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Gesundheitsamt:Bedenkliche Überlastung beim Corona-Tracing

Einkaufsstraße Münchner Innenstadt

Das Vorhaben, jeden Coronafall bis zum letzten Kontakt vom Gesundheitsamt nachzuverfolgen und die Konsequenzen hieraus quasi per Behördenakt zu regeln, ist prinzipiell begrüßenswert. Doch es war immer ambitioniert.

(Foto: dpa)

Die Mitarbeiter im Gesundheitsamt telefonieren, telefonieren, telefonieren und paddeln der Welle doch hinterher. Lösen lässt sich dieses Dilemma kaum, aber lindern.

Kommentar von René Hofmann

Die Aufgabe bleibt eine gewaltige, das ist leicht auszurechnen. So lange sich in München jeden Tag rund 500 Menschen neu mit dem Coronavirus infizieren, heißt es für die Kontaktnachverfolger im Gesundheitsamt: telefonieren, telefonieren, telefonieren. Menschen zu sagen, dass sie sich zurückziehen müssen, und ihnen die Regeln hierfür zu erklären, ist anspruchsvoll, es ist mühsam - und meist ist es undankbar. Viele Mitarbeiter des Gesundheitsamtes erleben dies schon seit einiger Zeit. Ein direkter Vorwurf an diejenigen, die sich an dieser Front der Pandemie-Bekämpfung täglich aufarbeiten, verbietet sich deshalb. Und doch drängt sich der Eindruck auf, dass da aktuell manches prinzipiell schief läuft.

Wer Kinder hat oder Menschen kennt, die Kinder haben, dürfte es mitbekommen haben: Die zweite Pandemiewelle hat eine Verunsicherung gebracht, die es nach der ersten eigentlich nicht mehr geben sollte. Welcher Test zählt? Wo ist ein solcher zu bekommen? Wie schnell liegen Ergebnisse vor? Was sind die Konsequenzen aus diesen? Die Fragen, die sich im Frühjahr stellten, sind nun wieder zu hören - vielerorten, besonders oft aber an Schulen, in Kitas und Horten.

Der Wunsch nach Klarheit (und sei sie auch unangenehm) ist groß, und er ist verständlich. Denn wenn die Politik einschränkende Vorgaben macht und erwartet, dass die Menschen diese strikt befolgen, dann ist es mehr als hilfreich, wenn der Informationsfluss von den Behörden zu den Bürgern schnell, direkt, verlässlich und eindeutig ist. Jede Abweichung hiervon kann Zweifel keimen lassen, die sich zu bedenklicher Größe auswachsen können: Je mehr die Pandemie-Bekämpfung im Konkreten hakt, desto schwieriger kann es für die Verantwortlichen werden, Verständnis für ihre generelle Linie zu finden. Und gerade dort, wo Kinder involviert sind, ist Vertrauen besonders wichtig, weil sich hier rationale und emotionale Argumente auf eine besondere Art mischen.

Das Vorhaben, jeden Coronafall bis zum letzten Kontakt vom Gesundheitsamt nachzuverfolgen und die Konsequenzen hieraus quasi per Behördenakt zu regeln, ist prinzipiell begrüßenswert. Doch es war immer ambitioniert. Um es einhalten zu können, hätten die Ressourcen im Sommer deutlich stärker - und auf Vorrat - aufgestockt werden müssen. Nun paddeln die Behörden der Welle hinterher, was kräftezehrend und frustrierend ist. Lösen lässt sich das Dilemma kaum, aber lindern ließe es sich: indem die Verantwortlichen klar sagen, was für sie nicht (mehr) zu schaffen ist. Indem sie sich auf das Verfolgen der Kontakte konzentrieren, wo es Infektionscluster geben kann oder eine hohe Gefahr, dass das Virus auf Risikogruppen überspringt. Und indem sie noch stärker betonen, dass alle Betroffenen - ob direkt oder indirekt - immer auch selbst Verantwortung übernehmen müssen und nicht erst, wenn das Amt sich meldet.

© SZ vom 16.11.2020/kbl
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