bedeckt München

Auswirkungen der Corona-Pandemie:Glück im Unglück

Hans-Peter Kiefer, Inhaber und Geschäftsführer der Elektrorad-Zentrale in Unterhaching.

(Foto: Claus Schunk)

Nicht alle leiden unter der Krise gleich. Klar: Fahrradhändler, Möbelgeschäfte, Bau- und Getränkemärkte profitieren vom Lockdown, aber warum nicht auch Pizzalieferanten und Christbaumverkäufer?

Von Angela Boschert, Daniela Bode, Michael Morosow und Sabine Wejsada

Wohin man hört: nur Jammern und Klagen. Die Corona-Krise kennt offenbar ausschließlich Verlierer. Kneipenwirte, Künstler, Kosmetiker - sie alle müssen schwere Einbußen hinnehmen. Aber gibt es nicht auch Menschen, die von der Pandemie profitieren? Die SZ hat Gewinner besucht - die wirklichen und die vermeintlichen.

Hans-Peter Kiefer, Inhaber und Geschäftsführer der Elektrorad-Zentrale in Unterhaching.

(Foto: Claus Schunk)

Hans-Peter Kiefer, der Inhaber und Geschäftsführer der Elektrorad-Zentrale in Unterhaching, kann sich vor Aufträgen kaum retten. Lange Schlangen vor dem Geschäft sind seit einiger Zeit ein vertrauter Anblick für ihn. Wer keinen Notfall glaubhaft machen kann, muss derzeit bis Februar auf einen Termin in der Werkstatt warten. Die Nachfrage nach Elektrofahrrädern steigt zwar schon seit Jahren steil an, doch durch den Lockdown und die Abstandsgebote ist Radeln für viele noch einmal attraktiver geworden.

"Gelitten haben wir sicher nicht unter Corona", sagt Kiefer. In der Pandemie hat wohl so manch einer die bereits geplante Anschaffung eines E-Bikes vorgezogen, vermutet der Fahrradhändler. Auch beim Verkauf von Lastenrädern beobachtet der Inhaber ein kleines Hoch, unter anderem wohl wegen der finanziellen Förderung der Stadt München. "Prinzipiell, egal wie eine Krise aussieht, sind immer die Radlgeschäfte gefragt." Entweder, weil die Menschen sich ein neues Rad kauften für die Freizeit, wie es viele während des Lockdowns getan haben; oder weil sie ihr altes Radl aus dem Keller holten und herrichten ließen, um Geld zu sparen bei der Fortbewegung. Die Folge: Alle Fahrradhändler im Raum München sind derzeit "voll bis unters Dach". Kiefer hat sogar neues Personal eingestellt, insgesamt zehn Vollzeitkräfte arbeiten nun in der Elektroradzentrale. Vor einem Problem allerdings stehen die Radlgeschäfte: Da fast alle bei denselben wenigen Herstellern von Ersatzteilen in Fernost bestellen, kommt es inzwischen teils zu extrem langen Lieferzeiten.

Julia Ströhlein, Geschäftsführerin der Heureka-Nachhilfe in Deisenhofen.

(Foto: Claus Schunk)

Falsch liegen dagegen jene, die glauben, in Zeiten von Homeschooling, würden alle Nachhilfestudios überrannt. "Das ist bei mir leider nicht der Fall, warum, weiß ich auch nicht", sagt Julia Ströhlein, Geschäftsführerin der Heureka-Nachhilfe in Deisenhofen. Sie werde immer wieder darauf angesprochen, dass ihr Laden jetzt boomen müsste. "Seit Juli arbeiten wir nur noch für die Miete", das sei die Wahrheit. Vielleicht hätten viele Eltern in Corona-Zeiten kein Geld mehr für Nachhilfe, vielleicht sähen sie derzeit auch keine Notwendigkeit dafür, weil ihre Kinder heuer ja selbst mit vier Fünfern das Klassenziel erreicht haben. "Jedenfalls bin ich gerade alleine in vier Räumen", sagt Ströhlein. Nur freitags sei viel los bei ihr. Ein Großteil der Eltern habe gekündigt, auch die Ausgaben für Werbung in den Kyberg-Nachrichten hätten nichts gebracht. Die Situation sei derzeit auf jeden Fall angespannt, sagt Julia Ströhlein.

Britta und Dirk Pressler von "Art Et Design" in Unterhaching.

