"Fridays for Future" in München:"Wer nicht hüpft, der ist für Kohle"

Kundgebung: Fossil Free - Globaler Klimastreik, 2021

Demonstranten posieren mit Masskrügen voller Öl am Marienplatz.

(Foto: Robert Haas)

Münchens Klimaschützer waren wegen der Corona-Pandemie lange wenig sichtbar, nun demonstrieren sie wieder. Sie kritisieren "leere Versprechungen" und fordern konkrete Projekte.

Von Jakob Wetzel

Die alten Sprechgesänge sitzen noch, und die Reflexe auch. "Wer nicht hüpft, der ist für Kohle, hey", rufen sie, und: "Hoch mit dem Klimaschutz, runter mit der Kohle" - ganz so wie 2019, im Jahr der großen Klimaproteste. Auf manchen Kundgebungen von "Fridays for Future" in München sind damals Zehntausende junge Demonstrantinnen und Demonstranten im Rhythmus dieser Rufe gesprungen, sind in die Knie gegangen und haben sich wieder gestreckt. An diesem Freitagmittag im Olympiapark sind es nun etwa 100. Noch einmal doppelt so viele sehen live im Internet zu. Vor der Olympiahalle stehen sie mit Masken und großen Abständen zueinander, und sie rühren sich kaum vom Fleck, obwohl es zieht - wenn sie nicht gerade hüpfen oder Kniebeugen machen. Das hilft auch gegen die Kälte.

Es ist ein schwieriges Jahr gewesen für "Fridays for Future". Wegen der Pandemie waren große Demonstrationen nicht möglich. Doch jetzt, in den Monaten vor der Bundestagswahl, möchte die Bewegung wieder laut sein. Weltweit hat "Fridays for Future" am Freitag in mehr als 50 Ländern zu Protesten aufgerufen. In München gab es mehrere Kundgebungen von der lokalen Ortsgruppe sowie von Unterstützern.

Begonnen hat es um 10.30 Uhr auf dem Marienplatz: Dort haben mehrere Initiativen dagegen protestiert, dass die Münchner Stadtwerke in Unterföhring ein neues Gaskraftwerk bauen wollen und weiterhin an dem Joint Venture "Spirit Energy" beteiligt sind, das in der Nordsee nach Erdgas sucht. Eine halbe Stunde später haben die "Parents for Future" und andere Gruppen zur Kundgebung vor die CSU-Zentrale in Freimann gerufen.

Das Wetter dort ist rau, der Ton auch. "Wer Klimaschutz will, kann nicht CSU wählen", ruft Michael Kusterer im leichten Schneeregen den Parteileuten im Franz-Josef-Strauß-Haus sowie den etwa 50 Demonstrantinnen und Demonstranten zu. Die Partei blockiere den Ausbau der Windkraft, und obwohl Ministerpräsident Markus Söder vor einem Jahr eine Photovoltaik-Pflicht für Neubauten angekündigt habe, gebe es dazu noch nicht einmal einen Gesetzesvorschlag. "Herr Söder, Sie haben vier Kinder", ruft Kusterer. Mit jedem Jahr, in dem die Wende verschleppt werde, steige auch für sie die Gefahr. "Können Sie das verantworten?" Die CSU kommentierte die Vorwürfe auf Nachfrage nicht.

Sie habe selber zwei Kinder, neun und sechs Jahre alt, sagt Christine Dumont, eine der Demonstrantinnen. Und um deren Zukunft mache sie sich große Sorgen. Sie fürchte Nahrungsknappheiten, Hitzewellen, Stürme, Wetterkatastrophen. Kurz darauf führen die Demonstranten ein kleines Theaterstück auf: Eine Person mit Markus-Söder-Maske trägt eine große Kiste herbei, auf der "CSU-Klimaschutz-Paket" steht, was sich auf den zweiten Blick freilich als "CSU-Wahlkampf-Klimaschutz-Ankündigungs-Paket" entpuppt. Drinnen sind kleinere Boxen und in der letzten ein paar Blätter Papier mit unverbindlichen Sätzen. Vor den Eingang in die Parteizentrale haben die Demonstranten den Schriftzug "No more empty promises" gehängt, gebastelt aus grün angestrichenen Klopapierrollen. "Keine leeren Versprechungen mehr", das ist das internationale Motto von Fridays for Future für diesen Tag.

Die Forderung hat auch Elias Wagner in den Olympiapark geführt. Die meisten Parteien sagten, der Klimaschutz stehe für sie ganz oben, sagt der 15-Jährige. "Fridays for Future" habe es geschafft, dass das Thema in den Köpfen vieler Menschen angekommen sei. Tatsächlich passiert sei seither aber nicht viel. "Es reicht nicht, darüber zu reden, sondern es müssen Taten folgen", sagt er. Deshalb stehe er jetzt hier und hocke nicht im Distanzunterricht.

Ein paar Schritte weiter haben sich Adrian und Midas postiert, beide sind 13 Jahre alt und haben den Präsenzunterricht an ihrer Schule boykottiert - so wie früher, als Präsenzunterricht noch normal war. Sie seien gekommen, "weil es unsere Zukunft ist", sagt Midas. "Wir wollen später auch einmal normal leben können." Sie seien beide schon öfter demonstrieren gegangen, sagen sie, dann ruft jemand: "Wer nicht hüpft, der ist für Kohle", und sie hüpfen mit. Auf Adrians Schild steht: "The world is hotter than my imaginary girlfriend".

Das Mikrofon hat im Olympiapark als erste Antonia Messerschmitt in der Hand. "Die Bundesregierung feiert sich ab, weil fast alle Klimaziele erreicht worden sind", sagt sie. "Aber wir sind hier, um die Party zu verderben." Erstens seien die Klimaziele zu wenig ambitioniert. Und zweitens habe man sie nur erreicht, weil in der Corona-Pandemie der Verkehr zurückgegangen sei. "Es kann doch nicht sein, dass wir die Klimaziele nur erreichen können, wenn wie eine Pandemie haben", ruft Messerschmitt. Mittlerweile wüssten alle, dass eine Pandemie keinen Spaß mache. "Wir können nicht bis 2050 Pandemien haben, nur um die Klimaziele zu erreichen."

Martin Geilhufe vom Bund Naturschutz ist zuversichtlicher. Man habe auch den Atomausstieg geschafft, sagt er ins Mikrofon, "beim Klimaschutz gelingt uns das Gleiche". Dafür müssten alle weiterhin auf die Straße gehen. Es sei noch möglich, das Schlimmste zu verhindern, sagt später auch Lena Maurer von Greenpeace. "Wir können es schaffen, gemeinsam schaffen wir alles!" Es ist bei allem Ärger und allen Vorwürfen überhaupt viel von Hoffnung die Rede. Kerstin Schütz hat das Wort auf ihr Schild gemalt, "Hoffnung", und sonst nichts. Man könne noch etwas verändern, sagt die 20-Jährige, die Informatik und Geografie studiert. Und wenn die Politik nichts tue, müsse man eben auf die Straße gehen.

Große Sorgen, dass die Bewegung nach einem Jahr Corona eingeschlafen ist, machen sich die Aktivisten nicht. Dass nur 100 Demonstranten gekommen sind, liege daran, dass das ihre Obergrenze sei, sagt Lukas Maggioni von "Fridays for Future". Mehr seien wegen der Pandemie nicht zu verantworten gewesen. Sie hätten deshalb gar nicht erst groß mobilisiert.

© SZ.de/wet/sonn/van
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