Corona in München:Notstand in den Kliniken erreicht historische Dimension

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Coronavirus - Lage in den Corona-Hotspot-Regionen in Bayern

Abflug in Memmingen: Seit Freitag hilft die Bundeswehr bei der Verlegung von Patienten aus Bayern.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Auch aus München werden Patienten in andere Bundesländer transportiert. Bald könnte die höchste Katastrophenfallstufe gelten.

Von Ekaterina Kel

Eine Handvoll schwer kranker Covid-Patienten wird am Wochenende per Helikopter und Rettungswagen aus der Stadt transportiert. Andernfalls droht die Triage. So ernst ist die Bettennot der Kliniken in der Stadt mittlerweile. "Wir sind jetzt an dem Punkt, dass wir uns überlegen müssen, wo man Abstriche machen kann, ohne dem Patienten übermäßig zu schaden", sagt Dominik Hinzmann, einer der beiden Krankenhauskoordinatoren der Stadt München. Überbelegungen auf Intensivstationen seien an der Tagesordnung, betont seine Kollegin Viktoria Bogner-Flatz. "Und der Peak kommt erst noch."

Um ein bisschen Luft in das System zu bringen, kommt nun das von Experten erarbeitete bundesweite Kleeblatt-Konzept zum Tragen, das Anfang der Woche aktiviert worden ist. Darin wird Deutschland in fünf Regionen eingeteilt, die wie ein Kleeblatt angeordnet sind. Aus dem "Kleeblatt Süd", Bayern, seien die ersten beiden Intensivpatienten aus Straubing und Erding in der Nacht zum Freitag nach Hessen gebracht worden, wie eine Sprecherin des Innenministeriums mitteilt.

Am Freitagnachmittag folgten sechs weitere bayerische Patienten mit einem Flugzeug der Luftwaffe von Memmingen nach Nordrhein-Westfalen. Aus München sind laut der Sprecherin bis Freitagmittag noch keine Patienten transportiert worden. Allerdings seien aus ganz Bayern weitere Transporte von insgesamt 30 Patienten am Wochenende geplant, in der kommenden Woche sollen 20 folgen.

Zuletzt war im Stadtrat von etwa zehn bis 15 Patienten die Rede, die aus München für den Transport angemeldet worden seien. Man habe die Münchner Patienten bereits am Mittwochabend an die Integrierte Leitstelle in Nürnberg gemeldet, die zuständig ist, sagt Hinzmann, ohne eine genaue Zahl zu nennen. Auch die Sprecherin des Ministeriums konnte am Freitag nicht sagen, wie viele Patienten genau aus München abverlegt werden. Der Transport hänge maßgeblich auch vom Zustand des Patienten ab, und der könne sich schnell ändern, heißt es. Auch muss ein komplexer Katalog von Kriterien zum medizinischen Zustand des Patienten für einen Transport erfüllt sein.

Wann kommt die Verschärfung des Katastrophenfalls auf die höchste Stufe?

Aktuell beteiligen sich laut Hinzmann 20 Kliniken in der ganzen Stadt an der Versorgung der Covid-Patienten. Es gibt in München aber insgesamt 50 Häuser. Können die anderen mit anpacken? Schon seit Beginn der Pandemie entfällt die Hauptlast der Corona-Versorgung auf die größeren Kliniken, die eine Notaufnahme haben. Stimmen, dass auch andere, kleinere Kliniken oder spezialisierte Fachkliniken mithelfen sollen, werden aber immer lauter.

Es sei positiv, dass so viele Kliniken bereits mitmachten, sagt Axel Fischer, Chef der städtischen München Klinik, aber "wir brauchen wieder den Zusammenhalt, wie er uns durch die erste Welle getragen hat." Damals gab es eine Anordnung vom Bund, dass alle Kliniken ihre elektiven Eingriffe einstellen müssen. Dadurch kam es in so mancher Fachklinik in München zum fast kompletten Stillstand. Dieses Mal fehlt diese Anordnung.

