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Chorproben:Musik liegt wieder in der Luft

Unter freiem Himmel singen sich die Mitglieder des Münchner Konzertchors bei der ersten Probe nach der Corona-Pause ein.

(Foto: Robert Haas)

Wegen des Infektionsrisikos mussten Chöre in Bayern lange pausieren. Nun darf mit großem Abstand wieder gesungen werden. Aber ist sonst alles wie früher?

Der Klang von mehr als 50 Stimmen schallt über die Wiese vor der Emmauskirche. Letzte Sonnenstrahlen tauchen die Baumkronen in goldenes Licht. An diesem Abend kommen die Sänger und Sängerinnen des Münchner Konzertchors zum ersten Mal seit drei Monaten wieder zusammen. Seit dem 22. Juni ist es ihnen in Bayern wieder erlaubt, gemeinsam zu singen - mit strengen Vorgaben. Die Ankündigung kam für Chorleiter Benedikt Haag überraschend. "Plötzlich haben sich alle gefreut, als würden wir auf Klassenfahrt gehen," erzählt Haag. Nicht alle der knapp 70 Mitglieder haben sich zur ersten Chorprobe getraut, umso freudiger singen sich die Verbliebenen im Freien ein. So spare man Zeit, erklärt Haag. Schließlich darf laut den Vorgaben des Staatsministeriums maximal 20 Minuten geprobt werden. Erst nach einer zehnminütigen Lüftungspause kann die Chorprobe weitergehen.

Mit aufgewärmten Stimmbändern suchen die Frauen und Männer des Konzertchors anschließend nach einem Platz in der Kirche. Das ist gar nicht so einfach. Zwischen jedem Mitglied müssen zwei Meter Abstand eingehalten werden. Die grünen und roten Platzkarten, die noch vom Gottesdienst an den Holzbänken stecken, erleichtern die Aufteilung. Als alle sitzen und ihre Masken abgenommen haben, stimmt Haag die Töne des ersten Liedes auf dem Klavier an. "Es wird anstrengender, da man sich gegenseitig schlechter hört," sagt er "ich habe einen Chor auch lieber kompakt vor mir."

Stärker als die veränderte Akustik belasteten Emotionen die erste Probe des Pasinger Madrigalchors. Trotz des Hygienekonzepts fühlten sich einige Mitglieder nicht sicher und konnten sich beim Singen nicht entspannen, berichtet Chorleiterin Corinna Rösel. "Die Politik hat es geschafft, dass die Leute nun total in Panik sind, die Chorsänger waren zum Teil wirklich verängstigt." Besonders, wenn sie zu einer Risikogruppe zählen. Dabei habe das gemeinsame Singen dem Chor in den vergangenen Wochen sehr gefehlt. Deshalb hatte Rösel schon Anfang Mai zu einer Demonstration auf dem Pasinger Marienplatz aufgerufen. "Singen im Chor ist Medizin für die Seele", stand auf einem der Plakate. Auch dass Laienmusiker mit Instrumenten schon seit dem 8. Juni wieder eingeschränkt proben durften, sorgte für Unmut, denn Chöre schloss die Vorgabe explizit aus. Die vier bayerischen Chorverbände haben in Vertretung von etwa 90 000 Sängerinnen und Sängern in einem Brandbrief ihre Enttäuschung darüber ausgedrückt.

Grund für die strenge Regelung war das erhöhte Infektionsrisiko beim Singen in Gruppen. So steckten sich beispielsweise 60 von 80 Chormitgliedern im Berliner Dom bei einer Probe im März mit Covid-19 an. Anders als in Bayern dürfen in Berlin derzeit noch keine Chorproben in geschlossenen Räumen stattfinden. "Vor zwei Monaten war die Chance, sich durch Gesang anzustecken, deutlich höher, als sie jetzt noch ist", sagt Matthias Echternach. Der Hals-Nasen-Ohrenarzt leitet die Abteilung Phoniatrie am Klinikum der LMU. Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität Erlangen und der LMU untersucht Echternach die Aerosol-Bildung am Chor des Bayerischen Rundfunks. Nicht nur wie weit der Impuls der Aerosole reicht, sei entscheidend, sondern auch woher die Sänger die Luft beziehen. Zwar atme man beim Singen tiefer ein als beim Sprechen, der Bereich, aus dem die Luft bezogen wird, ist hingegen sehr eng. Beim Ausatmen sinken Tröpfchen nach eineinhalb Metern zu Boden. Aerosole wabern weiter im Raum umher.