(Foto: Claus Schunk)

Bei "Art Et Design" in Unterhaching bieten Britta und Dirk Pressler Leuchten und Wohnmöbel aus bekannten Manufakturen Europas an. Zwar hatten sie ihren Laden zu Beginn der Corona-Krise sieben Wochen geschlossen, um umzugestalten, aber kaum war er wieder offen, trat ein, was Dirk Pressler erwartet hatte: Die Kunden kamen wieder. "Viele sind jetzt mehr zu Hause und sehen, dass sie in ihrer Wohnung oder ihrem Haus etwas ändern wollen. Sie lassen sich von uns dabei beraten", so Pressler.

Er habe festgestellt, dass sich die Kunden hochpreisige Artikel gönnen, bei denen sich auch die gesenkte Mehrwertsteuer bemerkbar machte. So kaufte ein Ehepaar zum Beispiel eine Designerlampe, anstatt das Wochenende in Südtirol zu verbringen. Vielleicht kämen auch weniger Kunden, weil es naturgemäß länger dauere, ein Sofa oder einen Kleiderschrank auszusuchen. Dabei werde manchen der Mund-Nasen-Schutz unangenehm.

Den Lockdown in Italien habe er gemerkt: "Da stand bei italienischen Möbelherstellern vieles still, das hat zu Lieferverzögerungen geführt." Jetzt seien auch deutsche Firmen wegen Kurzarbeit im Produktionsrückstand. Aber noch habe er alles bekommen. "Es geht uns nicht ganz so gut wie Radlhändlern und Swimmingpool-Verkäufern", lacht Pressler, "aber die Leute lassen bei uns Geld, das sie nicht woanders ausgeben können."

Josef Sedlmair, Besitzer einer Christbaum-Plantage in Blindham mit einem Kunden.

(Foto: Claus Schunk)

"Generell läuft es mit dem Christbaumverkauf nach Weihnachten schlecht", witzelte einst Josef Sedlmair, Besitzer einer Christbaum-Plantage in Blindham. In diesem Jahr läuft es nach seinen Worten aber auch vor Weihnachten nicht sonderlich gut. Was deutlich eingebrochen ist, seien die Baumbestellungen von Hotels und Gaststätten, auf die er sich in all den Jahren davor hat verlassen können. Und nicht zuletzt würden aufgrund gestrichener Weihnachtsfeiern in Betrieben keine Christbäume gebraucht. Nachdem heuer aber wegen Reisebeschränkungen mit Sicherheit mehr Familien zuhause unter dem Weihnachtsbaum sitzen werden, hofft er auf einen Ansturm auf seine Plantage im Dezember. Aber Sorgen um seine Existenz macht sich Josef Sedlmair nicht: "Auch wenn ich Verluste mache, davon lass ich mich nicht verunsichern", sagt er.

Klaus Rettenberger, Mitinhaber des gleichnamigen Werkmarkts in Ottobrunn.

(Foto: Claus Schunk)

Nein, Corona finde er nicht toll, sagt Klaus Rettenberger, Mitinhaber des gleichnamigen Werkmarkts in Ottobrunn, als wollte er sich dafür entschuldigen, dass Baumärkte wie seiner zweifellos zu den Krisengewinnern gehören. Weil sie systemrelevant sind, weil die Leute nach Beschäftigung suchen, wenn das Leben in allen gesellschaftlichen Bereichen runtergefahren wird und sie deshalb lange aufgeschobene Arbeiten in Wohnung, Haus und Garten in Angriff nehmen. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr, so berichtet Rettenberger, seien Wandfarben "unschlagbar" gewesen. Aber auch etliche Kunden mit grünem Daumen betraten sein Geschäft, viele mit dem Ziel, fertige Bausätze oder maßgerecht zugeschnittene Holzbretter für das Anlegen eines Hochbeetes oder für eine Holzterrasse bei ihm zu kaufen. Es seien auch einige Kunden gekommen, die sich für das Home-Office einen Schreibtisch selbst zusammenbauen wollten. Und viele Autobesitzer hätten sich dazu entschlossen, ein Regalsystem für die Garage selbst zu bauen. "Die Leute haben jetzt einfach mehr Zeit", sagt Klaus Rettenberger.

Dieter Süssner, Chef des Getränke-Markts Orterer in Ottobrunn.

(Foto: Claus Schunk)

Dieter Süssner klingt am Telefon ganz gut gelaunt. Für den Chef des Getränke-Markts Orterer in Ottobrunn gibt es auch keinen Grund zu klagen, hat doch die Corona-Pandemie seit dem Frühjahr sein Geschäft, in dem er allein 450 verschiedene Biere anbietet, beflügelt. "Im Lockdown Ende März haben manche ältere Kunden gehortet", erzählt der 52-Jährige. Manche, die sonst zwei oder drei Träger mit Getränken kauften, holten sich nun fünf oder sechs aus Sorge, die Waren könnten knapp werden. Im Sommer hätten die Kunden dann erneut mehr als sonst gekauft. Süssner spricht von einem Umsatzplus von im Schnitt zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. "Sommerweine wie Lugana gingen besonders gut", erzählt Süssner.

