Kino:Alles eine Frage der Perspektive

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Kino: Beeinflussen sich gerne gegenseitig: Regisseur Aron Lehmann und Schauspielerin Rosalie Thomass. Nur über Coppolas Mafia-Epos "Der Pate I" können sie so richtig schön streiten.

Beeinflussen sich gerne gegenseitig: Regisseur Aron Lehmann und Schauspielerin Rosalie Thomass. Nur über Coppolas Mafia-Epos "Der Pate I" können sie so richtig schön streiten.

(Foto: Catherina Hess)

Die Schauspielerin Rosalie Thomass und der Regisseur Aron Lehmann sind ein Paar, treten als solches aber kaum öffentlich auf. Jetzt startet ihr gemeinsamer Film "Jagdsaison" in den Kinos.

Von Josef Grübl, München

Dass Rosalie Thomass' und Aron Lehmanns erstes gemeinsames Filmprojekt "Jagdsaison" ausgerechnet jetzt in die Kinos kommt, folgt natürlich einem Plan. Auf den ersten Blick hat das mit der Jahreszeit zu tun, verspricht der Film doch sommerlich-leichte Unterhaltung. Das kann man derzeit wirklich gebrauchen. Dann handelt es sich auch noch um eine Frauenkomödie - und dieses Genre scheint in der deutschen Filmbranche derzeit besonders angesagt zu sein. In den vergangenen Monaten gab es schon einige davon, in den kommenden Wochen laufen noch mehr an. Das humoristische Weltbild von Männern ist gerade nicht so gefragt, selbst Deutschlands gefragtester Kinostar Elyas M'Barek wagte sich zuletzt in "Liebesdings" in queer-feministisches Terrain vor.

Um Feminismus geht es auch in "Jagdsaison": Die Geschichte von drei Mittdreißigerinnen, die sich nicht mögen, aber trotzdem einen Wochenendtrip unternehmen, schreckt vor derben Gags und Albernheiten kaum zurück, hat aber eine klare Haltung. Und diese baut auf Liebe und Selbstachtung.

Kino: Rosalie Thomass, Marie Burchard und Almila Bagriacik in "Jagdsaison".

Rosalie Thomass, Marie Burchard und Almila Bagriacik in "Jagdsaison".

(Foto: Tobis Film/dpa)

Deshalb lohnt ein zweiter Blick auf den Film, deshalb will man die beiden treffen: Die Schauspielerin und der Regisseur sind seit vielen Jahren ein Paar, als solches öffentlich aufgetreten sind sie aber kaum. Kennengelernt haben sie sich in Berlin, wohin es die gebürtige Münchnerin nach dem Abitur zog. Da hatte sie bereits große Rollen bei Regisseuren wie Dominik Graf oder Marcus H. Rosenmüller gespielt, da war der aus dem Nördlinger Ries stammende Lehmann noch Filmstudent in Potsdam-Babelsberg. Vor zehn Jahren spielte sie in seinem Debütfilm "Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel", etwa zur selben Zeit zogen sie nach München. Die beiden bekamen zwei Kinder, seit ein paar Jahren sind sie verheiratet.

Am wohl hitzigsten Tag dieses an hitzigen Tagen reichen Sommers ist man mit ihnen im noblen Herzogpark verabredet, in den Münchner Geschäftsräumen der Tobis Film. Die Berliner Verleihfirma hat bereits Lehmanns Komödienhit "Das schönste Mädchen der Welt" produziert, dementsprechend hoch sind die Erwartungen an "Jagdsaison". Die Premiere war beim Filmfest im Juni, der Kinostart ist am 18. August. Das Herzogpark-Büro ist ganz neu, draußen laufen noch Handwerker herum.

"Kann man die Schambehaarung leinwandfüllend zeigen?"

Drinnen begegnet man einem Paar auf Augenhöhe: Die hochgewachsene Schauspielerin ist fast so groß wie ihr Mann, die beiden wirken sehr vertraut. Sie macht Witze über ein Hemd, das er dann doch nicht tragen mag, im Interview führen beide die Sätze des anderen fort. Zum Beispiel, wenn es um weibliche Geschlechtsorgane geht: "Kann man die Schambehaarung leinwandfüllend zeigen?", sei eine Frage gewesen, die sie sich gestellt hätten, sagt er. Daraufhin sie: "Wenn man die Freiheit bekommt, etwas aus seiner Perspektive zu erzählen, ist das doch erst einmal selbstverständlich." Für Frauen seien Gespräche über Körperhaare schlicht Alltag, also stelle sie das nicht infrage. Daher sind die Schamhaare im Film auch zu sehen. Leinwandfüllend.

