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Hochhaus-Debatte:"Städtebauliche Parasiten" oder eine Chance für München?

Pläne für Hochhäuser auf dem Areal der Paketposthalle

Hell, fast transparent wirken die Türme in der Simulation. Ob das später wirklich so aussieht? Simulation: Herzog / de Meuron

Mitten in der Stadt sind zwei 155-Meter-Hochhäuser geplant. Gebäude mit einer solchen Höhe waren bislang tabu. Das Vorhaben stößt deshalb auf leidenschaftlichen Widerstand. Worüber gestritten wird.

Von Sebastian Krass

Neue Hochhäuser für München - das war 2020 vermutlich das meistdiskutierte Stadtplanungsthema, und das dürfte auch in diesem Jahr so bleiben. Im Februar wurde dem Stadtrat der Entwurf einer neuen Hochhaus-Studie vorgestellt. Und neben dieser stadtweiten Betrachtung geht es konkret um zwei geplante 155-Meter-Türme auf dem Areal der Paketposthalle an der Friedenheimer Brücke. Im Herbst machte der Denkmalschutz grundsätzliche Bedenken gegen den Bau von Münchens höchsten Gebäuden an dieser Stelle öffentlich und trat damit eine vielstimmige Diskussion los. Ein Überblick über die Streitpunkte.

Die Sichtachsen

Die Ludwigstraße als Achse zwischen Feldherrnhalle und Siegestor, die Maximilianstraße mit dem Endpunkt Maximilianeum - und Schloss Nymphenburg mit seinen zahlreichen Blickbezügen in alle Himmelsrichtungen: Die Stadt ist geprägt von Sichtachsen, die in monarchischer Zeit entstanden. Matthias Castorph, Münchner Architekt und Professor für Stadtbaukunst an der TU Kaiserslautern, bezeichnet Sichtachsen als "Ausdruck der herrschaftlichen Geste einer absoluten Ordnung und Ausrichtung". Er wirft damit die grundsätzliche Frage auf, wie eine moderne Stadtgesellschaft im 21. Jahrhundert mit diesem Erbe umgehen soll: Unter allen Umständen bewahren? Oder sich davon in der Stadtplanung nicht einengen lassen?

Bei den geplanten Türmen an der Paketposthalle stellt sich diese Frage auch. Wenn man in Nymphenburg auf dem Vorplatz steht mit dem Schloss im Rücken und nach rechts schaut, würde man die Türme sehen - allerdings nicht von überall. Ähnlich verhält es sich mit Münchens bisher höchstem Gebäude, dem 146 Meter hohen "Uptown", auch bekannt als "O₂-Tower", am Georg-Brauchle-Ring. Die Sichtachsen-Bewahrer, die sich etwa im Münchner Forum organisiert haben, sehen darin einen Sündenfall. Ingrid Krau, emeritierte Professorin für Stadtraum an der TU München, spaziert hier oft, sie wohnt in der Nähe. "Für mich dürfen Hochhäuser als Zeichen einer wachsenden Stadt auch vom Schlossrondell aus sichtbar sein, wenn es in wohlproportioniertem Maßstab erfolgt", sagt sie. "Das ,Uptown' ist es eher nicht." Dasselbe gelte für die Türme an der Paketposthalle.

Cranes stand on a construction site for new buildings at Swiss drugmaker Roche's headquarters on the banks of the Rhine River in Basel

Das Büro Herzog/de Meuron hat unter anderem das Roche-Hochhaus in Basel gebaut.

