bedeckt München

Bestattungen in der Pandemie:"Wir haben auf Vorrat Särge besorgt"

Waldfriedhof in Fürstendfeldbruck

Im Jahr 2020 mehr Todesfälle als in den Jahren zuvor: Blick auf Gräber auf dem Waldfriedhof in Fürstenfeldbruck.

(Foto: Leonhard Simon)

Bestatter Ralf Hanrieder berichtet im Interview, wie sich die Corona-Pandemie bisher auf seine Branche ausgewirkt hat, die lange nicht als systemrelevant galt - und über virtuelle Trauerarbeit.

Interview von Jacqueline Lang, Fürstenfeldbruck

Ralf Hanrieder ist Bestattungsunternehmer. Infektionskrankheiten sind für ihn nichts Ungewöhnliches oder Angsteinflößendes. Trotzdem hat auch ihn die Corona-Krise vor eine nie da gewesene Herausforderung gestellt. Ein Gespräch über erschreckende Bilder, Trauerarbeit und einen Beruf, der noch immer nicht in allen Bundesländern als systemrelevant eingestuft ist.

SZ: Herr Hanrieder, im vergangenen Jahr gingen Bilder aus Bergamo und New York um die Welt, auf denen Soldaten Särge aus der Stadt schaffen mussten und Massengräber ausgehoben wurden. Was haben diese Bilder mit Ihnen gemacht?

Ralf Hanrieder: Diese Bilder, vor allem die aus Italien, haben mich als Bestatter schon in Aufregung versetzt. Zudem haben die Bilder dazu geführt, mir zu überlegen, wie wir damit umgehen, wenn das Virus in dieser Wucht auch Deutschland trifft und wie es man sich darauf vorbeireiten könnte.

"Die Pandemie ist ja etwas, vor dem die Menschen Angst haben. Die damit einhergehende Verunsicherung ist kontraproduktiv", sagt Ralf Hanrieder.

(Foto: Toni Heigl)

Haben Sie in dieser Zeit die nötige Unterstützung seitens der Politik bekommen?

Ich bin im Frühling aus dem E-Mail-Schreiben und Telefonieren nicht mehr rausgekommen. Vor allem mehr Schutzanzüge zu bekommen, war eine einzige Katastrophe. Bis Bestatter - in Bayern wohlgemerkt, in manchen Bundesländern ist das immer noch nicht der Fall - als systemrelevant eingestuft worden sind, das war eine Farce. Ich habe mich zwischenzeitlich so alleine gelassen gefühlt, auch von kommunalen Vertretern, und bis heute hat sich an dieser Situation eigentlich nichts geändert. Die Bundesverbände appellieren ja derzeit an die Politik, dass Bestatter auch in den Kreis jener aufgenommen werden, die bevorzugt mit Impfstoffen versorgt werden. Denn ich habe schon im Frühjahr daraufhin hingewiesen, dass, wenn ein Bestatter in unserer Größenordnung im Speckgürtel von München ausfällt, das die Katastrophe schlechthin wird.

Inwiefern?

Weil diese Todesfälle, die wir bestatten, ein anderes Bestattungsunternehmen mit Sicherheit nicht mehr stemmen könnte. Ich weiß von Menschen, die um Weihnachten rum bei einem Bestattungsunternehmen angerufen haben, und die haben ihnen gesagt, es tut ihnen leid, aber sie haben keine Kapazitäten mehr und können den Verstorbenen frühestens in drei Tagen abholen. Jetzt lag die Person aber in einem Altenheim, wo es keine Kühlräume gibt. Das ist doch eine Katastrophe.

Sie haben gesagt, es wurden Vorbereitungen getroffen für den Ernstfall. Wie kann man sich das vorstellen?

Zu Beginn haben wir uns auf Vorrat Särge besorgt. Zudem haben wir interne Prozessabläufe so geändert, dass wir Beratungen online durchführen konnten. Weil wir mehr Trauerfälle hatten, haben wir außerdem die Überführungsfahrten in die Krematorien schneller getaktet. Zusätzliche Mitarbeiter hätten wir gerne eingestellt, aber das war und ist generell sehr schwierig in unserer Branche. Aber man merkt jetzt, dass sich mehr Leute bewerben, denn klar ist: Als Bestatter wird man immer Arbeit haben.

Deutschland hat die sogenannte erste Welle recht gut überstanden. Dann wurden etliche Wochen lang nahezu täglich neue Höchstwerte an Corona-Toten vermeldet. Musste man sich Sorgen machen, dass sich Szenen wie jene in Italien auch hierzulande abspielen könnten?

Ich würde sagen, dass wir sehr gut vorbereitet sind. Es wurden ausreichend Maßnahmen seitens der Kommunen, seitens der Kremationsbetreiber und auch der Bestattungsunternehmen ergriffen. Aber ich bin jeden Tags aufs Neue verwundert über diese neue Höchststände. Ich kann mit diesen Zahlen auch nicht so recht etwas anfangen.

