bedeckt München

Corona-Krise:München macht wieder dicht

Shoppen in München nach Lockerungsmaßnahmen in der Corona-Krise, 2020

Tristesse im Augustiner in der Fußgängerzone: Zum zweiten Mal müssen die Münchner Lokale wegen Corona komplett zusperren.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die in Berlin beschlossenen Einschnitte treffen Gastronomie, Kultureinrichtungen und Sportvereine hart. Die Stadtpolitik zeigt Verständnis für die Maßnahmen - doch viele Betroffene reagieren verzweifelt.

Von Heiner Effern und Franz Kotteder

An den Anblick fast leerer Kinosäle hat man sich gewöhnt, an Plexiglas-Trennscheiben in Restaurants und Getränke unterm Heizpilz - gereicht hat das alles offensichtlich nicht. Die zweite Corona-Welle holt Deutschland ein, die Politik hat neue strikte Maßnahmen erlassen. Von Montag, 2. November, an gelten drastische Kontaktbeschränkungen. Gastronomiebetriebe sollen für den restlichen Monat schließen, Veranstaltungen, die der Unterhaltung und der Freizeit dienen, sollen untersagt werden. Das betrifft etwa Theater, Opern oder Konzerthäuser.

Christian Schottenhamel, Münchner Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga und Wirt vom Nockherberg, hatte sich noch am Mittwochnachmittag mit vielen anderen Wirten im Augustinerkeller getroffen, zum traditionellen Wirte-Stammtisch. "Das war echt schrecklich", sagt er, "man merkt vielen Kollegen die nackte Angst an." Die Branche müsse sich von Montag an "dann wohl wieder in den Winterschlaf begeben", sagte Schottenhamel, "in den verbleibenden Tagen müssen wir halt jetzt schauen, dass wir die eingekauften Vorräte noch verbrauchen".

Auch Gregor Lemke vom Augustiner Klosterwirt, Sprecher der Münchner Innenstadtwirte, berichtet vom Wirtetreffen: "Viele wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll. Und bei vielen ist auch schon klar, dass es ihre Lokale nicht mehr geben wird, nach dieser Zeit. Ich muss sagen: Nach diesem Nachmittag bin ich doch sehr angefasst." Es überwiege bei vielen Kollegen ein Gefühl der Hilflosigkeit. Schließlich habe man sechs Monate lang auch viel Geld investiert, um die Gaststätten sicher auszustatten und den Hygieneanforderungen zu entsprechen. Lemke selbst hat gerade erst 8000 Euro in Plexiglasabtrennungen investiert, andere hätten sich Heizpilze angeschafft, die den Auflagen entsprächen. Viele seiner Kollegen hielten die jetzigen Entscheidungen für "reine Symbolpolitik, das versteht keiner mehr".

Ähnlich geht es Josef E. Köpplinger, Intendant des Gärtnerplatztheaters, er konnte schon die vorherige Beschränkung auf nur noch 50 Zuschauer nicht nachvollziehen: "Bei aller Wertschätzung und dem Wissen um die äußerst schwierige Situation, kann ich die Entscheidung der Politik nicht teilen. Die Folgeschäden sind voraussichtlich verheerend. Es ist die besondere Aufgabe des Theaters, unseren Zuschauern durch die Kraft der Kunst und Musik Zuversicht für die Zukunft zu geben." Auch kleinere Bühnen litten schon vor dem neuerlichen Lockdown.

Das GOP Varieté-Theater etwa hat bereits am Montag wieder zugesperrt, weil sich der Betrieb nicht lohnte. Auch für Kinobetreiber sind die Einschränkungen eine neuerliche schwere Belastung. Thomas Kuchenreuther vom Leopold und ABC Kino versucht sich dennoch mit Zuversicht: "Wir sollten nicht in Angststarre verfallen, sondern uns auf ein starkes Programm konzentrieren." Die Auswahl, die er bis Weihnachten schon zusammengestellt und auf seiner Homepage hat, kann er allerdings streichen.

