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Frühling:Die Pollen fliegen wieder

Die Messstationen identifizieren automatisch die Art und die Menge der Pollen.

(Foto: oh)

Der Wintereinbruch unterbricht den Blütenstaub-Flug nur kurz, schon bald wird die Belastung für Allergiker wieder steigen. Wie hoch sie ist, wird in München bei einem Monitoring an zwei Messstellen ermittelt.

Von Thomas Anlauf

Schneegestöber überzuckert in wenigen Minuten die Wiesen, kurz darauf reißt die dunkle Wolkendecke auf und die Frühlingssonne lässt die Flocken wieder dahinschmelzen. Eisiger Wind rüttelt an den noch kahlen Bäumen, am Boden trotzen Frühlingsblumen der Kälte - richtiges Aprilwetter eben. Sogar Forschern, die sich berufsmäßig mit Frühlingsphänomenen befassen, kann es in diesen Tagen passieren, dass das Wetter ihnen einen Streich spielt: "Der Birkenpollenflug hat in München heute eingesetzt", teilte Jeroen Buters am vergangenen Montag mit.

Der Fachtoxikologe und stellvertretende Direktor am Zentrum Allergie und Umwelt der Technischen Universität München hatte die ersten Birkenpollen dieses Jahres an den zwei Münchner Messstellen am Biederstein und am Helmholtz-Zentrum in Neuherberg registriert. Der Flugbeginn der winzigen Körner ist ein sicheres Zeichen, dass der Vorfrühling in den Vollfrühling übergeht. Doch wenige Stunden nach Buters Beobachtung begann es zu schneien.

Für den 63-jährigen Toxikologen bietet der späte Wintereinbruch, der an diesem Wochenende wieder durch frühlingshafte Temperaturen kurz unterbrochen wird, Gelegenheit für interessante Beobachtungen in der Natur. Die Polarluft, die in den vergangenen Tagen München erfasst hat, sei für die Birken so, "als hätten wir sie in den Kühlschrank gestellt". Sobald die Temperaturen jedoch wieder über fünf Grad Celsius klettern, fahren die Birken damit fort, ihre Pollenfracht in die Luft zu schicken.

Diese spezifische Temperaturgrenze entscheidet bei Birken darüber, ob sie wachsen oder nicht. Sobald es schneit, waschen die Flocken sämtliche Pollen aus der Luft, Allergiker können dann wieder aufatmen. Eine dünne Schneeschicht, wie sie in den vergangenen Tagen in München abends oder früh am Morgen zu sehen war, ist hingegen trügerisch: Steigt die Temperatur im Lauf des Tages wieder über die Fünf-Grad-Marke, fliegen auch wieder Pollen in größeren Mengen.

Bayern ist beim automatischen Pollenmonitoring weltweit Vorreiter

Ermittelt werden die Flugdaten der Körner vor allem mit Hilfe von vollautomatischen Pollenmonitoren, die die verschiedenen Pollenarten identifizieren und auch ihre Menge pro Kubikmeter Luft berechnen. Steigen die Zahlen über einen bestimmten Wert, wird es für Allergiker unangenehm. Bayern ist übrigens beim automatischen Pollenmonitoring weltweit Vorreiter, betont Buters.

Der Freistaat finanzierte das Projekt in Bayern, bis heute ist das System aber noch nicht flächendeckend in Deutschland etabliert. Dabei liefert das Pollenmonitoring für die Forscher wichtige Erkenntnisse. Denn so wird alle drei Stunden die Luft nach Pollen untersucht, punktgenau kann ermittelt werden, in welcher Blühphase die Natur an einem bestimmten Punkt in Bayern beziehungsweise in Deutschland ist. So hält der Frühling jedes Jahr vom Südwesten Deutschlands Einzug und dehnt sich nach Nordosten aus. Der äußerste Südosten Bayerns ist eine der letzten Regionen Deutschlands, in denen im Frühjahr die Pollen zu fliegen beginnen.

Doch der zunehmende Klimawandel verändert auch die Blühphasen von Bäumen, Sträuchern und Blumen. Das bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) berichtet von einer deutlichen "Verfrühung des Frühlings": So setzt der Beginn der Apfelblüte in Bayern derzeit alle zehn Jahre um etwa fünf Tage früher ein. Auch der Münchner Pollenexperte Buters betont, dass sich die winterliche Vegetationsruhe immer mehr verkürzt. Die Blüh- und Wachstumsphasen der Pflanzen würden "immer mehr durchgängig" durch das Jahr. Die Hasel etwa blühe im Dezember, "die kann auch im Schnee stehen". Sobald es zu kalt wird, fallen die Bäume in eine Art Winterstarre, aber schon im Februar werden die Haseln wieder aktiv. Ihnen kann also eine kurze Kälteperiode genauso wenig ausmachen wie Birken. Im Gegenteil: Allergiker sollten an diesem Wochenende nicht nur wegen Corona Schutzmasken tragen - die Pollen fliegen wieder.

© SZ vom 09.04.2021
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