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Gleichberechtigung:Warum so wenige Straßen in München nach Frauen benannt sind

Neubaugebiet Freiham-Nord in München, 2020

In Neubaugebieten wie in Freiham gibt es die meisten Gelgenheiten für den Stadtrat, neue Straßen zu benennen.

(Foto: Catherina Hess)

Der Stadtrat will an diesem Ungleichgewicht etwas ändern, doch damit geht es nur langsam voran. Bei jetzigem Tempo wäre ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis im Jahr 2773 erreicht.

Von Jakob Wetzel

Zum Beispiel Therese Wagner. Die gebürtige Freisingerin erhielt gemeinsam mit ihrem Mann 1829 das Braurecht der Münchner Augustiner. Nach dem Tod ihres Mannes 1845 führte sie die Brauerei alleine, modernisierte sie, machte Augustiner-Bräu zur Großbrauerei. Wagner führte das Unternehmen bis zu ihrem Tod 1858. Im Januar 2020 hat der Münchner Stadtrat beschlossen, sie zu ehren: Seither trägt eine Straße ihren Namen, ein Sträßchen in Freiham, kurz vor Germering.

Neben Wagner wurde im Januar eine zweite Frau mit einem Straßennamen geehrt. Auch an Zenzl Mühsam, eine Streiterin für die Münchner Räterepublik, erinnern nun Straßenschilder, in diesem Fall am Rande von Neuperlach. Doch die beiden Frauen sind nach wie vor eine Minderheit. Personen, die in München mit einem Straßennamen geehrt werden, sind nach Zahlen des Kommunalreferats zu knapp 89 Prozent Männer. Der Stadtrat hat schon 2004 entschieden, an diesem Ungleichgewicht etwas zu ändern. Zuständig ist der Stadtrat selbst; wenn er eine Straße nach einer Person benennen will, sollen nun Frauen Vorrang haben. Alle zwei Jahre muss das Kommunalreferat den Stadträten vor Augen führen, wie konsequent sie sich an diese Vorgabe halten. Die jüngsten Zahlen hat das Referat am Donnerstag vorgelegt. Sie zeigen: Es geht voran, aber langsam.

Seit Februar 2018 sind demnach 18 Straßen in München nach Frauen benannt worden - und 17 nach Männern. In den Jahren zuvor war der Unterschied zwar häufig größer: Von April 2016 bis Februar 2018 etwa wurden 28 Straßen nach Frauen benannt und 16 nach Männern. Das Jahr 2020 aber hat eher männlich begonnen: Bisher wurden Straßen nach Wagner und Mühsam benannt - und drei weitere nach Männern.

Sie sei ein bisschen traurig, sagte Gudrun Lux (Grüne) am Donnerstag in der Sitzung des Kommunalausschusses. "Wir haben es offensichtlich in den letzten zwei Jahren nicht geschafft, dass tatsächlich mehr Straßen nach Frauen benannt werden." Dabei sei der Nachholbedarf immens. "Kinder lernen von klein auf, dass es Männer sind, die es in dieser Welt wert sind, gewürdigt zu werden", so Lux. Im Zweifelsfall solle man "den einen oder anderen tollen Mann auch einmal auf die lange Bank schieben", um eine Frau zu ehren - und zwar auch mit Hauptstraßen, anders als etwa beim Ellen-Ammann-Weg in der Blumenau. Ellen Ammann war eine bedeutende Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin. 1923 war sie maßgeblich an der Niederschlagung des Hitlerputsches beteiligt. Am 1. Juli wäre sie 150 Jahre alt geworden; der von ihr gegründete bayerische Landesverband des katholischen Deutschen Frauenbunds setzt sich derzeit für ihre Seligsprechung ein. Der Ellen-Ammann-Weg ist eine etwa 50 Meter kurze Sackgasse.

Auf Münchens Straßenschildern herrsche ein krasses Missverhältnis zwischen den Geschlechtern, sagte Alexander Reissl (CSU) in der Stadtratssitzung. Keiner stelle infrage, dass dieses ausgeglichen werden müsse. Es werde aber immer Einzelfälle geben, in denen eine Straße nach einer Persönlichkeit benannt werde, auch wenn diese "zufällig ein Mann" sei. Sie finde die Zahlen ganz gut, sagte dagegen Kathrin Abele (SPD). Sie sehe, dass sich alle Stadträte bemühten. Es gebe zwar Aufholbedarf, aber das Geschlechterverhältnis bei Straßennamen zu ändern, brauche Zeit.

Tatsächlich bleibt die Lücke wohl bis auf Weiteres groß. Laut Kommunalreferat sind derzeit rund 2760 Straßen nach Männern benannt und etwa 350 nach Frauen. Seit 2015 ist dieser Abstand im Schnitt um 3,2 Straßen pro Jahr geschrumpft. Ginge es in dem Tempo weiter, würde es bis zum Jahr 2773 dauern, bis das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ausgeglichen ist.

Schneller ginge es, wenn der Stadtrat Straßen umbenennen würde. Am Donnerstag hat das niemand gefordert, aber einen Anlass gäbe es. In den vergangenen Jahren haben Historiker unter Leitung des Stadtarchivs alle Münchner Straßennamen darauf überprüft, ob an problematische Personen oder Ereignisse erinnert wird, an Antisemiten etwa oder an Kolonialverbrechen. Dabei haben sie etwa 330 Namen identifiziert, die ihrer Ansicht nach erklärungsbedürftig sind, und weitere 40 mit "erhöhtem Diskussionsbedarf" - das heißt meist, dass die Geehrten nationalsozialistisch belastet sind. Ein Expertengremium, in dem auch Stadträte sitzen, arbeitet nun konkrete Vorschläge aus. Bis wann, sei noch nicht absehbar, heißt es von der Stadt. Es ist möglich, dass am Ende einzelne Straßen neue Namen erhalten. Am Schluss entscheidet der Stadtrat.

© SZ vom 03.07.2020/syn
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