Verkehr im Landkreis München:Im Schritttempo Richtung Zukunft

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Verkehr im Landkreis München: Auf einem Teil der Leopoldstraße gilt bereits eine Geschwindigkeitsbegrenzung.

Auf einem Teil der Leopoldstraße gilt bereits eine Geschwindigkeitsbegrenzung.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Grünwald bremst bei der Einführung von Tempo 30. Dabei macht München mit der Leopoldstraße vor, um was es geht.

Kolumne von Bernhard Lohr

Es müsste in Grünwald eine Leopoldstraße geben. So eine Prachtstraße eben, die etwas hermacht, und auf der sich ein Maserati oder ein Ford Mustang schön präsentieren lässt. Die Autos gibt es ja im Ort. Aber meist nur in den Garagen versteckt. Gezeigt werden sie bekanntlich gerne auf Münchens Vorzeige-Boulevard. Dass gerade dort im Frühjahr Tempo 30 eingeführt wird, ist schon irgendwie schräg. Dann schleichen die PS-starken Boliden über den Boulevard. Andererseits ist sowieso meist Stau. Und wenn nicht, sind die Prachtkutschen dann noch besser zu bestaunen. Um das geht es ja.

Wie die Münchner Entscheidung bei den Grünwaldern angekommen ist, ist nicht bekannt. Dafür lieferten sie letztens ein Bild der Zerrissenheit, was Autofahren im eigenen Ort angeht. Etliche Anwohner, die gerne hätten, dass langsamer gefahren wird, erhielten live im Gemeinderat eine Abfuhr. Besonders zeigte sich der Streit an der Gabriel-von-Seidl-Straße, die sich auf langer Strecke durchs Wohngebiet schlängelt. Die CSU bestand auf freie Fahrt mit Tempo 50, weil es sich um eine Sammelstraße handle. Dabei drängt sich schon die Frage auf, was die Leopoldstraße dann für Schwabing ist. Eine Anliegerstraße eher nicht.

Klar: Auch die Polizei war gegen ein strikteres Tempolimit, und die Straßenverkehrsordnung bremst solche Vorstöße. Der Verkehr soll fließen. Doch hinter dem Konflikt in Grünwald steckt eben auch die Grundsatzfrage, wie autogerecht Orte sein sollen. Und da tut sich gerade einiges.

In Planegg soll sogar auf der Staatsstraße Tempo 30 gelten, was die Nachbarn in Neuried darin bestärkt, das auch einzufordern. Dieser Tage erhält außerdem eine Initiative immensen Zulauf, die für Kommunen freie Hand fordert, Tempo 30 einzuführen. Mehr als 370 Städte und Gemeinden haben sich mittlerweile dem Bündnis "Lebenswerte Städte und Gemeinden" angeschlossen. Nürnberg und Augsburg sind dabei, ebenso Freising und Fürstenfeldbruck. Auch Gemeinden wie Olching und Neufahrn bei Freising glauben an die segensreiche Wirkung von Tempo 30. Aus dem Landkreis München macht bisher Pullach mit, wo der Gemeinderat zuletzt intensiv darüber diskutiert hat, wie schnell innerorts schnell genug ist.

Das Thema polarisiert. Das zeigt der Fall der Alleestraße in Unterschleißheim, wo die CSU Sturm läuft, weil mit den Stimmen von SPD, Grünen und ÖDP Tempo 30 beschlossen worden ist, was wegen des dort verkehrenden Linienbusses eine verwirrende Rechts-vor-links-Regelung ergibt. Dabei geht es im Kern darum, dass sich die Menschen ihre Orte zurückerobern. Grünwald im wunderschönen Isartal ist bisher im Schritttempo auf dem Weg in die Zukunft unterwegs. Viele wollen hinter Mauern nur ihre Ruhe. Den Spaß suchen sie woanders. Wenn es sein muss, auf der Leopoldstraße.

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