Aktuelles zum Coronavirus - zweimal täglich per Mail oder Push-Nachricht

Alle Meldungen zur aktuellen Lage in Deutschland und weltweit sowie die wichtigsten Nachrichten des Tages - zweimal täglich mit SZ Espresso. Unser Newsletter bringt Sie morgens und abends auf den neuesten Stand. Kostenlose Anmeldung: sz.de/espresso. In unserer Nachrichten-App (hier herunterladen) können Sie den Espresso oder Eilmeldungen auch als Push-Nachricht abonnieren.

Wie meinen Sie das?

Ich weiß gar nicht, wie sie genau erhoben werden, sprich mit welchem Vergleichswert. Denn tatsächlich sterben in Deutschland jeden Tag 2500 Menschen. Sterben davon aktuell 1200 aufgrund einer Virusinfektion oder kommt diese Zahl auf die regulären Sterbezahlen noch mal oben drauf?

Sie meinen, es ist nicht klar, ob die Menschen an oder mit dem Coronavirus sterben?

Genau. Das lässt sich für mich aus vielen Medienberichten nicht genau herauslesen. Da würde ich mir mehr Klarheit wünschen. Letztens erst habe ich gelesen, dass es in Bayern angeblich eine zwanzigprozentige Übersterblichkeit gibt. Ich kann das so aus meiner Erfahrung als Bestatter nicht bestätigen, denn das sind ja statistische Auswertungen, die durch regionale Hotspots nach oben gepusht werden. Es ist richtig, dass auch wir im vergangenen Jahr mehr Todesfälle hatten als die Jahre davor. Nur finde ich es schwer, eindeutig zu beantworten, ob das ausschließlich mit dem Coronavirus etwas zu tun hat oder womöglich auch etwas mit dem demografischen Wandel. Denn ja, viele waren im Seniorenheim und haben sich dort mit dem Virus infiziert. Nicht alle davon wurden aber beatmet oder hatten schwere Verläufe. Kann man dann später wirklich sagen, dass sie an Covid-19 verstorben sind? Ich weiß es schlicht nicht.

Können Sie denn sagen, bei wie vielen Menschen, die Sie beerdigt haben, das Virus als Todesursache angegeben worden ist?

Bedauerlicherweise nein. Wir hatten noch keine Zeit, das auszuwerten. Aber es wäre ohnehin schwierig, denn es gibt nur ein Feld, in dem man infektiös ankreuzen kann. Dabei könnte es sich dann aber auch um eine Hepatitiserkrankung handeln.

Und wenn Sie schätzen müssten?

Vergangenes Jahr hatten wir um zehn Prozent mehr Trauerfälle als 2019. Von allen Trauerfällen, die wir vergangenes Jahr betreut haben, waren geschätzt ein Viertel Verstorbene, die sich mit Corona infiziert hatten. Genaue Zahlen liegen aber leider noch nicht vor. Übrigens: Anders als viele Menschen glauben, müssen Corona-Tote nicht feuerbestattet werden. Das hat also nicht zugenommen.

War es für Angehörige möglich, trotz Corona-Pandemie richtig Abschied zu nehmen?

Das Problem, wenn ein Mensch an einer Infektionskrankheit verstirbt, ist, dass man keine offene Verabschiedung mehr durchführen darf. Ich darf den Verstorbenen laut Infektionsschutzgesetz nicht einmal mehr ankleiden. Ich halte die Verabschiedung am offenen Sarg aber für ein ganz wichtiges und elementares Abschiedsritual. Außerdem glaube ich, dass Trauer Gemeinschaft braucht. All das blieb vielen Menschen leider verwehrt.

Glauben Sie, dass sich der gesellschaftliche Umgang mit Trauer langfristig verändern wird?

Ich würde eher sagen, nein. Die Pandemie ist ja etwas, vor dem die Menschen Angst haben. Die damit einhergehende Verunsicherung ist kontraproduktiv. Ich glaube, bis wir in Deutschland den Tod als etwas Natürliches akzeptieren und mit ihm auch die Trauer, das dauert noch. Wir als Bestattungsunternehmen sehen es aber durchaus als Chance, neue Wege zu gehen. Wir arbeiten derzeit etwa daran,eine Beerdigung live in die USA zu übertragen. Sogar zweisprachig soll das Ganze ablaufen.

Könnten also Videokonferenzen den Weg zum Friedhof ersetzen?

Ich glaube nicht. Es ist ein schönes Zusatzelement, wenn jemand sich zuschalten kann, der sonst gar nicht teilnehmen könnte, aber es ist etwas ganz anderes, jemanden tatsächlich umarmen zu können.

© SZ vom 02.02.2021/vewo
Zur SZ-Startseite
Trauerhilfe Denk, St.-Bonifatius-Straße 8 am Ostfriedhof

SZ PlusBestattungen in München
:Ein Atemzug nach dem Tod

Alexander Graf ist Bestatter und seit einigen Monaten vergeht kaum ein Tag, an dem er keinen infizierten Körper abholt. Unterwegs mit einem, der weiß: Eine Gesellschaft kommt in Schwierigkeiten, wenn niemand ihre Toten bestattet.

Von Julian Hans

Lesen Sie mehr zum Thema