Im Rathaus wurden die Einschnitte ins öffentliche Leben mit einer Mischung aus Verständnis, Sorge und der Forderung aufgenommen, Kultur und Gastro zu unterstützen. Einig sind sich die drei großen Fraktionen, dass die Entscheidung, Kitas und Schulen offenzuhalten, wichtig und richtig sei. "Es gibt bei diesen Zahlen einen Handlungsdruck. Wir in der Stadt haben da ja keine eigene Handhabe, sondern können nur schauen, wie wir die Auswirkungen möglichst gut abfedern", sagte Dominik Krause, Fraktionsvize bei den Grünen, in einer ersten Reaktion.

Er könne den Frust gerade bei Gastronomen und Kulturbetreibern verstehen, die sich viele Gedanken um ein gutes und funktionierendes Hygienekonzept gemacht hätten. Bei den Finanzhilfen hat die Stadt laut Krause aufgrund ihrer angespannten Haushaltslage keine großen Spielräume mehr. Wenn man die Kontakte grundsätzlich stark begrenzen wolle, blieben nicht viele Alternativen zu Einschränkungen in der Gastronomie und Kultur, sagte Krause. Die Privathaushalte könnten ja auch kaum mehr beitragen. "Irgendwo gibt es den Eingriff."

Auch die Fraktionschefin des Regierungspartners SPD, Anne Hübner, ist froh, dass für Kinder und Jugendliche wenigstens einigermaßen die Normalität aufrecht erhalten werden kann. "Das ist das Wichtigste." Im Übrigen seien die Maßnahmen, die Bund und Länder beschlossen haben, "schon enorm hart". Gerade Kultur und Gastro müssten sich fühlen, wie mit "dem Vorschlaghammer" getroffen. "Da fühle ich mit den Betroffenen.

"Wir müssen aufpassen, dass das soziale Leben nicht voll zum Erliegen kommt"

Für manche kommt das einem Berufsverbot gleich." Auch die CSU begrüßt die Ausnahme für Schulen und Kitas. "Das war unabdingbar", sagte Fraktionschef Manuel Pretzl. Grundsätzlich sei es wichtig, Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus zu treffen. Doch Pretzl macht sich Sorgen, wenn in der dunklen Jahreszeit viele Menschen isoliert seien. "Wir müssen aufpassen, dass das soziale Leben nicht voll zum Erliegen kommt." Gastronomie und Kultur müssten finanziell so gestützt werden, dass sie nach dem Coronavirus genauso weitermachen könnten wie vor der Pandemie.

Auch den Sport treffen die Einschränkungen massiv. Profis dürfen nur noch ohne Zuschauer spielen, Amateure gar nicht mehr und auch nicht trainieren. Viele Vereine seien nun auf Unterstützung angewiesen, um nicht in Zahlungsschwierigkeiten zu kommen, sagte Hermann Brem, Kreischef das bayerischen Landessportverbands (BLSV). Gerade zum Jahresende könnte manches Mitglied beim fehlenden Angebot nämlich überlegen zu kündigen. Das sei gerade in München ein Problem, wo es oftmals keine so "familiäre Bande" zwischen Mitglied und Verein gebe wie auf dem Land. Dennoch sei klar, dass auch der Sport seinen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten müsse. Die Einschränkung bei den Bewegungsmöglichkeiten würden viele als bitter empfinden, aber sie sei nicht so existenziell wie für Beschäftigte in der Gastronomie oder der Kultur.

Dehoga-Chef Schottenhamel empfindet den erneuten Lockdown als einigermaßen nachvollziehbar, weil er alle gleichermaßen treffe. Schwieriger sei es für die Gastronomen gewesen, alle paar Tage und Wochen mit ständig neuen Sperrzeiten - "erst 23 Uhr, dann 22 Uhr, dann 21 Uhr" - konfrontiert zu werden und gewissermaßen als Infektionstreiber gebrandmarkt zu werden, obwohl auch das Robert-Koch-Institut eine andere Auffassung vertreten habe. Merkels Zusage, der Staat werde bei Betrieben mit maximal 50 Mitarbeitern 75 Prozent der Ausfälle übernehmen, sei ein gutes Zeichen, so Schottenhamel: "Das ist sehr, sehr positiv - wobei man natürlich erst noch sehen muss, wo da die Berechnungsgrundlage beginnt und was letztlich dann tatsächlich ersetzt wird."

© SZ vom 29.10.2020/amm/van
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