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Studie:Wo Frauen in München im Nachteil sind

Plakate mit der Aufschrift Lohnlück schließen Am 18 3 2019 fand auf dem Münchner Marienplatz ein

Löhne und Gehälter von Frauen liegen in München um 25,8 Prozent unter denen der Männer.

(Foto: Alexander Pohl/imago)

Bildung und Karrieren, Gehälter und Altersvorsorge: Es ist noch ein weiter Weg bis zur Gleichberechtigung, wie eine umfangreiche Untersuchung zeigt.

Von Anna Hoben

Seit 1985 gibt es die städtische Gleichstellungsstelle für Frauen. Vier Stunden diskutierte der Stadtrat damals über deren Gründung, CSU und FDP sprachen von "grandioser Geldverschwendung" und von einem "simplen Modeartikel". 35 Jahre später existiert die Stelle noch immer und beweist, dass sie noch lange nicht überflüssig ist. Zum ersten Mal legt sie nun eine umfangreiche Untersuchung zum Stand der Gleichstellung in München vor, mit Daten, Analysen und Handlungsbedarfen. 232 Seiten umfasst der Bericht - ein veritables Nachschlagewerk, das die Zweite Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne) am Dienstag zusammen mit Nicole Lassal und Ursula Sorg von der Gleichstellungsstelle präsentiert hat. Kommende Woche wird der Bericht dem Stadtrat vorgestellt.

Zwei Jahre hat die Soziologin Ursula Sorg daran gearbeitet, hat bei der Münchner Polizei, bei der Deutschen Rentenversicherung oder im Münchner Stadtarchiv angeklopft, um Daten zu sammeln und auswerten zu lassen. Die Polizei lieferte Zahlen zu geschlechterspezifischer Gewalt, im Stadtarchiv wälzte jemand Akten, um herauszufinden, wie hoch der Frauenanteil bei den einzelnen Parteien im Stadtrat gewesen ist - von der Nachkriegszeit bis heute. Unter den 36 Mitgliedern des 1945 provisorisch einberufenen Stadtrats war genau eine Frau, das entspricht 2,8 Prozent. Heute beträgt der Anteil 45 Prozent. Bei den Grünen sind es sogar 60,9 Prozent.

So ausgeglichen sieht es längst nicht überall aus. Zwar hat sich sehr viel getan, und München ist auf einem guten Weg. Aber: "Es gibt nach wie vor unglaublich viel zu tun", sagt Katrin Habenschaden. Der Bericht bilde dafür eine wertvolle Grundlage. Oft habe man bisher bei gleichstellungspolitischen Debatten nicht die genauen Zahlen und Hintergründe gekannt. "Diese Lücke schließt der Bericht." Aus den Erkenntnissen müssten nun politische Forderungen abgeleitet werden. Neben klassischen Themen wie dem Gender Pay Gap - der Tatsache, dass Frauen weniger Geld verdienen als Männer -, weist Habenschaden auf jene Aspekte hin, bei denen es um Sichtbarkeit geht: etwa die ungleiche Verteilung bei Straßennamen und bei der Ernennung zur Ehrenbürgerin. Bei beidem machen Frauen zehn Prozent aus.

Der Gender Pay Gap übrigens ist laut dem Bericht in München noch größer als bundesweit. So verdienten im Jahr 2017 Frauen 25,8 Prozent weniger als Männer (in Deutschland 20,8 Prozent). "Hier wirkt sich aus, dass die Verdienste in München insgesamt höher sind", heißt es als Erklärung im Bericht. "Je höher also das Qualifikationsniveau, desto höher der Gender Pay Gap." Ein anderes Beispiel zeigt den Karriereverlauf von Ärztinnen bis zur Chefärztin in der München Klinik. Die Grafik dazu gleicht einer geöffneten Zange. Der Nachwuchs in der Medizin ist überwiegend weiblich, 61 Prozent der Absolventen in Deutschland sind Frauen. Auch bei den Assistenzärzten an der München Klinik: 60 Prozent Frauen. Dann kreuzen sich die Linien, die der Frauen fallen nach unten ab, die der Männer klettern nach oben. Unter den Oberärzten sind noch 34,5, unter den leitenden Oberärzten 17,5 und unter den Chefärzten 11,9 Prozent Frauen.

Das Thema Bildung zeige die Entwicklung der Gleichberechtigung generell sehr gut, sagt die Leiterin der Gleichstellungsstelle, Nicole Lassal. Mädchen und Frauen machten heute zwar bessere Abschlüsse als Jungen und Männer, könnten es aber nicht "in Karriere umsetzen". Weil sie oftmals frauentypische Berufe wählten, die gesellschaftlich weniger hoch bewertet werden, und auch wegen ihrer individuellen Entscheidungen zur innerfamiliären Verteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit. "Zugespitzt: Frauen verzichten auf bezahlte Erwerbsarbeit zugunsten von unbezahlter Sorgearbeit", sagt Lassal. Eine Folge ist die sogenannte Gender Pension Gap - die Tatsache, dass Frauen mit weniger Rente auskommen müssen als Männer.

Verwaltung mit Vorbildfunktion

Die Situation ist nicht schlecht, aber sie könnte noch ein bisschen besser sein. So lässt sich salopp das Fazit des Sachstandsberichts zur Gleichstellung der städtischen Angestellten formulieren. Die Stadt gehört zu den größten Arbeitgebern Münchens und sollte bestenfalls als Vorbild dienen. Mehr als 40 000 Menschen sind direkt bei der Landeshauptstadt oder bei einem ihrer Tochterunternehmen angestellt. Auch die städtischen Lehrer zählen dazu. Im Juni 2016 hatte der Stadtrat einstimmig das Gleichstellungskonzept mit Leitsätzen etwa zur Situation der Kinderbetreuung, zu Heimarbeitsplätzen und Fortbildungen beschlossen. Nach vier Jahren ist die Umsetzung dieser Leitsätze nun abgeschlossen und evaluiert. Es gibt demnach 160 Betreuungsplätze mehr und auch das Homeoffice wird deutlich öfter genutzt - auch schon vor Corona-Zeiten. Der Anteil der Frauen in der Belegschaft ist insgesamt etwas höher als jener der Männer. Beim genaueren Hinsehen aber stellt sich heraus, dass es immer noch gravierende geschlechtsspezifische Unterschiede gibt. In Kitas ist hauptsächlich weibliches Personal beschäftigt, in der IT-Branche überwiegen weiterhin Männer. So gab es 2019 nur 18,2 Prozent weibliche Auszubildende für IT-Berufe oder IT-Studiengänge.

Immerhin sind 49,3 Prozent Frauen in Führungspositionen zu finden, wenn auch weniger im höheren Dienst. Große Unterschiede gibt es zudem zwischen den einzelnen Referaten. Schon 2016 war geplant, durch ein Mentoring-Programm Frauen für höhere Aufgaben zu gewinnen. Dazu sollten mindestens 70 Prozent Frauen als Mentees - also Förderinnen - ihren Kolleginnen beratend zur Seite stehen. "Mentoring ist eine gute Methode, um Frauen zu empowern", sagt Micky Wenngatz (SPD), neu gewählte Stadträtin und Fachsprecherin für Frauen, Gleichstellung und LGBTI. Leider sei man ein bisschen spät auf die Idee der Umsetzung gekommen. Erst 2021 soll ein Pilotprojekt dazu erprobt werden. Nun wird an neuen Leitsätzen gearbeitet. Am 24. Oktober trifft man sich zu einem ersten Workshop. Sabine Buchwald

Auch die aktuellen Entwicklungen in der Coronakrise fehlen nicht in dem Bericht. Wie unter einem Brennglas zeige die Pandemie die Defizite auf, sagt Habenschaden - "und sie macht deutlich, wie dringlich wir daran arbeiten müssen". Hausarbeit und Kinderbetreuung bleiben noch immer zu einem Großteil an den Frauen hängen. Zudem arbeiten diese häufiger in sogenannten systemrelevanten, aber schlechter bezahlten Berufen. Die SPD/Volt-Fraktion im Stadtrat fordert daher, die Möglichkeiten für Homeoffice so auszubauen, dass auch Frauen davon profitieren.

"Homeoffice ist Fluch und Segen zugleich", sagt die gleichstellungspolitische Sprecherin Micky Wenngatz. Chancen eröffne es dann, "wenn auch Männer es für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nutzen". Das von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) vorgeschlagene Recht auf 24 Tage Homeoffice im Jahr reiche in diesen außergewöhnlichen Zeiten nicht aus. Zusätzlich müssten Unternehmen verpflichtet werden, für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter qualitätsvolle Homeoffice-Plätze mit klaren Regeln zur Verfügung zu stellen.

© SZ vom 07.10.2020/vewo
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