Leute, die sonst zum Italiener zum Essen gegangen seien, hätten den Wein dann lieber zuhause getrunken, sagt er. Auch Sekt, Prosecco oder Getränke, die man für Aperol Spritz braucht, hätten die Kunden in diesem Sommer viel mehr gekauft. "Statt auszugehen, dachten sich viele: Dann laden wir paar Freunde in den Garten ein", sagt Süssner. Bier hätten die Leute ebenfalls viel gekauft. Denn wie Süssner vermutet, dürften sich einige gesagt haben: "Ich trink' mein Bier lieber daheim", statt in den Biergarten zu gehen, wo man wegen der Abstandsregeln kein richtiges Biergartengefühl haben konnte. Jugendliche, die sich viel im Freien trafen, kauften besonders viel Spezi.

Von einem wahrlich blühenden Geschäft können dagegen Floristen sowie Inhaber von Blumen- und Gartengeschäften sprechen, so zum Beispiel Uwe Rau, der Marktleiter von Pflanzen Kölle im Unterhachinger Gewerbegebiet am Grünwalder Weg. Seine Branche profitierte wie Baumärkte vom Lockdown und dem damit verbundenen Umstand, dass die Leute mehr Zeit haben für Haus und Garten - und sich in seinem Pflanzenmarkt eindeckten mit dem notwendigen Gartenzubehör von Samen und Dünger bis zu Sträuchern und Bäumen, vom Pikierstab bis zum großen Spaten, alles für Beet, Terrasse und Balkon. Eine Abteilung in seinem Markt konnte allerdings nicht von den besonderen Umständen in diesem Jahr profitieren: die Zooabteilung. Anders, als man vermuten möchte, haben Eltern nicht mehr Kleintiere für ihre Kinder gekauft, um ihnen in der für sie schweren Zeit eine Freude zu machen.

Wenn der Online-Handel Profiteur der Corona-Krise ist, dann müssen doch angesichts geschlossener Gaststätten erst recht die Heimlieferservices brummen, wie zum Beispiel der Pizza-Heimlieferservice von Amit Dawn in Taufkirchen - denkt man. "Falsch, wir haben weniger Aufträge als zuvor", sagt der 40-Jährige und erklärt, warum das so sei und woran Außenstehende in diesem Zusammenhang nicht denken: "Viele Gastronomien liefern ihre Speisen jetzt selber aus, und diese Konkurrenz spüren wir", sagt Dawn. Außerdem breche das Geschäft mit den Weihnachtsfeiern etwa von Betrieben weg. "Es ist eine schwierige Situation für uns", sagt der Unternehmer.

Von einem "Boom" mag Ralf Vietze nicht sprechen. Aber anders als viele andere Betriebe kann er sich im Corona-Jahr nicht beschweren. Die Geschäfte liefen gut, sagt der 45-jährige PC-Spezialist aus Unterföhring. Seine Firma "LuCs.info" legt ihren Fokus auf die Belange von Privat- und kleineren Firmenkunden, die aus Unterföhring, Ismaning, Garching, Aschheim, Kirchheim und München kommen. Vor allem nach dem ersten Lockdown im Frühjahr, als viele von ihren Chefs ins Home-Office geschickt wurden, gab es gut zu tun.

Allerdings sei es in den ersten zwei Wochen noch sehr ruhig gewesen. Erst nachdem offenbar die Schockstarre bei den Menschen nachgelassen habe, klingelten die Telefone im Vietzes Betrieb. "Da haben viele Leute in neue Hardware investiert, Computer und Monitore bei uns gekauft", erinnert sich Vietze. Nun, während des neuen Teil-Lockdowns, seien die Aufträge fast mit denen eines normalen Jahres zu vergleichen. Angesichts der vielfachen Neuausstattung von Firmen und Privathaushalten mit Computern & Co. habe man weniger mit Reparaturen und Upgrades zu tun, so Vietze. Sollte dennoch etwas kaputtgehen oder der Filius vielleicht wegen erneuter Schulschließungen für das heimische Lernen eine neue Festplatte brauchen, kann Vietze per Fernwartung weiterhelfen. Dabei kämen seine Kunden auch gerne zu ihm ins Büro - oder er zu ihnen.

© SZ vom 28.11.2020/belo
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema