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Erinnerungszeichen für NS-Opfer:"Sie war diejenige, die Würde und Haltung bewahrte"

OB Dieter Reiter und Charlotte Knobloch

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch und OB Dieter Reiter bei der Übergabe der Gedenktafel.

(Foto: Stephan Rumpf)

Vor 78 Jahren wurde Charlotte Knoblochs Großmutter von den Nazis deportiert, nun gibt es eine Gedenktafel für sie. Erinnerungszeichen wie dieses sind mittlerweile in der ganzen Stadt zu finden.

Von Ramona Dinauer

Charlotte Knobloch mit der linken Hand, Dieter Reiter mit der rechten - gemeinsam befestigen die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und der Oberbürgermeister eine goldene Plakette vor dem Haus am Bavariaring 15. Die Inschrift auf Augenhöhe soll an Knoblochs Großmutter, Albertine Neuland, erinnern, die in diesem Haus lebte. Es ist das mittlerweile 35. Erinnerungszeichen, mit dem der Verfolgten und Opfer der Nationalsozialisten in München gedacht werden soll, sagt Reiter. Für die Übergabe an die Öffentlichkeit sei bewusst der 23. Juli gewählt worden. An diesem Tag vor 78 Jahren wurde Albertine Neuland in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie später verhungerte. Unter Tränen erzählt Knobloch von ihren Erinnerungen.

"Meine Großmutter war diejenige, die Würde und Haltung bewahrte, wenn SS-Leute erneut zur nachtschlafenden Zeit an unsere Türen hämmerten, uns drohten und sich in unserer Wohnung hier aufführten als sei es die Ihre." Zum Schutz der damals neun Jahre alten Knobloch und deren Vater widersetzte sich Neuland dem Deportationsbefehl nicht. Ihrer Enkelin erzählte die Frau, sie würde auf Kur gehen und bald zurück sein. Erst drei Jahre später erfuhr Knobloch von der Ermordung ihrer Großmutter. Ihr blieben nur wenige Erinnerungen an Neuland. Umso bedeutender sei die goldene Gedenktafel für die streng religiöse Jüdin. Als selbstlos, liebevoll und geduldig beschreibt Knobloch ihre Großmutter. Die Kindheit, die sie mit ihr hätte genießen können, gab es natürlich nicht, erzählt die Münchner Ehrenbürgerin.

Die Verschleppung der weit über 70-jährigen Neuland sei nur eines von vielen Millionen Beispielen für die Barbarei der Nationalsozialisten. Erinnerungszeichen wie das am Bavararing 15 sollen sicherstellen, dass sich solches Leid nicht wiederhole. Die Tafeln sind mittlerweile in der ganzen Stadt zu finden. Bereits am 24. Juli sollen zwei weitere Erinnerungszeichen angebracht werden, diesmal für Elisabet Heims und Alexander Dünkelsbühler in der Katharina-von-Bora-Straße 10. Dafür dankt Knobloch der Stadt München.

Reiters Dank gilt umgekehrt Knoblochs Einsatz für das jüdische Leben in München. Zudem macht der Oberbürgermeister auf den wieder zunehmenden Judenhass aufmerksam. Erst kürzlich wurde beispielsweise Rabbiner Shmuel Aharon Brodman, der ebenfalls bei der Veranstaltung dabei ist, auf offener Straße von mehreren Männern antisemitisch beleidigt. "Keine Handbreit dürfen wir weichen, wenn Jüdinnen und Juden angefeindet oder angegriffen werden", ruft Reiter zum Handeln im Alltag gegen rassistische Anfeindungen auf. Und Moris Lehner, Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München, fordert, dass die Bürgerinnen und Bürger füreinander einstehen.

© SZ vom 24.07.2020/syn
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