Coronavirus in München:"Söder-Abstrich" überm Gartenzaun

Coronavirus in München: Andreas Haubrich macht den Abstrich bei sich im Garten - hier zwar nur fürs Foto, im Alltag aber auch mit echten Patienten.

Andreas Haubrich macht den Abstrich bei sich im Garten - hier zwar nur fürs Foto, im Alltag aber auch mit echten Patienten.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wer mag, kann sich in Bayern einem kostenlosen Corona-Test unterziehen. Bei Hausärzten ist die Nachfrage stetig - auch auf der Theresienwiese wird wieder getestet.

Von Ekaterina Kel

Wer neugierig ist, hat zurzeit in Bayern gute Karten. Es gibt kostenlose Corona-Tests für alle. Bei Beschäftigten im Gesundheitswesen hat sich schon der Name "Söder-Abstrich" dafür etabliert, der bayerische Ministerpräsident hat die Regelung eingeführt: Man kann sich testen lassen, selbst wenn man keine Symptome hat und auch keinerlei andere Hinweise, weshalb ein Test gemacht werden sollte - der Staat übernimmt die Kosten.

Dass seither Scharen von Neugierigen bei ihm nach Corona-Tests verlangen würden, kann Andreas Haubrich, Internist in Harlaching, nicht behaupten. Die meisten, die bei ihm einen PCR-Test machen - also einen Abstrich, der anschließend in einem Labor untersucht wird - seien in der Regel symptomatisch, erzählt der Arzt. Sabine Weber, Hausärztin in Haidhausen, berichtet zwar durchaus von einem Anstieg an Patienten, die wegen eines Corona-Tests kommen. Aber nicht aus Neugier, sondern aus Verantwortung. "Sie wollen zum Beispiel ihre Großeltern besuchen und Sicherheit haben", sagt sie.

Haubrich und Weber sind zwei von etwa 900 Kassenärztinnen und -ärzten in Bayern, die einen Corona-Test anbieten. Die meisten Praxen bitten um vorherige telefonische Terminvereinbarung. Sie sind auf der Seite der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns unter www.kvb.de aufgelistet. Dort lässt sich unter Angabe der Postleitzahl und mit dem Häkchen "Arzt für Coronavirus Test" eine Liste von Ärzten in der eigenen Umgebung suchen. In München sind es zurzeit um die hundert Praxen, die auf der Seite aufgelistet werden. Der Adressbestand wächst stetig, die Ärzte können sich selbst eintragen.

In letzter Zeit beobachtet Haubrich einen leichten Anstieg von Infekten. Viele Patienten klagten etwa über leichte Halsschmerzen. Es würden deshalb gerade mehr Menschen wegen eines Corona-Tests zu ihm kommen als in den vergangenen Wochen. Auch die Regelung des bayerischen Familienministeriums, wonach Kinder aus Schule, Hort und Kita wieder nach Hause geschickt werden können, wenn sie Erkältungssymptome haben, spüre Haubrich bei sich in der Praxis. "Es kommen auch immer wieder Kinder zu mir, weil sie eine Abklärung brauchen", so der Arzt. Häufig sei es vor allem die Umgebung, also die Erzieher oder die Arbeitskollegen, die von den erkälteten Menschen einen Corona-Test verlangten. Er habe auch schon von panischen WG-Mitbewohnern gehört, die ausziehen wollten, weil einer der anderen Symptome zeigte. "So hat jeder seine kleine Geschichte dazu", sagt Haubrich. Zwischen zwei und fünf Patienten pro Tag entnehme er zurzeit einen Rachenabstrich, schätzt er.

