bedeckt München 19°

Neuer Gasteig:"Die Reiseführer werden umgeschrieben werden müssen"

Steilere Ränge mit mehr Nähe zur Bühne, das wünschte sich Akustikdesigner Yasuhisa Toyota für die Philarmonie (im Bild). Aber auch der Carl-Orff-Saal soll künftig besser klingen.

(Foto: Simulation: Henn)

Mehr Licht, mehr Luft, mehr Flächen für alle: Europas größtes Kulturzentrum soll nach der Renovierung nicht wiederzuerkennen sein - das gilt auch, aber nicht nur für die Akustik.

Von Michael Zirnstein

Dem Gasteig der Zukunft nähert sich der Betrachter zu den Klängen von Bruckners 4. Sinfonie. Eingespielt hat das bewegende Werk, das die filmische Reise durch das animierte 3-D-Modell der Vorplanung begleitet, Sergiu Celibidache mit den Münchner Philharmonikern. Die Aufnahme entstand 1976, einen Monat bevor der Bau des Gasteig beschlossen wurde. Die Grundmauern werden noch lange stehen, ansonsten aber soll man das rüstige Kulturzentrum kaum wiedererkennen: Mehr Licht, mehr Luft, mehr Flächen für alle sollen entstehen - schon an der Straßenecke zur Brücke wird es eine Aktionsfläche geben, die sich die Bürger als "Speakers Corner" erobern dürfen. Die gemauerte Bastion zur Altstadt hin wird geschleift, dafür soll eine breite Arenatreppe die Gäste herauflocken oder zum Niederlassen einladen - auch wenn dafür das nach Celibidache benannte Forum mit der blauen Riesen-Büchse ein wenig schrumpft.

Die Kulturbrücke, ein großer Glasriegel, an der Front zur Isar, verbindet die drei Gebäudeteile - grob gesagt: Philharmonie, Volkshochschule und Stadtbibliothek -, so wie alles vernetzt, durchschaubar und barrierefrei zugänglich sein soll. Entlang einer breiten Achsen an den Lichthöfen und einer zweiten hinten kann sich dann auch die bisher in einer Art Labyrinth verborgene Hochschule für Musik und Theater sehen und angenehm besuchen lassen. "Aufenthaltsqualität" war eines des Leitworte bei der gesamten Planung. Die beiden Achsen geben jeder Etage dieselbe Struktur, Klarheit und Offenheit.

Der Eingangsbereich im Hauptgebäude soll einladend sein - und zwar von beiden Seiten. Wer von der S-Bahn kommt, tritt künftig direkt von der Station in den Gasteig ein und gelangt dort zu einer großen Fläche mit dem zentralen Info-Schalter. Die Anmeldung der Volkshochschule ist ganz nah in einem der beiden erweiterten Atrien, die Sonnenstrahlen mit Spiegeln herableiten. Und auch die Stadtbibliothek kann man künftig direkt vom Erdgeschoss aus betreten.

Die neue Kulturvermittlung liegt gleich beim Hauptfoyer, da für Gasteig-Chef Max Wagner "die zentrale Bedeutung für ein Kulturinstitut" hat. Dafür stehen 900 Quadratmeter bereit. Variable Workshop-, Musik- und Bewegungsräume sowie ein Tonstudio müssen für jedes Projekt von zwei Instituten im Haus und einem möglichen Partner von außen gemeinsam genutzt werden.

Die Stadtbibliothek wird noch mehr, was sie schon ist: ein Ort der Begegnung, wo Menschen sich treffen oder in Ruhe arbeiten. Das zeigt sich schon an den breiten "Aktionstreppen", die überall den neuen Gasteig prägen. Darauf kann man gemütlich plaudern, aber auch seinen Laptop mit Strom und starkem Wlan verbinden. Alle Flächen und Räume können nach Bedarf verändert werden, etwa für ehrenamtliche Gruppen, die kostenlos nach einem Ort für Besprechungen suchen. Auch Bücher wird man noch ausleihen können - und das dank automatischer Medienerfassung rund um die Uhr, also auch mal nach einem Konzert. Aufs Dach kommt ein Lesecafé.

Das Dachrestaurant bietet durch breite Panoramascheiben atemberaubende Sicht über die Isar zur Altstadt. "Die Reiseführer werden umgeschrieben werden müssen", ist sich Wagner sicher. Hier oben soll es aber nicht elitär zugehen, von einem Aussichtspunkt aus kann jeder kostenlos den Blick schweifen lassen, wo schon Canaletto München malte. Entlang von Lerngarten und Bienenstöcken kann man über die "demokratische Dachterrasse" zu den anderen Gebäudeteilen flanieren auf dem nun für alle offenen Haupt des Hauses.

Die Säle sind das Herz des Gasteig, besser gesagt: die sechs Herzen. Und jedes schlägt in seinem ganz eigenen Takt und erhält eine Frischzellenkur. Die Black Box - nun ohne Empore noch mehr Schachtel - ist der Ort für Experimentelles und die Freie Szene, der Carl Amery-Saal der Bibliothek ideal für Filmvorführungen, im Kleinen Konzertsaal sitzen Musiker und Gäste ganz intim zusammen.

Das MVHS-Forum wird ein neuer Sprech-Ort für aktuelle Debatten. Der in die jetzige Glashalle eingehängte Raumkörper bietet 300 Zuhörern Platz, ist akustisch abgeschottet, aber von den Seiten her für Passanten gut einsehbar, was das politische Arbeiten im Gasteig veranschaulicht.

Der Carl-Orff-Saal soll laut Max Wagner das Juwel des Kulturzentrums werden, nun für 200 Gäste mehr, nämlich 800. Der Saal ist multifunktional nutzbar dank eines Klappparketts: eben geeignet für Kongresse und Tanzveranstaltungen, mit Tribüne für Kino und ganz besonders Kammermusik. Akustikdesigner Yasuhisa Toyota ist angeblich begeistert von der potenziellen Klangqualität des hohen Raumes.

Die Philharmonie soll dank ihm auch fantastisch klingen, dafür wünschte sich Toyota steilere Ränge mit mehr Nähe zur Bühne. Das wird kostensparend durch einen Kniff erreicht: In die jetzige Philharmonie wird ein neuer Baukörper eingesetzt. Darin sitzt der Gast unter einer Lichtwolke - Hunderte LED-Stäbe verbergen die Technik an der Decke. Der Box-in-der-Box-Trick macht eine völlig neue Anordnung der Sitzblöcke möglich, die nun wie anbrandende Wellen die Ränge hinauflaufen. Angeblich hat der Architekt die Linien zu Smetanas "Moldau" fließen lassen. Um nun aber nicht zu tief in die Klassik einzutauchen, sondern die Philharmonie wie auch den ganzen Gasteig der Zukunft als Ort für alle Vorlieben und Geschmäcker zu präsentieren, soll bald auch der Animationsfilm noch mit Klängen aus Pop, Rock und Jazz bestückt werden.

© SZ vom 01.07.2020/wean

Chorproben
:Musik liegt wieder in der Luft

Wegen des Infektionsrisikos mussten Chöre in Bayern lange pausieren. Nun darf mit großem Abstand wieder gesungen werden. Aber ist sonst alles wie früher?

Von Ramona Dinauer

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite