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Umfrage:"Ein Kind ist kein Mitarbeiter"

Der Gemeinsame Elternbeirat der Grundschulen München wünscht sich unter anderem Schulungen und Leihgeräte für digitalen Fernunterricht.

Viele Arbeitsblätter, wenig persönlicher Kontakt zu Lehrern und ein enormer Zeitaufwand für die Betreuung - das sind die Erfahrungen von Grundschul-Eltern nach den ersten Wochen Home Schooling.

Die Kinder schaffen es nicht alleine. Wenn sie ihre Schulaufgaben machen, sitzt meist die Mutter oder der Vater daneben, für mehrere Stunden am Tag. Die Kleinen befassen sich dann vor allem mit Arbeitsblättern, die ihr Klassenlehrer oder ihre Klassenlehrerin eingescannt und per E-Mail verschickt hat, oft hat sie danach noch ein Elternsprecher weitergeleitet. Ob die Kinder alle Aufgaben richtig gelöst haben, überprüfen dann hauptsächlich sie selbst oder die Eltern, mit Hilfe von Musterlösungen - oder auch gar niemand. Dass Eltern den Lehrern die bearbeiteten Aufgaben zuschicken und diese sie korrigieren, kommt nur in Ausnahmefällen vor. Und auch Telefonate zwischen Kindern und Lehrern gibt es eher selten.

So oder ähnlich hat im März der typische Alltag für Eltern von Grundschulkindern in München ausgesehen; das geht aus einer Umfrage hervor, die der Gemeinsame Elternbeirat der Grundschulen München (GEB) im April durchgeführt und jetzt ans städtische Schulreferat, ans staatliche Schulamt und ans Kultusministerium geschickt hat. Die Eltern wünschen sich darin hauptsächlich mehr Struktur: zum Beispiel klare Lernziele und klar definierte Tagespläne mit Angaben, wie lange ein Kind für eine Aufgabe brauchen soll.

Der GEB erhebt auf dieser Grundlage zudem acht Forderungen. So wünscht er sich unter anderem Schulungen und Leihgeräte für digitalen Fernunterricht sowie verbindliche, schulübergreifende Standards für die Technik und die Kommunikation. Zum Beispiel solle es mindestens einmal pro Woche ein Gespräch zwischen Schülern und Lehrern geben, etwa per Telefon oder per Videokonferenz. In der Handreichung "Hinweise und Standards für das Lernen 2.0 an der Grundschule" rät das Kultusministerium gar zu täglichem Kontakt. Diese Hinweise sollten rasch flächendeckend umgesetzt werden, findet Christian Bayer vom Vorstand des GEB.

Bayer ist Professor für "Quantitative Verfahren", also unter anderem für Statistik, an der Hochschule Aalen. Er sagt: Repräsentativ sei die Erhebung des GEB nicht. So haben sich zum Beispiel überproportional viele Eltern mit deutscher Muttersprache sowie mit Hochschulabschluss beteiligt. Auch haben von Schule zu Schule jeweils unterschiedlich viele Eltern teilgenommen. Zugleich aber war die Reichweite sehr groß. Eltern von Kindern an 126 der 137 staatlichen Grundschulen in München haben sich beteiligt; 6233 Fragebögen wurden vollständig ausgefüllt, allein das entspricht einer Quote von rund 18 Prozent aller Eltern von Grundschulkindern.

Viele Eltern hätten außerdem ausführlich von ihren Erfahrungen berichtet, erklärt die GEB-Vorsitzende Anke Sponer; daher habe die Auswertung mehrere Wochen gedauert. Befragt wurden die Eltern von 3. bis 17. April; die Ergebnisse beziehen sich daher auf die ersten drei Wochen nach dem 16. März, an dem die Schulen wegen des Coronavirus geschlossen worden waren. Der GEB überlegt, mit einer neuen Umfrage nachzulegen. Denn "an vielen Schulen hat sich seither schon etwas getan", sagt Sponer. Viele würden nun etwa digitale Pinnwände nutzen, auch Videokonferenzen gebe es öfter. Einheitliche Standards aber gebe es keine. "Und manchmal werden Verbesserungen auch zurückgefahren, weil jetzt mit dem Präsenzunterricht weniger Zeit ist."

Im Einzelnen ist das "Lernen zuhause", wie es das bayerische Kultusministerium nennt, unterschiedlich gelaufen - das gilt auch innerhalb des GEB-Vorstands. Christian Bayer etwa ist Vater einer Tochter in der dritten Klasse. Von Mitte März an hätten sie wöchentlich Arbeitsblätter der Klassenlehrerin erhalten, erzählt er. Zu Beginn sei die neue Situation schwierig gewesen, seine Tochter besuche eine Hausaufgabenbetreuung und sei nicht gewöhnt gewesen, daheim etwas für die Schule zu tun - schon gar nicht mit den Eltern. Sie hätten zudem unterschätzt, wie viel Struktur ein Tag braucht, sagt Bayer. Es sei ja nicht damit getan, die Aufgaben weiterzugeben. "Ein Kind ist kein Mitarbeiter." Damit eine Grundschülerin motiviert bleibt, brauche es Abwechslung, Pausen und regelmäßig positives Feedback.

Mittlerweile laufe alles sehr gut, sagt Bayer. Von selbst aber läuft es nicht. Das "Lernen daheim" bedeute einen Betreuungsaufwand von fünf Stunden pro Tag, sagt Bayer. Seine Frau und er seien voll berufstätig, aber flexibel genug, um das zu organisieren. Die eigene Arbeit holen sie nötigenfalls am Wochenende nach. "Das könnten einer alleine oder Familien mit mehreren Kinder so niemals stemmen."

Mehrere Kinder hat zum Beispiel Anke Sponer, nämlich drei. Die zwei älteren gehen in die Grundschule. Der Betreuungsaufwand sei hoch, sagt auch sie. Mehr als drei Stunden am Tag würden sie pro Kind nicht schaffen. "Das geht auch nicht nebenher." Sponer empfand das "Lernen zuhause" zu Beginn als Durcheinander. Das Lernmaterial kam auf verschiedenen Wegen und sei kaum zu bewältigen gewesen. "In der vierten Klasse ging es halbwegs", sagt Sponer. "Da sind die Kinder schon gewohnt, halbwegs eigenständig zu lernen. Aber darunter ist es für die Kinder schwierig zu verstehen, was das alles soll. Insbesondere in den ersten Klassen."

So wie Bayer und Sponer erging es vielen. In der Umfrage gaben etwa drei Viertel der Eltern an, sich täglich pro Kind mehr als zwei Stunden lang um Schulaufgaben zu kümmern. Die Aufgaben kamen weitestgehend (85,9 Prozent) per Mail; manchmal (13,4 Prozent) stand es auch zum Download auf der Schul-Homepage. Dass das vom Ministerium empfohlene Lernportal "Mebis" genutzt worden sei, kreuzten nur drei Prozent an. Mehr als doppelt so häufig (6,9 Prozent) schickten Schulen Material mit der Post - oder Lehrer brachten es zu den Schülern nach Hause.

Was die Kinder bekamen, waren in der Regel (89,3 Prozent) eingescannte Arbeitsblätter. Nur 7,5 Prozent der Eltern kreuzten jedoch an, sie hätten die bearbeiteten Aufgaben den Lehrern zur Korrektur schicken können; jeweils etwa ein Drittel gab an, korrigiert hätten die Kinder oder die Eltern. 41,2 Prozent der Eltern gaben an, sie hätten Lösungen teilweise selber erarbeiten müssen, weil es keine Musterlösungen gab oder diese fehlerhaft waren. 20,3 Prozent sagten, die Aufgaben seien gar nicht korrigiert worden. Und nur 5,1 Prozent der Eltern gab an, die Lehrer besprächen mit den Kindern individuell deren Lernstand. Telefonate mit den Lehrern gab es der Umfrage zufolge ohnehin wenige. 73,3 Prozent der Eltern kreuzten an, die Klassenleitung habe in den ersten drei Wochen nie mit ihrem Kind telefoniert. 18,6 Prozent sagten, es habe genau ein Telefonat gegeben. 4,7 Prozent sagten, Kinder und Lehrer telefonierten einmal pro Woche.

Entsprechend oft wünschten sich Eltern eine bessere Kommunikation - und ein Großteil (88 Prozent) hätte auch nichts gegen Videokonferenzen. Der Einwand, vielen Schüler fehlten die Endgeräte, bestätigt sich in dieser - online durchgeführten und nicht repräsentativen - Umfrage nicht. Nur 5,1 Prozent der Eltern gaben an, es fehle ein Endgerät; nur 3,4 Prozent sagten, das Internet-Datenvolumen sei zu gering. Als Hindernis empfanden viele dagegen fehlende Standards (26,4 Prozent) und dass sie selbst (18,7 Prozent) und die Lehrer (17,1 Prozent) wenig Erfahrung hätten. Doch das ließe sich alles lösen, findet Christian Bayer. "Es wäre ein Riesenschritt vorwärts, wenn wir bei der Ausgestaltung des Homeschooling die Perspektive wechseln würden: Von 'geht nicht, weil' zu 'geht, wenn wir folgende Umsetzungshürden gemeinsam lösen'."

Ziel der Kritik seien aber nicht die Lehrer; diesen wolle man vielmehr danken, sagt Anke Sponer. Sie stünden vor einer Dreifachbelastung: Sie müssen die Notbetreuung gewährleisten, sich um den Fernunterricht kümmern und zusätzlich Präsenzunterricht geben. Seit 11. Mai sind die vierten Klassen zurück in den Schulen, am 18. Mai folgen die Erstklässler. "Wir wollen allen Lehrern für ihr außerordentliches Engagement in einer unerwarteten Krisensituation danken und sie nicht kritisieren", sagt auch Christian Bayer. "Wir sehen, dass jeder Lehrer im Rahmen seiner Möglichkeiten das Beste für seine anvertrauten Kinder tun möchte." Oft aber fehlten offenbar Vorgaben. "Die Lehrer wurden da schon ein Stück weit alleine gelassen."

Was bleibt, seien drei Herausforderungen, sagt Anke Sponer: ein guter Präsenzunterricht, Standards für den Fernunterricht - und Hygiene-Etikette in der Nachmittagsbetreuung. Anders als in den Schulen gebe es dort etwa kein Maskengebot, sagt Sponer. Das müsse rasch geändert werden. "Wir brauchen dort zum Beispiel auch eine situative Maskenpflicht wie in der Schule, nicht generell, aber zumindest auf den engen Begegnungsflächen." Anders als in Kitas sei eine Maskenpflicht doch bei Grundschülern umsetzbar. Das zeige sich ja in den Schulen.

© SZ vom 16.05.2020/kbl
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