Festivalkritik:Klang und Namen

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Große Begeisterung, wenig Überraschungen: Zum 50. Mal feierte Burghausen seine Internationale Jazzwoche - und setzte wiederholt auf die Stars der Szene

Von Oliver Hochkeppel, Burghausen

Nun ist sie also selbst Geschichte, die Jubiläumsausgabe der Internationalen Jazzwoche Burghausen. Zum 50. Mal wurde das Grenzstädtchen wieder zum kultischen Versammlungsort für Jazzmusiker, -enthusiasten und Szenebegleiter aus Nah und Fern. Eine besondere kulturelle Leistung, wie auch die BR-Journalisten Roland Spiegel und Ulrich Habersetzer in ihrem üppigen Jubiläumsbuch feststellten, das vorher niemand von den Veranstaltern - die IG Jazz und die Stadt Burghausen - so recht haben wollte, jetzt aber während des Festivals eifrig beworben und gepriesen wurde.

Schon diese Volte veranschaulicht, welche besonderen Reize und Probleme eine solche Großveranstaltung fernab der Metropolen hat. Auf der einen Seite steht die konkurrenzlose Begeisterung. Die Jazzwoche ist vermutlich das einzige A-Festival, das bis hin zum Mitgründer und ewigem Künstlerischem Leiter Joe Viera ehrenamtlich über die Bühne gebracht wird. Manche der 60 bis 70 Mitarbeiter und Helfer nehmen sich Jahr für Jahr Urlaub, um mitmachen zu können. Dementsprechend herzlich und familiär ist die Atmosphäre, und dementsprechend beliebt ist das Festival bei den Musikern. Auf der anderen Seite ist man hier auch konservativer, langsamer, mitunter einen Tick selbstgefälliger als anderswo. Das Jubiläumsprogramm spiegelte diesen Dualismus wie unter einem Brennglas wider.

Auffällige Sakkos und Krawatten, dazu ein Hut - das sind die Markenzeichen des Blues-Gitarristen und -Entertainers Lucky Petersen. Nicht immer aber war das Programm so bunt. (Foto: Frank Rasimowitz)

Wie schon in den vergangenen Jahren war der Prolog gleich einer der Höhepunkte. Zum 11. Mal begann das Festival mit dem "Europäischen Burghauser Nachwuchs-Jazzpreis", auch eine Veranstaltung, bei der die IG Jazz einst zum Jagen getragen werden musste, die aber schnell ein Publikumsrenner wurde und dem Festival seither jugendliche Züge ins älter werdende Gesicht zaubert. Zuverlässig sind hier die besten jungen Wilden zu sehen, die mit stiloffenen und genreüberschreitenden Experimenten den europäischen (ja, auch den deutschen) Jazz zu einen gleichwertigen Antipoden des amerikanischen gemacht haben. Von den fünf Bewerbern setzte sich LBT durch, das Leo Betzl Trio aus München, das damit alle bedeutenden deutschen Jazzpreise gewonnen hat. Völlig zu Recht, gehört ihr in klassischer Klaviertrio-Besetzung handgemachter Techno-Jazz doch zum Verwegensten und Neuartigsten der jüngeren Zeit. Eine kleine Revolution, die - wie alle Revolutionen - das Publikum polarisiert. Gegen die Meinung vieler Traditionalisten sah die Jury klugerweise, dass der Jazz Infusionen braucht, die ihm neues Publikum bescheren.

Die nächstplatzierten Bands, das polnische Weezob Collective (mit dem herausragenden Mundharmonika-Spieler Kacper Smolinski, der auch den Solistenpreis bekam) und das Quartett Lobster waren vielleicht konventioneller, auf ihre Art aber ebenso gut. Wettbewerb kann im Jazz eben nie gerecht sein, sondern nur eine Krücke, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Dass dies funktioniert, bewies auch der Schlusstag, an dem diesmal drei ehemalige Preisträger spielen durften. Der überzeugende Rahmen des Programms ergab sich dadurch von selbst - der Rest aber wollte sorgsam geplant werden. Während die meisten anderen Festivals Scouts ausschicken, bucht man in Burghausen sozusagen nach Katalog, setzt dabei in erster Linie auf klingende Namen - und lässt sich dabei auch manche Mogelpackung andrehen.

Im vergangenen Jahr Blood, Sweat & Tears, heuer die Earth, Wind & Fire Experience - das sind teure US-Coverbands, die kein Jazzfestival braucht. Was mehr oder weniger auch für die ermüdenden Spaßbläser des Hypnotic Brass Ensembles gilt. Und wer Al Di Meola zuletzt öfter gesehen hat, weiß, dass er einen technisch immer noch überragenden Gitarristen bekommt, der leider mit den immer gleichen Song-Arrangements und -Endings und einem mit Gitarren-Synthie, Akkordeon und hier sogar noch Streichern aufgetürmten Edelkitsch langweilt. Die Uraufführung der "Latin-Jazz Sinfonica!" erinnerte an viele Crossover-Projekte früherer Zeiten, weil es ebenfalls daran scheiterte, dass viel zu viel zusammengeworfen wurde, um von allen bewältigt werden zu können. Auch beim diesmal skandinavisch besetzten Avantgarde-Freitag im Stadtsaal hätte es gelungenere Kombinationen gegeben als der Sphärentrompeter Nils Petter Molvaer mit den Reggae-Veteranen Sly & Robbie - hinreißend immerhin zuvor Rymden, das neue Trio der e.s.t.-Recken Dan Berglund und Magnus Öström mit Tasten-Mastermind Bugge Wesseltoft. Selbst der Eröffnungsabend krankte daran, dass bei der von Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington präsentierten Sängerinnen-Starparade mit Lizz Wright, Angelique Kidjo und Dianne Reeves jede für sich großartig war, sie aber zusammen noch kaum harmonierten.

Eine sichere Sache waren der gewohnt leidenschaftliche Walter Trout (inzwischen mit seinem Sohn als Begleiter) und der Publikums-Charmeur Lucky Peterson beim Blues-Nachmittag sowie natürlich der nach wie vor beste (und teuerste) Entertainer im Jazzbereich: Jamie Cullum. Aber Entdeckungen? Da blieb eigentlich - abgesehen vom für den Rahmen eines heimischen Laienprojekts sehr gelungenen "Sacred Concert" von Ellington - nur eine: Der 21-jährige Pianist und Organist Simon Oslender, der sich an der Seite vom souveränen Starschlagzeuger Wolfgang Haffner im Jazzkeller unglaublich reif und vielseitig präsentierte. Bei diesen nächtlichen Sessions, da konnte man sie wieder oft erleben, die unverwechselbaren Burghauser Momente.

Sportlich wie immer präsentierte sich Jamie Cullum. (Foto: Frank Rasimowitz)

Fazit: Die durchgehend ausverkaufte und mit mehr Konzerten als sonst bestückte 50. Jazzwoche konnte zwar einen neuen Publikumsrekord melden, war musikalisch aber eher eine Enttäuschung. Weder setzte man sich wirklich mit der Festival-Tradition auseinander, noch nahm man von den aktuell so vielen wegweisenden Jazz-Vordenkern Notiz - wohl, weil sie keinen Starnimbus mehr erreichen, der die Wackerhalle von alleine füllt. Bleibt die Hoffnung, dass im vom übergroßen Jubiläumsdruck befreiten nächsten Jahr wieder mehr Platz ist für Überraschungen.

© SZ vom 01.04.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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