Dazu sollte man wissen, dass "Jagdsaison" das Remake einer dänischen Komödie ist, Rosalie Thomass hat gemeinsam mit ihrem Mann die deutsche Fassung geschrieben. Es ist das erste Mal, dass sie als Drehbuchautorin im Abspann genannt wird. Die Schamhaarsache war aber nicht ihre Idee, die haben sie aus der Vorlage übernommen. Wenn man sich den Trailer des hierzulande nie veröffentlichten dänischen Originals ansieht, erkennt man überhaupt sehr viel wieder. Gibt es Unterschiede oder haben sie nur übersetzt? "Im Original war es eine Midlife-Crisis-Story", erklärt er, "wir haben aber eine Freundschaftsgeschichte daraus gemacht". Das sei Rosalie wichtig gewesen, fügt er hinzu. Woraufhin sie von stereotypen Rollenangeboten erzählt, von Frauen, die in Filmen nur eifersüchtig oder neidisch sein dürfen und die Fehler stets bei anderen suchen würden. "Es kann schon sein, dass so etwas in der realen Welt existiert", sagt sie, "aber die Frage ist, ob wir das genauso abbilden wollen. Oder ob wir als Filmemacherinnen und Filmemacher vorangehen?"

Auch die von ihr gespielte Eva findet die neue Frau (Almila Bagriacik) ihres Ex-Mannes zu dünn, zu doof, zu oberflächlich. Und ihre beste Freundin (Marie Buchard) zu treulos und opportunistisch. Dass sie erst selbst mit sich ins Reine kommen muss, begreift Eva spät. Die Schauspielerin sagt, sie habe schon lange auf solche Filme gewartet, in denen Frauen keine Anhängsel oder Stichwortgeberinnen sind, in denen nicht nur über Männer gesprochen wird. Dafür gebe es ein Publikum, sagt sie, auch Produzenten und Sender hätten das mittlerweile erkannt. Außerdem habe doch bei Filmen mit rülpsenden oder furzenden Machos auch keiner gefragt, ob sie darauf Lust habe.

Die 35-Jährige spielt oft unangepasste Frauen, auf brave Blondchen hat sie keine Lust. Bereits als Teenager war sie in der "Beste"-Heimatfilmtrilogie als selbstbewusstes Mädel vom Land zu sehen, ein Millionenpublikum erreichte sie mit der niederbayerischen Frauenkomödie "Eine ganz heiße Nummer". Es folgten Dramen wie "Grüße aus Fukushima" oder "Eine unerhörte Frau", für die sie Schauspielpreise gewann. Noch im August läuft das rotzig-freche Komödiensequel "Die Känguru-Verschwörung" an, darin spielt sie zum zweiten Mal eine alleinerziehende und sehr coole Mutter. Unangepasst zeigt sich auch ihr Mann, nach dem umjubelten Kinodebüt "Kohlhaas" inszenierte Aron Lehmann einen "Komödienstadl" für den BR. "Den habe ich richtig gern gemacht", sagt er. Keine Angst, als Heimat- oder Folklorefilmer gesehen zu werden? Nö, sagt er und lacht.

Mit der hinreißenden Teenagerkomödie "Das schönste Mädchen der Welt" landete er 2018 einen Kinohit, danach drehte er mit Anke Engelke die Netflix-Serie "Das letzte Wort". Er stellt gerne weibliche Charaktere in den Mittelpunkt, möchte aus ihrer Perspektive erzählen. Natürlich habe seine Frau Einfluss auf ihn, sagt er, andersrum sei es aber genauso. Wie weit sich die beiden gegenseitig beeinflussen, erkennt man als die Rede auf Francis Ford Coppolas "Der Pate I" kommt: Für ihn ist das fünfzig Jahre alte Mafia-Epos ein Meisterwerk, sie findet das Männerbild darin merkwürdig. "Rosalie hat mir den Film um die Ohren gehauen", sagt er lachend. Es gehe nicht darum, den Leuten die Freude an den Filmen zu nehmen, findet sie, sie müsse aber nicht alles toll finden. "Auch meine Perspektive hat eine Daseinsberechtigung."

Einig sind sich beide darüber, dass sie gerne weiterhin gemeinsam Filme machen möchten. Im Erfolgsfall würden sie auch gern "Jagdsaison" fortsetzen. Vorerst arbeiten sie aber wieder an eigenen Projekten: Der 40-Jährige hat Mariana Lekys Bestseller "Was man von hier aus sehen kann" adaptiert, der Film soll im Januar 2023 in die Kinos kommen. Seine Frau steht derzeit für eine Serie vor der Kamera, nächstes Jahr möchte sie erstmalig Regie führen. Das Drehbuch hat sie selbst geschrieben, eine Produktionsfirma will es verfilmen. Über das Projekt sprechen darf sie noch nicht, man kann aber davon ausgehen, dass es einem genauen Plan folgt.

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