bedeckt München

Oberschleißheim:Grundschüler testen Unterricht mit Luftfiltern

Forschungsprojekt Luftfilter Klassenzimmer Grundschule Parksiedlung, Oberschleißheim. Klasse 4c mit Lehrerin Lena Negele.

Zunächst ist der Luftfilter im Klassenzimmer der 4c auf 25 Prozent der möglichen Leistung gedrosselt.

(Foto: Florian Peljak)

In Zusammenarbeit mit der Hochschule München wird ausprobiert, ob Geräte so betrieben werden können, dass sie den Unterricht nicht stören - und dennoch effizient arbeiten.

Von Bernhard Lohr, Oberschleißheim

Auf der Tafel neben Lena Negele steht: "Die Aufgaben der Gemeinde". Darunter hat die Lehrerin ein Bild von einem Feuerwehrauto gepinnt und notiert, dass die Gemeinde zum Beispiel für Bildung zuständig ist. Als Montagmittag Oberschleißheims Bürgermeister Markus Böck (CSU) mit Maske vor Mund und Nase im Klassenzimmer steht, erleben die Schüler, dass es im Rathaus auch um ihre Gesundheit geht. Die Gemeinde hat mit der Hochschule München und der Grundschule in der Parksiedlung einen Studie zum Einsatz von Luftfiltergeräten in Klassenzimmern initiiert. Mit Hilfe der 4c soll es dazu neue Erkenntnisse geben.

Kaum eine Diskussion wird derzeit in Schulen, Elternkreisen und auch bei den Verantwortlichen in den Rathäusern intensiver geführt als die Frage, wie hilfreich diese technischen Geräte im Winter sein können, um die Schulen offen zu halten. Studien wie die der Bundeswehruniversität in Neubiberg belegen, dass die Geräte die Aerosoldichte in der Luft und die Viruslast deutlich senken können. Und doch sind noch viele Fragen offen. Denn die Anschaffung ist teuer und immer wieder gibt es Klagen von Lehrern und Schülern, dass die Geräte zu laut seien. Auch an der Grundschule in der Parksiedlung hat man schon bei kurzen Probeläufen schlechte Erfahrungen gesammelt.

Der hüfthohe Apparat der Marke VKF Renzel, der seit Montag im Klassenzimmer der 4c steht, ist kaum zu hören. Die Leistung ist auf 25 Prozent gedrosselt. Aufgestellt haben ihn vier angehende Wirtschaftsingenieure von der Hochschule München, die im Zuge ihrer Praxisarbeit für zwei Wochen eine Versuchsanordnung an der Schule aufgebaut haben. Neben dem Klassenzimmer der 4c betrachten sie die Lage im identischen Zimmer der Klasse 1a nebenan, in dem kein Luftfiltergerät steht. Hier wie dort sammeln Messgeräte minütlich Daten zur Partikeldichte in der Luft, zum CO₂-Gehalt, zur Temperatur und zur Luftfeuchtigkeit. Der Student Oliver Mahr betont, dass er und seine Kommilitonen keine Virologen seien. Ihr Ziel sei einerseits, die Wirksamkeit des Geräts zu testen und wie gut es sich mit dem Unterricht vertrage; andererseits suchten sie als Wirtschaftsingenieure vor allem Antworten darauf, wie wirtschaftlich die Luftfilter eingesetzt werden könnten.

Bürgermeister Böck horcht bei solchen Worten auf. Eine Erhebung in der Gemeinde hat ergeben, dass mehr als hundert Klassenräume oder vergleichbare Räume in Kindertagesstätten mit Luftfiltergeräten ausgestattet werden müssten. "Das ist das Thema", sagt er, auf die Kosten einer Anschaffung von möglicherweise hundert und mehr Geräten angesprochen. Etwa 2000 Euro kostet der vor sich hinsummende Apparat in der 4c. Dazu kommen Wartungskosten, und dann stellt sich die Frage, wie lange die Geräte gebraucht werden und ob mit so einem Kasten im Raum überhaupt Unterricht möglich ist. Die Studenten wollen das Gerät an unterschiedlichen Plätzen aufstellen, um Luftströme zu eruieren und die Filterwirkung zu prüfen. In der zweiten Woche soll die Leistung hochgefahren werden. Dann wird es auch lauter. Bei Vollbetrieb werde Lernen schwierig, sagt Oliver Mahr. Von 83 Dezibel ist die Rede. Das wäre mit lautem Klavierspiel zu vergleichen. Müsste das Gerät auf dem Niveau betrieben werden, wäre es nutzlos.

Dennoch setzen die Schule und die Gemeinde Hoffnungen in die Technik. Denn die Vorgabe, alle 20 Minuten für fünf Minuten durchzulüften, wird wohl zum Problem, wenn es richtig kalt ist. Bürgermeister Böck erwartet stark steigende Heizkosten für Schulen und Kindertagesstätten. Das sollte in die Wirtschaftlichkeitsberechnung einfließen. Rektorin Heike Frenzel geht es schlicht darum, Präsenzunterricht an ihrer Schule mit ihren 13 Klassen auch im Winter zu ermöglichen. Die Maskenpflicht werde sehr konsequent eingehalten. "Die Schüler machen das wunderbar. Sie tragen auch während des Unterrichts die Maske." Bisher habe noch keine Klassen in Quarantäne gehen müssen. Doch: "Der Winter ist noch lang."

Die Schule tut ihr Mögliches, um dem Coronavirus die Stirn zu bieten. Sie beteiligt sich an der bayernweiten Studie "Covid Kids Bavaria", die auf Zufallsbasis regelmäßige Testungen vorsieht. Lehrerin Negele hat den Filtergerätetest initiiert, weil ihr Vater Bernhard Kurz Dozent an der Hochschule ist und das Projekt leitet, das den Gemeinderäten die Entscheidung erleichtern könnte, ob sie Hunderttausende Euro in die Technik stecken. Mitte Dezember könnten die Daten vorliegen.

© SZ vom 17.11.2020/vewo
Einkaufsstraße Münchner Innenstadt

MeinungGesundheitsamt
:Bedenkliche Überlastung beim Corona-Tracing

Die Mitarbeiter im Gesundheitsamt telefonieren, telefonieren, telefonieren und paddeln der Welle doch hinterher. Lösen lässt sich dieses Dilemma kaum, aber lindern.

Kommentar von René Hofmann

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite