer Hesperus rufipennis, der 2003 bereits als ausgestorben galt.

Diese "heimlichen Ureinwohner" (Schwahn) leben wohl schon seit langer Zeit im Schlosspark. Vermutlich waren sie schon da, als Henriette Adelaide, die Gemahlin des Kurfürsten Ferdinand Maria, im 17. Jahrhundert dort ein Lustschloss errichten ließ, und vermutlich waren Pilzkäfer und Blutbiene auch Zeuge, als der sechsjährige Wolfgang Amadeus Mozart im Juni 1763 mit seiner Schwester und dem Vater Leopold durch den Park spazierte. Jost Albert, der Gartendirektor der Bayerischen Schlösserverwaltung, zieht aus dem Artenreichtum drei Schlussfolgerungen: Erstens habe man in der Vergangenheit vieles richtig gemacht, zweitens müsse die Artenvielfalt bei der Parkpflege noch stärker berücksichtigt werden, was unmittelbar zu Punkt drei führe: Kleinteilig und schonend zu arbeiten wie in alter Zeit, also ruhig mal mit der Sense mähen.

© SZ vom 24.06.2020/vewo
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