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Prozess:Bekifft im bewaffneten Dienst

Keine Stellungnahme: Die Israelitische Kultusgemeinde soll seit vergangenem Jahr Bescheid wissen, aber nichts unternommen haben.

Keine Stellungnahme: Die Israelitische Kultusgemeinde soll seit vergangenem Jahr Bescheid wissen, aber nichts unternommen haben.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wachleute der Israelitischen Kultusgemeinde sollen während der Arbeitszeit Drogen konsumiert haben - das behauptet ein ehemaliger Kollege. Angeblich gibt es noch mehr Zeugen.

Von Stephan Handel

Der Sicherheitsdienst der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) ist eine ausgesprochen diskrete Truppe. Aus wie vielen Männern sie besteht, ist geheim, die Mitarbeiter dürfen mit niemanden über ihre Tätigkeit reden, auch nicht darüber, dass sie bei der IKG angestellt sind. Sie bewachen das Gemeindezentrum am Jakobsplatz, zwei weitere Synagogen in Schwabing und in Bogenhausen und den jüdischen Kindergarten. Die IKG rekrutiert ihre Wachleute direkt in Israel, sie waren alle Mitglieder von Kampftruppen der Armee. Bei der Arbeit tragen sie die Glock 19, eine halbautomatische Pistole, die mit besonders gefährlichen Hohlspitz-Geschossen munitioniert ist.

Am kommenden Dienstag findet vor dem Münchner Arbeitsgericht ein Prozess statt, bei dem Ungeheuerliches zur Sprache kommen wird: Ein ehemaliges Mitglied des Security-Teams behauptet, dass einige seiner Kollegen regelmäßig Marihuana und Kokain konsumierten, auch während der Dienstzeiten, wenn sie ihre Waffe trugen. Außerdem sollen sie die Pistolen in ihren Wohnungen nicht, wie vorgeschrieben, in einen Safe gesperrt, sondern sie offen herumliegen lassen haben - auch wenn fremde Menschen zu Gast waren.

Yakob G. (Name geändert) kam im Sommer 2018 nach München. Heute ist er 29 Jahre alt. In Israel hatte er in der Armee gedient, bis er verwundet wurde. Danach hatte er sich als Fonds-Manager versucht, was aber nicht so gut klappte. So kam ihm das Angebot, in Deutschland Geld zu verdienen, ganz recht - fast 3000 Euro brutto, dazu eine MVV-Monatskarte und eine kostenlose Wohnung. In dieser gab es aber bald Probleme: Sein Mitbewohner und Kollege, so erzählt G., brachte ständig Fremde mit in die Wohnung, und seine Waffe sperrte er nicht weg. Yakob G. fand das gefährlich und meldete das seinen Vorgesetzten. Deren Reaktion: Er musste umziehen, nun in eine Wohnung in der Dachauer Straße.

Dort wurde es aber nicht besser. Sein neuer Mitbewohner zeigte sich laut G. ebenfalls ausgesprochen sorglos mit der Waffe, vor allem aber: Er rauchte praktisch ständig Marihuana, auch bevor er zum Dienst ging. Der Konsum muss so exzessiv gewesen sein, dass es schließlich auch den anderen Mietparteien in dem Haus auffiel. Im Oktober und im November 2019 erreichten die IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch zwei anonyme Briefe, in dem sich eine Frau über starken Marihuana-Geruch im ganzen Haus beklagt.

Mit Joint und Knarre: Dieses Bild soll einen der Wachmänner auf seinem Balkon zeigen.

Mit Joint und Knarre: Dieses Bild soll einen der Wachmänner auf seinem Balkon zeigen.

Außerdem, so steht es in dem zweiten Schreiben, sei der Mann nach dem ersten Brief von Tür zu Tür gegangen und habe "sehr aggressiv" gefragt, wer den geschrieben habe. Im Brief, dessen Schreiberin bis heute unbekannt ist, heißt es weiter: "Wir wissen, dass dieser Typ Sicherheitsmann ist und eine Waffe trägt, insbesondere für mich als Frau und Mutter finde ich das sehr beängstigend."

Spätestens von diesem Zeitpunkt an dürfte Charlotte Knobloch von dem Problem gewusst haben. Es geschah aber nichts. Als Yakob G. in der Wohnung von der Freundin seines Mitbewohners angegriffen und beschimpft wurde, entschloss er sich, zur Polizei zu gehen. Während er aber in der Ettstraße wartete, erhielt er Drohungen seiner Kollegen auf dem Handy - er bekam Angst und ging, ohne Anzeige erstattet zu haben.

Yakob G. erfuhr nun das Schicksal vieler Whistleblower: Anstatt die Missstände abzustellen - oder wenigstens zu untersuchen, ob etwas dran ist -, wurde er als der Böse hingestellt. Sein Chef drängte ihn, eine Art Aufhebungsvertrag zu unterzeichnen und nach Israel zurückzukehren. Yakob G. weigerte sich. Er wurde aus der Whatsapp-Gruppe der Sicherheitsleute entfernt und so von Informationen abgeschnitten.

"Es geht mir aber nicht ums Geld"

Die Hälfte seiner Kollegen redete nicht mehr mit ihm. Als er sich krank meldete, drohte sein Chef erneut mit dem Verlust des Arbeitsplatzes. Seine Steuerklasse änderte sich auf mysteriöse Weise in die ungünstigste, so dass er Hunderte Euro weniger Gehalt bekam. Schließlich kündigte er seinen Vertrag, heute arbeitet er in München bei einem Computerunternehmen. "Dabei", sagt sein Anwalt Ulrich Grund, "hat er nur das gemacht, was immer verlangt wird: auf Missstände hinweisen."

Mit seiner Klage vor dem Münchner Arbeitsgericht will Yakob G. das entgangene Gehalt erringen, zudem fordert er die Auszahlung des ausstehenden Urlaubs - und eine Entschädigung für die Schikanen, denen er ausgesetzt war. "Es geht mir aber nicht ums Geld", sagt er. "Ich fände es unerträglich, wenn zum Beispiel in dem jüdischen Kindergarten etwas passieren würde, weil ein Security-Mann unter Drogeneinfluss mit einer scharfen Waffe hantiert."

Die Israelitische Kultusgemeinde teilt mit, dass sie wegen des laufenden Verfahrens und aus Datenschutzgründen keine Stellung zu den Vorwürfen nimmt. "Generell weisen wir darauf hin", schreibt Pressesprecher Richard Volkmann, "dass in unserem Haus und ganz besonders im Sicherheitsbereich eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Drogen gilt." Yakob G. allerdings will am Dienstag im Prozess drei eidesstattliche Versicherungen ehemaliger Kollegen aus dem Security-Team vorlegen, in denen diese bezeugen, dass sie "mit eigenen Augen" gesehen hätten, wie Wachleute im Dienst Drogen konsumierten, während sie ihre Waffen trugen.

© SZ vom 10.10.2020/wean
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