"Dieser Effekt des Stehenbleibens hebt sich im Freien komplett auf," sagt Echternach, der selbst ausgebildeter Sänger ist. "Singen wird derzeit so negativ konnotiert, dabei ist es auch gesundheitsfördernd." Der Versuchsleiter meint, man müsse es schaffen, dass singen wieder mit einem vertretbaren Risiko möglich ist. Für den Pasinger Madrigalchor ist die Probe nur in einem größeren Raum in der Pasinger Fabrik möglich. Der Platz reiche wegen des Abstands von zwei Metern gerade so, sagt Rösel. Vielen Chören wäre geholfen, wenn Einrichtungen mit großen Räumen wie Schulen oder Kirchen Säle zur Verfügung stellen würden.

An Platz fehlt es dem Chor der Bayerischen Staatsoper im Zuschauerraum nicht. Verteilt über Parkett, Balkon und den ersten Rang probt der Chor seit etwa drei Wochen unter Sicherheitsmaßnahmen. Chorleiter Stellario Fagone sowie der Flügel stehen auf der Bühne. Nur 50 Minuten dauert eine Probe noch. Obwohl das Auditorium, in dem 2100 Gäste sitzen können, über eine leistungsstarke Lüftung verfügt. "Natürlich ist der Abstand nicht ideal, allerdings sind die Chormitglieder der Bayerischen Staatsoper darauf geschult, in ungewöhnlichen Aufstellungen zu singen, da der Chor ja bei jeder Vorstellung immer auch szenisch agieren muss," sagt Opern-Sprecher Christoph Koch. Da seit dem 10. März keine Vorstellungen in der Staatsoper mehr gespielt wurden, fielen auch alle Auftritte des Chors aus. Nach der Sommerpause im Oktober hofft die Staatsoper auf eine vorsichtige Rückkehr zu Vorstellungen mit Chorbeteiligung.

Damit ihr Laienchor so weit wie möglich auseinander steht, muss auch Mary Ellen Kitchens mit dem Regenbogenchor in einen größeren Raum umziehen. Noch entwickelt Münchens lesbisch-schwuler Kammerchor ein passendes Hygienekonzept. Die Chormitglieder, die im Gesundheitswesen arbeiten, übernähmen die Vorbereitungen, sagt Kitchens. Wichtig war ihr, dass auch während des Probenverbots niemand abgehängt wird. Beinahe 15 Wochen lang traf sich der Regenbogenchor zum gemeinsamen Singen online. "Mittlerweile haben wir gelernt, mit Zoom umzugehen. Zwei Drittel unserer etwa 30 Mitglieder haben sich jede Woche zugeschaltet", sagt Kitchens.

Wegen der Verzerrungseffekte können bei solchen Proben nicht alle Mikrofone angeschaltet bleiben. Ein akustisches Problem, das das Lied "Here I Am" lösen konnte. Eigens für Chorproben im Internet hat die amerikanische Komponistin Karen Siegel das Stück geschrieben, bei dem die Sänger und Sängerinnen zeitversetzt beginnen. Auch der Regenbogenchor nutzt das Stück bei sogenannten Hybridproben. Nur ein Teil des Chors ist physisch anwesend, der Rest per Videokonferenz ohne offenes Mikrofon zugeschaltet. Bei den Proben im Netz stand ohnehin oft der soziale Aspekt im Vordergrund, erzählt Kitchens. Statt vor dem Bildschirm singt der Regenbogenchor bald wieder unter freiem Himmel. Für den 12. Juli ist die erste Probe im Luitpoldpark geplant.

© SZ vom 30.06.2020/vewo
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