Ein Leben für die Musik:Der Jazzprofessor

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Ein Leben für die Musik: Jazz-Urgestein Joe Viera feiert seinen 90. Geburtstag standesgemäß mit seiner Uni Big Band München in der Unterfahrt.

Jazz-Urgestein Joe Viera feiert seinen 90. Geburtstag standesgemäß mit seiner Uni Big Band München in der Unterfahrt.

(Foto: Ralf Dombrowski)

Ein Pionier des Genres: "Jazzwoche Burghausen"-Gründer Joe Viera wird 90. Die Unterfahrt richtet ihm zu Ehren ein Konzert aus. Rückblick auf ein bewegtes Leben.

Von Oliver Hochkeppel

Ein Mann der blumigen Worte war Joe Viera nie. Immer auf den Punkt, mit knochentrockenem Humor, das ist seine Art. Ob im Gespräch oder in seinen legendären Ansagen bei der Jazzwoche Burghausen. Dieses schnell zur ersten europäischen Kategorie gehörende Festival gründete er bekanntlich gemeinsam mit Helmut Viertl 1970, nach einem sagenumwobenen Gespräch in dessen VW Käfer. Seitdem hat Viera es bis zur erzwungenen Corona-Pause geleitet. Was ihn vermutlich zum Weltrekordhalter in der Sparte ununterbrochener Festivalleitung macht.

Mindestens ebenso wichtig - auch ihm selbst - sind freilich die bereits zwei Jahre später installierten Jazzkurse. In Zeiten, als man Jazz in Deutschland noch nicht studieren konnte, wurden diese Workshops zur Keimzelle unzähliger Jazz-Initiationen und -Karrieren. Gitarristen wie Helmut Nieberle und Helmut Kagerer, Bassisten wie Thomas Stabenow oder Dieter Ilg, Schlagzeuger wie Guido May, Bläser von Roman Schwaller, Peter Weniger oder Claus Reichstaller - alle später selbst Jazz-Institutsleiter - bis zu Julian Wasserfuhr oder dem Burghauser Eigengewächs Richard Köster, sie alle sind durch diese Schule gegangen. Zusammen mit bisher mehr als 13 000 Teilnehmern. Nimmt man die "Reihe Jazz" mit wegweisenden Unterrichtswerken dazu, die akademische Pionierarbeit an der Gesamthochschule Duisburg und an der Musikhochschule Hannover, später in München und Passau, die Gründung und Leitung der Lehrer Big Band Bayern, der Uni Big Band München, der Union Deutscher Jazzmusiker wie der Internationalen Jazzföderation, dann darf man konstatieren: Joe Viera ist der deutsche Jazzprofessor, eine Rolle, die den Saxofonisten, Arrangeur und Festivalmacher noch in den Schatten stellt.

In die Wiege gelegt wurde ihm diese Berufung nicht. 1932 in München geboren und seitdem dort lebend studierte Viera nach Krieg und Abitur zunächst Physik. Er machte auch das Diplom, aber da hatte sich der Jazz schon übermächtig in sein Leben gedrängt. Diese Dualität hat ihn freilich geprägt, wie er einmal betonte: "Von der Physik habe ich das Denken gelernt, von der Musik das Fühlen." Als Kind hatte er ganz klassisch Blockflöte und Klavier erlernt, aber schon früh faszinierten ihn die nichtklassischen, schrägeren Klänge und Rhythmen, die er als Bub auf heimlich kursierenden Schellackplatten und den verbotenen "Feindsendern" hörte. Bei den 72 Bombenangriffen auf München, die er miterlebte, wurden sie zum "Überlebensmittel". Und schließlich, nach dem Physik-Intermezzo, zu seinem Beruf.

Die ersten Schritte unternahm er mit Dixieland

Von einem Freund hatte Viera unter Aufbietung aller finanziellen Möglichkeiten ein Sopransaxofon gekauft und sofort eine Band gegründet. Das Alt kam schnell dazu, später stieg er noch auf Tenor um. Die ersten Schritte unternahm er mit Dixieland, bei den eigenen Riverboat Seven wie bei den Hot Dogs. Rasch aber weitete sich der musikalische Horizont, und ab den frühen Sechzigern nahm die Bandbreite der modernen Stile vom Bebop bis zum Freejazz parallel zur Vergrößerung seiner Bands zu. Vom Duo mit dem Pianisten Erich Ferstl ging es über ein Trio mit dem Bassisten und späteren ECM-Gründer Manfred Eicher und ein Quartett bis zum Sextett der späten Siebzigerjahre, das auch auf LP dokumentiert ist.

Neugier und Offenheit waren auch die Basis seiner Rolle als Jazz-Vermittler, die sich immer mehr in den Vordergrund schob. Nicht nur zahllose Musiker konnte er damit begeistern, auch das Burghauser Publikum, dem er - auch noch in Zeiten der Jazzpolizei - stets alle Facetten des Jazz nahebringen wollte. Man sieht das nicht zuletzt an den illustren Namen auf den Bronzeplatten der Burghauser "Street of Fame" - seit dem vergangenen Jahr liegt direkt vor dem Eingang zum Jazzkeller auch eine ihm gewidmete. Dem Verlegungs-Festakt war Viera ferngeblieben, mit einem gewohnt trockenen Grußwort, aus dem auch die Enttäuschung über den nicht ganz freiwilligen Abgang als Leiter der Jazzwoche und der Jazzkurse sprach. Denn Rückzug und Kürzertreten ist seine Sache nicht, auch nicht mit 90. Diesen runden Geburtstag kann er samt einem beeindruckenden Lebenswerk am 4. September feiern, und die Unterfahrt richtet ihm dazu am 19. September einen Abend aus. Mit der Uni Big Band, die er selbstverständlich leiten wird. Wie seit 25 Jahren.

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