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Aerosole in Schulen:"Lüften alleine reicht nicht"

Neubiberg, Realschule, Schule in Corona-Zeiten, offene Fenster, Masken, Anoraks, Mützen und Schals, Foto: Angelika Bardehle

"Man hat die Wahl zwischen etwas mehr Lärm oder einem kalten Klassenzimmer - und einem potenziell tödlichen Virus." Nach Ansicht von Strömungswissenschaftler Christian Kähler genügt Lüften, wie hier in einem Neubiberger Klassenzimmer vor dem Lockdown, nicht.

(Foto: Angelika Bardehle)

Der Neubiberger Professor Christian Kähler sieht die Wirksamkeit von Raumluftreinigern in Klassenzimmern durch eine neue Studie an einem Münchner Gymnasium bestätigt.

Interview von Daniela Bode

Die Grundschulen sind mittlerweile die dritte Woche geöffnet, kommende Woche sollen weitere Jahrgänge folgen, dabei steigen auch im Landkreis München wieder die Infektionszahlen. Gleichzeitig breiten sich die Mutationen des Virus weiter aus. Wie man in Schulen den Infektionsschutz noch besser gewährleisten könnte, darüber hat die SZ mit Christian Kähler gesprochen. Der Professor für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg plädiert schon länger für ein Schutzkonzept aus Raumlüftern und Trennscheiben, eine neue Studie an einer Münchner Schule hat die Wirksamkeit des Konzepts jetzt unter realen Bedingungen bestätigt.

SZ: Können Sie Ihr Schutzkonzept aus Raumlüftern und Trennwänden noch einmal kurz erklären?

Christian Kähler: Es geht um zwei Infektionsmöglichkeiten, gegen die man vorgehen muss: die direkte Infektionsgefahr, indem man sich über kurze Distanz anhustet oder miteinander spricht, und die indirekte über Aerosole. Gegen die direkte Infektionsgefahr schützen Abstände, eine Maske und Schutzwände. Abstände kann man in der Schule aber nicht einhalten, wenn die Kinder nebeneinander sitzen. Bei den Masken helfen nur FFP2- oder FFP3-Masken gut, sie sind aber nicht so gut verträglich auf Dauer. Daher plädieren wir für transparente Schutzwände mit umlaufender Kante zwischen den Kindern. Im Erwachsenenbereich ist das beispielsweise in Geschäften, Parlamenten und Gerichtssälen längst etabliert.

Was hilft gegen die indirekte Infektion?

Aerosolpartikel können sich im Raum ausbreiten und erhöhen so die Virenlast. Dagegen helfen mobile Raumluftreiniger mit guten Filtern der Klasse H13 oder H14. Man sollte sie so einstellen, dass sie das Sechsfache des Raumvolumens pro Stunde filtern und sie sollten auch hinreichend leise sein. Diese Geräte werden seit 50 Jahren im medizinischen Bereich eingesetzt, warum nicht auch an Schulen? Würde man beides einsetzen, Trennwände und Raumluftreiniger, müssten Lehrer und Schüler nur FFP2-Masken tragen, wenn sie sich im Raum bewegen oder den öffentlichen Nahverkehr nutzen.

In Ihrer neuen Studie haben Sie herausgefunden, dass das Konzept in unterschiedlichen Raumsituationen gut funktioniert.

In unserer ersten Studie hatten wir gezeigt, dass es in den üblichen rechteckigen Klassenzimmern gut funktioniert, unabhängig davon, ob darin Tische und Stühle stehen, transparente Schutzwände installiert sind oder sich Menschen aufhalten. Am Beispiel des Obermenzinger Gymnasiums haben wir nun untersucht, wie es in einer realen Schule funktioniert. Dort sind die Raumgeometrien manchmal etwas komplizierter. Wir haben beispielsweise in einem kleinen Computerraum Messungen durchgeführt, in dem die Tische in U-Form angeordnet sind. Das Filterkonzept hat sehr gut funktioniert. Wir haben uns auch die Mensa angesehen, in der zusätzlich Abluftanlagen die Luft filtern, und einen Raum mit spitzer Decke. Auch hier war die Filterleistung nicht beeinträchtigt. Insgesamt ist es so, dass nebenbei Fenster bei Bedarf ohne Bedenken geöffnet werden können oder die Abzugshaube laufen kann, das verbessert die Filterwirkung sogar. Auch haben die Schutzwände keine negative Auswirkung auf den CO₂-Austausch oder die Filterleistung, weil die Mischlüftung ständig wirksam ist. Wir konnten also alle Zweifel ausräumen.

Physiker Christian Kähler erforscht Wirkung von Schutzmasken gegen Corona-Verbreitung, 2020

Christian Kähler ist Professor für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg. Zum Infektionsschutz an Schulen plädiert er für Luftfilteranlagen und Trennscheiben.

(Foto: Claus Schunk)

Zusätzliches Lüften ist also in Ordnung, Lüften alleine plus Maskentragen reicht Ihrer Ansicht nach aber nicht?

Nein. Lüften alleine reicht nicht. Die Schulen wurden ja lange zugemacht, weil es eben nicht reicht. Denn OP-Masken bieten keinen ausreichenden Selbstschutz. Man müsste FFP2-Masken tragen, die man aber nicht länger als drei Mal 75 Minuten am Tag mit je einer halben Stunde Pause tragen sollte. Das passt nicht zum Schulalltag. Das Umweltbundesamt fordert nur Lüften und zwar drei Luftwechsel pro Stunde. Nicht nur ich kritisiere das schon lange, auch Kollege Eberhard Bodenschatz vom Max-Planck-Institut und viele andere Wissenschaftler. Auch die Harvard School of Public Health plädiert für mobile Luftreinigung und transparente Schutzwände. Das Umweltbundesamt sollte sich diese Studien einmal ansehen.

Weil sich die Virus-Mutanten verbreiten, appellieren Sie trotz Schnelltests an die Politik, die Schutzvorkehrungen in den Klassenzimmern zu erhöhen. Worauf muss geachtet werden?

Wenn man Raumluftfilter installiert, sollten sie, wie gesagt, mindestens das Sechsfache des Raumvolumens pro Stunde umwälzen. Wenn man den Volumenstrom erhöht auf das Acht- oder das Zehnfache, kann man auch die gefährlichere Variante des Virus, die sich schneller verbreitet, gut bekämpfen. Dann wird es allerdings lauter und der angebliche Lärm der Geräte wird ja oft kritisiert. Man hat eben die Wahl zwischen etwas mehr Lärm oder einem kalten Klassenzimmer - und einem potenziell tödlichen Virus. Mir wäre ein bisschen mehr Lärm lieber. Oder man nimmt mehr Geld in die Hand und stellt zwei Raumluftfilter bei geringerem Volumenstrom auf. Das Geld ist nicht verloren, denn es erhält und schafft Arbeitsplätze, sorgt für Steuereinnahmen und schützt ganz nebenbei die Menschen.

© SZ vom 08.03.2021/wkr/vewo
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