(Foto: Arnd Wiegmann/Reuters)

Der Immobilienunternehmer Ralf Büschl, der die Hochhäuser bauen will, würdigt Schloss Nymphenburg als ein "besonders wertvolles und wunderschönes Ensemble". Seine Türme bezeichnet er als "Ergänzung der Stadtsilhouette, die für mich sogar eine Bereicherung ist", räumt aber ein, das müsse "jeder natürlich für sich selbst beurteilen". Die Autorinnen und Autoren des Entwurfs der Hochhausstudie nennen 16 Qualitätskriterien, die für Entwicklung und Entwurf eines solchen Projekts "grundsätzlich verpflichtend" seien. Denn diese Gebäude sollten "einen positiven Beitrag für ihr Umfeld leisten". Ein Kriterium ist "Hochhaussetzung in historischem Bezug". Dabei dürften "Denkmäler und Ensembles, überlieferte historische Stadtbilder sowie die im kollektiven Gedächtnis verankerten Stadtvorstellungen in ihrer stadträumlichen Integrität nicht beeinträchtigt werden. Besonders zu beachten sind dabei die den Stadtraum prägenden Sichtachsen".

Der Auftrag

Es geht an der Paketposthalle um ein Bauvorhaben, das für München eine Wirkmacht über Generationen entfalten würde - wenn es so kommt wie geplant. Für fast alle mittelgroßen und großen Bauprojekte in der Stadt steht am Anfang ein städtebaulicher Wettbewerb, in dem Architekten Vorschläge machen, wie man ein Areal entwickeln könnte. In diesem Fall durfte nur ein Architekturbüro einen Vorschlag für das insgesamt 100 000 Quadratmeter große Areal (entspricht 14 Fußballfeldern) der Paketposthalle und drumherum machen. Investor Büschl beauftragte Herzog/de Meuron aus Basel, in München bekannt für die Fünf Höfe sowie die Arena in Fröttmaning, damit, einen "Masterplan" zu erstellen.

Ralf Büschl in der Paketposthalle in München, 2019

Investor Ralf Büschl hat das Architekturbüro Herzog/de Meuron beauftragt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Dieser sieht vor, die riesige bogenförmige und denkmalgeschützte Paketposthalle, die künftig vor allem kulturell genutzt werden soll, "mit zwei Hochpunkten zu markieren". Diese sollen sich mit ihrer Wölbung an der Halle orientieren "und einen vertikalen Gegenpol zu ihr bilden", wie es auf der Internetseite des Planungsreferats zum Projekt heißt. Der Stadtrat hat den "Masterplan" als Grundlage für die weitere Entwicklung des Areals übernommen. Es sei ein "kluger Schachzug des Investors" gewesen, "mit einer Entwurfsidee von Herzog und de Meuron aufzuschlagen", schreibt Sophie Wolfrum, emeritierte Professorin für Städtebau an der TU München, in einem kürzlich veröffentlichten Online-Debattenmagazin des bayerischen Landesverbandes im Bund Deutscher Architekten (BDA) zu Hochhäusern in München.

"Diese Architekten haben bisher in München sehr gute Projekte hinterlassen, ihr Renommee ist verdientermaßen hoch. Der Schachzug ,Big Name' wirkt." Allerdings sei das 2015 fertiggestellte, 178 Meter hohes Roche-Hochhaus in Basel von Herzog/de Meuron keine gute Referenz, urteilt Wolfrum. Und generell gelte: "Hochhäuser ohne ein qualifiziertes Wettbewerbsverfahren sind indiskutabel." Zwar soll es laut Stadt für die einzelnen Gebäude auf dem Areal der Paketposthalle Wettbewerbe geben. Aber Investor Büschl lässt keinen Zweifel daran, dass er die Hochhäuser von Herzog/de Meuron bauen lassen will: "Ich bin von dieser Planung begeistert. Deshalb kämpfe ich dafür."

Kommen die Türme wie geplant, wären sie von Schloss Nymphenburg aus sichtbar, wie eine Simulation zeigt. Simulation: Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege

Der Investor

"Investoren-Architektur" - mit dem durchaus böse zu verstehenden Schlagwort urteilte Mathias Pfeil, Chef des bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, über die Hochhauspläne. Robert Brannekämper, CSU-Landtagsabgeordneter und Mitglied des Landesdenkmalrats, sieht in Hochhäusern generell "städtebauliche Parasiten". Diese Formulierungen bedienen das Bild eines nach maximalem Profit gierenden Bauherrn, dem die gesellschaftlichen Auswirkungen seiner Projekte egal sind. "Erschreckend finde ich die Art und Weise, in der teilweise über uns und unsere Planung gesprochen wird", sagt Ralf Büschl.