Bei der Vorgehensweise zeigt er Kreativität: Die Patienten vereinbaren telefonisch einen Termin und kommen dann vor die Praxis. Haubrich kommt heraus, und macht den Abstrich direkt draußen, am Gartenzaun. Das funktioniere sehr gut, man bleibe an der frischen Luft, wo die Ansteckungsgefahr nach jetzigem Erkenntnisstand geringer sei. Und: "So habe ich danach nicht so viel Arbeit mit Desinfektionsmaßnahmen in der Praxis", sagt er. Denn die Erinnerung an die schwere Zeit, als Schutzausrüstung knapp oder gar ausverkauft war, ist Haubrich noch sehr präsent. Noch immer fehlen ihm Schutzanzüge - und die Einmalhandschuhe habe er für seine Praxis auch "für teuer Geld" besorgen müssen.

Bei Sabine Weber vergehe "kein Tag ohne Abstrich", erzählt sie. Das Labor, mit dem sie kooperiere, habe seit der neuen bayerischen Teststrategie wieder deutlich mehr Arbeit, weshalb es etwa 48 Stunden dauere, bis das Ergebnis vorliegt. Die Internistin begrüßt die Ausweitung der Testmöglichkeiten, kritisiert jedoch den verwalterischen Mehraufwand, der dadurch entsteht. Ob jemand aufgrund der Corona-Warn-App, aus medizinischen Gründen oder schlicht einfach so kommt, müsse sie auf drei verschiedene Weisen abrechnen. Das sei "wahnsinnig viel Verwaltung", sagt Weber.

Künftig sollen sich Stadt und Land die Kosten für die Teststation auf der Theresienwiese teilen

Als Alternative zu den niedergelassenen Ärzten gibt es nun wieder die Möglichkeit, sich auf der Theresienwiese testen zu lassen. Seit diesem Montag ist die Teststation dort wieder geöffnet. Nachdem sich die KVB Anfang Juli überraschend aus der Finanzierung zurückgezogen hatte und die Station vorerst schließen musste, springt der Freistaat Bayern nun ein. Künftig sollen sich Stadt und Land die Kosten für die Logistik und die medizinische Versorgung vor Ort teilen, während die KVB weiterhin die Ärztinnen und Ärzte vermittelt. Gerade mit Blick auf die anstehende Reihentestung von Lehr- und Erziehungspersonal sowie der Reiserückkehrer sei die Teststation wichtig, sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Dort könne man sich "niederschwellig und ohne großen Aufwand" testen lassen.

In der ersten Woche, das heißt, noch bis zum 31. Juli, sollen auf der Theresienwiese laut dem Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) zunächst Kontaktpersonen der Kategorie eins, Erzieher und Personen, die eine Warnung über die Corona-App erhalten haben, zum Zug kommen. Die Terminvergabe erfolge in diesen Fällen durch das RGU. Ab 30. August wird die Station dann für alle Münchnerinnen und Münchner zugänglich sein, immer von Montag bis Freitag, 9 bis 12 Uhr. Allerdings gilt auch hier eine geordnete Aufnahme, das RGU weist darauf hin, dass nur mit vorheriger Online-Terminvereinbarung ein Test auf der Theresienwiese möglich ist.

Zusätzlich zu der individuellen Testung soll auch das Prinzip der Reihentestung, etwa in Kitas oder Altenheimen, ausgeweitet werden. Die KVB hat angekündigt, dass dafür laut einer Umfrage etwa 1200 Ärztinnen und Ärzte bereitstehen. Die Überlegung hinter der ganzen Aufrüstung: Je mehr getestet wird, desto effektiver kann man die Weiterverbreitung des Coronavirus eindämmen. Die Zahlen geben den Maßnahmen Recht: Auch nach wochenlangen Lockerungen und teils spontanen Feiern in der Stadt bleibt die Zahl der Neuinfektionen pro Tag bislang stabil im niedrigen zweistelligen Bereich. Andreas Haubrich kann ebenfalls Erfreuliches berichten: Seit nunmehr zehn Wochen habe er keinen einzigen positiven Fall unter seinen Patienten entdeckt.

© SZ vom 29.07.2020/flud
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