Eine Möglichkeit ergibt sich aus der Verschärfung des Katastrophenfalls auf die höchstmögliche Stufe "3b", laut der auch Krankenhäuser, in denen Covid-19-Patienten "bislang nicht oder nur im untergeordneten Umfang behandelt werden, zur Bereithaltung von Kapazitäten verpflichtet werden" können. "Die höchste Stufe 3b wäre sinnvoll und wird sicher kommen", sagt Koordinatorin Bogner-Flatz. Man führe bereits Gespräche mit 15 weiteren Kliniken.

Es seien allerdings nicht alle Kliniken für die Versorgung von Covid-Patienten geeignet, sagt Hinzmann. Vielen fehle die Technik oder das Know-How, um beatmete, schwer kranke Covid-Patienten zu versorgen. Daher prüfe man, ob es die Möglichkeit gibt, dass Personal von anderen Kliniken gestellt werde oder dass man bereits stabile Patienten, die einer Nachbehandlung bedürfen, innerhalb Münchens in andere Häuser verlegt, damit die Schwerpunktkliniken sich auf die schweren Fälle konzentrieren können. Erste "Klinik-Pärchen", bestehend aus einem großem Haus und einer kleineren Klinik, seien bereits zusammengestellt worden. Weitere folgen laut den Koordinatoren "hoffentlich in den nächsten Tagen".

Das LMU-Klinikum kooperiert zum Beispiel bereits mit dem Isarklinikum am Sendlinger Tor. Dabei seien gerade erst wieder zehn Patienten, die stabil sind und nicht mehr beatmet werden müssen, aus Großhadern ans Isarklinikum verlegt worden, sagt Markus Lerch, der ärztliche Direktor des Klinikums. Das sei eine enorme Hilfe. Doch gibt es noch mehr Kapazitäten, die noch nicht voll ausgeschöpft sind.

"Wir haben unser elektives Geschäft weitgehend runtergefahren, und die vielen Fachkliniken operieren munter weiter. In manchen Zentren werden am Tag weiterhin 20 Knie-OPs gemacht. Das ist aus moralischer Sicht nicht mehr haltbar", kritisiert Fischer von der München Klinik. "Helfen kann im Prinzip jede Klinik."

"Das haben wir in 40 Jahren noch nicht gehabt"

Die Schön Klinik, die unter anderem ein großes orthopädisches Zentrum im Süden der Stadt betreibt, lässt ausrichten, dass man bislang die anderen Krankenhäuser vor allem dadurch entlaste, dass man orthopädische Patienten aus Covid-19-Schwerpunktkrankenhäusern behandle. "Die dynamische Entwicklung der aktuellen Welle kann Anpassungen dieses Vorgehens erforderlich machen", sagte eine Sprecherin bloß auf Anfrage.

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Am Ende hänge es an der Frage der Finanzierung, meint Fischer. "Offenbar scheut man sich noch davor, den Kliniken die Ausfälle finanziell zu kompensieren", sagt er in Richtung Regierung. Und auch Lerch analysiert: "Wenn man die Fachkliniken dafür kompensieren würde, dass sie ihr elektives Programm runterfahren, wäre die Bereitschaft sehr viel höher, uns zu helfen."

Und Hilfe wäre dringend nötig. Laut Lerch sei die Intensivknappheit bei ihnen im Haus so groß, dass man neulich einen Patienten mit einer geplatzten Bauchaorta nach Karlsruhe fliegen musste. "Die momentane Situation ist für Schwerstkranke maximal gefährlich." Es gehe längst nicht mehr nur darum, ob Covid-Patienten behandelt werden könnten, sondern alle, die eine Behandlung akut benötigen.

"Wir haben neulich an einem Wochenende zwei Lebertransplantationen absagen müssen, weil wir keine Kapazitäten im OP und auf Intensiv mehr hatten. Das sind die Grausamkeiten dieser Covid-Krise. Und das haben wir in 40 Jahren noch nicht gehabt." Schon längst finde eine "stille Triage" statt, sagt Lerch. Man müsse die ganzen verschobenen oder abgesagten Eingriffe und Behandlungen mitbedenken, zum Beispiel, wenn man jemandem, der einen Hirntumor hat und dadurch sein Augenlicht verliert, sagen muss, dass seine Operation erneut verschoben werden muss - weil die Kapazitäten nicht ausreichten.

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