Er ist Chef der Büschl Unternehmensgruppe, die das Paketposthallen-Areal der Deutschen Post abgekauft hat, die wiederum ihr bisher dort ansässiges Briefverteilzentrum nach Germering verlegt. Büschl betont, dass man bei dem Projekt neben wirtschaftlichen Überlegungen auch einer Verantwortung für die Stadtgesellschaft gerecht werden wolle und spricht von "Wir als Münchner Unternehmen" - auch wenn seine Firmengruppe, wie die meisten hiesigen Immobilienunternehmen, ihren Sitz in Grünwald hat, wo die Gewerbesteuer niedriger ist. Er wolle ein dichtes, urbanes Quartier schaffen, betont Büschl. 1100 Wohnungen sind geplant, Büros für 300 Arbeitsplätze, Läden, kulturelle und soziale Einrichtungen. "Die Sanierung der Paketposthalle, die gesamte öffentliche Nutzung", das sei nur "in einer Wechselbeziehung" mit dem Bau der Hochhäuser möglich, "weil sie nur so ,subventioniert' werden kann".

Die Wirkung von der Ferne

Simulationen sind unverzichtbar, um über Neubauprojekte zu diskutieren. Aber vor allem sind sie Werbebilder, die Zustimmung in der Öffentlichkeit erzeugen und die Vermarktung ankurbeln sollen. Es ist auch logisch, dass ein fertiges Gebäude am Ende anders wirkt. Das liegt am Sprung von der Zwei- zur Dreidimensionalität, an verschiedenen Betrachterperspektiven, oft an Sparmaßnahmen des Bauherren während der Entstehung - auch am Wetter und daran, dass es für das reale Stadtbild keine Weichzeichner gibt.

In den bisher vorliegenden Simulationen zu diesem Projekt ragen zwei helle, transparente Türme in einen leicht bewölkten Himmel, diffuses Sonnenlicht schimmert und schillert in den Fassaden wider. Diese wirken so transparent, dass man meint, selbst einer Person im 25. Stock in die Augen schauen zu können. Ob das dann wirklich so aussieht? Vermutlich nicht. Aber werden die Türme deshalb im Umkehrschluss gleich "massive Stacheln im Fleisch des Altmünchner Höhenprofils", wie es der Schreiber eines Leserbriefs an die SZ formulierte? Viel wird von der noch ausstehenden Detailarbeit von Architektinnen und Architekten und etwa auch von der Art des Fassadenglases abhängen. Investor Büschl versucht, die Sorgen zu zerstreuen: Die Simulationen zeigten ein "sehr realistisches Bild der beiden Hochhäuser. Die Türme werden hell, fast transparent sein".

Die Nachbarschaft

Er wolle auf dem für die Öffentlichkeit bisher unzugänglichen Grundstück der Paketposthalle "ein offenes, ein bürgerfreundliches, ein lebendiges Quartier schaffen", verspricht Büschl. Der Architekt und Stadtplaner Rainer Hofmann, Kreisvorsitzender des BDA München-Oberbayern, merkt dazu an: "Hohe Häuser werfen lange Schatten." Sie hätten "naturgemäß (...) eine große Nachbarschaft". Es geht dabei nicht nur um die Verschattung umliegender Quartiere, sondern auch um Schatten im übertragenen Sinne. Hochhäuser können gesellschaftlich trennend wirken: die da oben und wir hier unten. Hofmann schreibt, Hochhäuser schüfen quasi "über Nacht privilegierte Lagen. Wer in einem Hochhaus wohnt, braucht sich über die Wirkung der Gestalt dieses Gebäudes wenig Gedanken zu machen, denn der Nutzer sieht es nicht. Er sieht aber alles um sich herum. Die gewachsene Stadt wird zur Kulisse derer, die über sie hinwegsehen können". Das müsse man sich bewusst machen, wenn man über die Nutzung der Hochhäuser entscheide. Es komme auch darauf an, dass sie "der - auch sozial - durchmischten Stadt nicht entgegenstehen".

