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Pop-up-Radwege:"Früher fuhren hier Kutschen, heute sind es Autos, Fahrräder, E-Bikes und E-Scooter"

Die ersten Pop-up-Radwege sind markiert.

(Foto: Robert Haas)

Die neuen Pop-up-Bike-Lanes sind markiert. Zeit für erste Verkehrsbeobachtungen, bei denen man feststellt: Die Autofahrer kommen damit offenbar besser zurecht als manche Radler.

Von Andreas Schubert

An diesem Freitagmorgen ist die Welt auf der Rosenheimer Straße einigermaßen in Ordnung: Die Sonne scheint, die Luft kommt einem sauber vor, und auf den neuen, gelb markierten Spuren für Radfahrer fährt es sich komfortabel. Es ist 8.30 Uhr, vom viel befürchteten Dauerstau ist auf dem Straßenabschnitt zwischen Orleansstraße und Rosenheimer Platz nichts zu sehen. Zumindest an diesem Morgen funktioniert, wovor die Rathauspolitik so lange zurückgeschreckt ist: Nämlich, pro Richtung eine Fahrspur für Autos zu sperren und so endlich das Radfahren auf dieser Strecke sicherer zu machen.

Die Debatten über die Rosenheimer Straße, diese innerstädtische, bis vor kurzem vierspurige Ein- und Ausfallroute Richtung Autobahn, zogen sich über Jahre. Der Stadt war klar, dass der zunehmenden Anzahl von Radfahrern irgendwie Rechnung getragen werden muss. Deshalb überlegte der Stadtrat vor vier Jahren ernsthaft, die Bäume am Straßenrand zu fällen, um Radlern Platz zu schaffen, aber gleichzeitig die vier Fahrspuren für Autos zu erhalten. Gegen den Kahlschlag wehrten sich Umweltverbände und auch der Fahrradklub ADFC erfolgreich. Doch als Kompromiss kam lediglich ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde heraus - richtig sicher machte dies das Radeln auch nicht.

Nun gibt es also die neue Spur, die im Verkehrsplaner-Neusprech "Pop-up-Bike-Lane" genannt wird. Ausgerechnet die Corona-Krise hat dazu beigetragen, dass die Stadt hier und an vier weiteren Straßen bis Oktober diese vorübergehenden Radspuren in einem bislang nicht vorstellbaren Tempo eingeführt hat. Es sind sichtbar mehr Menschen auf dem Rad unterwegs als sonst, bei schönem Wetter meiden viele den öffentliche Nahverkehr wegen der potenziellen Ansteckungsgefahr.

Also setzte der Stadtrat durch, was mit dem üblichen Prozedere mit Machbarkeitsstudien und Verkehrsgutachten, dem Durchlauf der Pläne durch mehrere Behörden vermutlich ein halbes Jahr oder länger gedauert hätte. Die Vorlage für die temporären Radspuren kam zügig, die neue grün-rote Rathausmehrheit segnete sie schließlich Ende Mai gegen die Stimmen von CSU, FDP und Bayernpartei ab.

Jetzt radelt es sich zwischen Isartor und Orleansstraße halbwegs sicher. Auf der Zweibrückenstraße sind viele Radler und verhältnismäßig wenige Autos in beide Richtungen unterwegs. Momentan geht es auf den beiden außen an die Ludwigsbrücken hingepflanzten Behelfsübergängen, die sich Radler und Fußgänger teilen müssen, allerdings recht eng zu. Viel zu viele Radfahrer haben es auch an diesem entspannten Freitag viel zu eilig und können offensichtlich auch auf dem beengten Platz nicht aufs Überholen verzichten. Und damit, dass die alten Radwege zwischen den Brücken und dem Isartorplatz gesperrt sind, kommen auch nicht alle Radfahrenden zurecht. Einige, so ist zu beobachten, bleiben nicht auf der gelb abmarkierten Spur, sondern umfahren die Barrikade und nehmen lieber den schmalen bisherigen Weg - vermutlich aus Gewohnheit.

Auch an dieser Engstelle staut es sich am Morgen nicht. Freilich wechselt das mit den Tageszeiten. Am Freitagnachmittag etwa ist immer deutlich mehr los, wie zum Beispiel Namir Isser, Betreiber des "Späti am Gasteig" bestätigt. "Sind schon viele Autos", sagt er. Auf die Frage ob es schlimm sei, schüttelt er aber nur den Kopf.

Ob schlimm oder nicht schlimm, ist freilich Interpretationssache. Wenn der Autoverkehr gebremst wird, so die Hoffnung vieler auf die saubere Luft hoffender Politiker, steigen künftig mehr Menschen auf Rad und ÖPNV um. Doch weil es bisher noch nicht ausreichend viele tun, kommt der Autoverkehr immer wieder ins Stocken, was wiederum die Abgasbelastung erhöhen dürfte. Die Ludwigsbrücken, die wegen der Sanierung aktuell ein Nadelöhr für alle Verkehrsteilnehmer sind, werden dies für Autos auch nach der Sanierung bleiben, wenn die Radler eigene Spuren bekommen. Ob sich die Verkehrswende auf diese Weise erzwingen lässt, daran zweifelt die Opposition im Münchner Rathaus stark.

Auch Patrick Lachmann, Fahrlehrer in Peters Fahrschule an der Rosenheimer Straße, sieht die neuen Bike-Lanes skeptisch. Mit seinen Schülern fährt er nicht in die Innenstadt. Was sollen die im Stau auch schon lernen? Die Spursperrungen am Isartor findet Lachmann übereilt, und auch in der Rosenheimer gebe es nun noch öfter Staus, vor allem am Nachmittag. Die alte Lösung mit Tempo 30 und vier Spuren fand er gar nicht so schlecht.

Dass aber etwas geschehen musste, sieht auch der Auto-Ausbilder ein. Das Problem sei allerdings, dass die Stadt nicht für den heutigen Verkehr gebaut wurde, es also an Platz mangelt. "Früher fuhren hier Kutschen, heute sind es Autos, Fahrräder, E-Bikes und E-Scooter." Auch Peter Kopeczek, Betreiber der Fahrschule, findet es gut, dass für den Radverkehr etwas getan wird, fordert aber ein rücksichtsvolleres Miteinander, gerade von Seiten der Radfahrer, denen Rücksicht allzu oft unbekannt zu sein scheine.

Wer selbst viel mit dem Rad in der Stadt unterwegs ist, kann dem Fahrlehrer nicht widersprechen. Dort, wo sich die alten Fahrradwege verengen, etwa an U-Bahnabgängen, bringen immer wieder Radler andere Radler in Bedrängnis. So würde man sich zum Beispiel auch in der Ludwigstraße breitere Wege oder gar einen eigene Radspur wünschen. Immerhin sind nun auch in der Theresien- und der parallel in die Gegenrichtung führenden Gabelsbergerstraße temporäre Radspuren aufgepoppt, ebenso in der Elisenstraße entlang des Alten Botanischen Gartens.

Das Problem bei Letzteren: Die Spuren enden irgendwann abrupt. Wer etwa die Gabelsberger Richtung Altstadtringtunnel entlang fährt, kann nun zwar den Blick auf die Museen genießen, landet aber irgendwann unvermittelt auf dem Oskar-von-Miller-Ring. Richtung Brienner Straße bleibt einem dann nur noch der Fußweg. Der ist immerhin schön breit.

© SZ vom 27.06.2020/lfr
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