Welche Nutzung genau in den Türmen vorgesehen ist, das ist nicht bekannt. Aber geförderte Wohnungen im 40. Stock dürften sich schwer mit den Renditeerwartungen vereinen lassen. Rainer Hofmann rät der Stadt, sich nicht zu Entscheidungen drängen zu lassen. Es sei wichtig, "die Verantwortung für die Stadt und ihre Gestalt nicht abzugeben an die, die am lautesten schreien". Das sei "unabhängig davon, ob es die Rufe derer sind, die gegen jegliche Veränderung sind, oder derer, die sich versprechen, mit ein paar Geschossen mehr ein paar Millionen mehr zu verdienen".

Das weitere Prozedere

Sowohl das Planungsreferat als auch der Investor waren von der öffentlichen Diskussion der vergangenen Wochen wenig begeistert. Schließlich bemühen sie sich derzeit, in vertraulichen Gesprächen das Projekt fortzuentwickeln. Derzeit würden "verschiedene Gutachten erstellt", teilt ein Sprecher des Referats mit, "zum Beispiel zu den Themen Verkehr, Immissionen, Stadtbildverträglichkeit der Hochpunkte". Zudem überarbeiten Herzog/de Meuron ihren "Masterplan". Im Jahr 2021 werde aus all diesen Elementen "ein Vorentwurf des Bebauungsplans erstellt", so der Sprecher. Ende des Jahres sei die "frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit" vorgesehen, wie sie nach dem Baugesetzbuch für so ein Projekt vorgeschrieben ist.

Es steht aber auch die Möglichkeit eines Bürgerentscheids über dieses Projekt oder Hochhäuser generell im Raum. In der Kommunalpolitik gibt es Stimmen dafür, dass der Stadtrat, der eigentlich über Baurecht für Hochhäuser entscheiden darf, die Bürger per Ratsbegehren befragt. Allerdings ist offen, wie eine Fragestellung aussehen könnte. Wenn es dazu nicht kommt, rechnen die Hochhaus-Gegner vom Münchner Forum mit einem von der Bevölkerung initiierten Bürgerbegehren plus möglichem Bürgerentscheid. Vorbild wäre der Entscheid von 2004, als eine knappe Mehrheit für eine Hochhaus-Obergrenze von 99 Metern (Höhe der Frauenkirche) stimmte. Das Münchner Forum hat bereits Argumente für eine Kampagne "Abwehr Hochhäuser Paketposthalle" gesammelt.

Neben dieser Diskussion will das Planungsreferat bis Mitte 2021 auch die Hochhausstudie abschließen. In einer dazu laufenden Online-Diskussionsreihe steht am 19. Januar die dritte und letzte Veranstaltung an, mit dem Thema "Hoch hinaus - Was bringt es uns?". Die zwei bisherigen Veranstaltungen ("Wie macht Ihr das?" zu Hochhauskonzepten aus Berlin, Wien, Zürich, Frankfurt am Main und München sowie "Wie findet ihr das?" mit Perspektiven aus Wirtschaft, Wissenschaft und Architektur) lassen sich online abrufen. Zudem gibt es im "Plantreff" an der Blumenstraße eine Ausstellung zu Hochhäusern, die derzeit allerdings wegen der Pandemie geschlossen ist. Mehr Informationen unter www.muenchen.de/plantreff.

© SZ vom 05.01.2021/van/syn
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