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Immunsystem:Wenn die Pollen fliegen, steigt die Corona-Ansteckungsgefahr

Pollenflug bei Fichten

Je mehr Pollen durch die Luft fliegen, desto größer ist die Corona-Ansteckungsgefahr.

(Foto: Wolfgang Kumm/picture alliance/dpa)

Beginnt im Frühjahr die Allergiesaison, erhöht dies offenbar das Risiko einer Corona-Infektion. Forscher haben eine mögliche Erklärung für diesen Zusammenhang.

Von Hanno Charisius

Pflanzenpollen in der Atemluft können das Infektionsrisiko durch Sars-CoV-2 im Frühling offenbar leicht erhöhen. Das ist das Ergebnis einer Analyse, für die Daten aus 31 Ländern auf fünf Kontinenten ausgewertet worden sind. Demnach stieg die Infektionsrate im Schnitt um vier Prozent an Orten ohne Lockdown-Maßnahmen, wenn sich die Anzahl der Pollen in der Luft um jeweils 100 pro Kubikmeter erhöht.

"In manchen deutschen Städten kamen im Untersuchungszeitraum zeitweise pro Tag bis zu 500 Pollen auf einen Kubikmeter - was insgesamt zu einem Anstieg der Infektionsraten um mehr als 20 Prozent führte", schreiben die Forschenden in einer Mitteilung. Herrschten hingegen im Untersuchungsgebiet strenge Lockdownregeln mit Ausgangsbeschränkungen, halbierte sich im Durchschnitt die Zahl der Infektionen auch bei vergleichbarer Pollenkonzentration in der Luft. Das berichtet ein internationales Team unter Leitung von Forschern der Technischen Universität München und des Helmholtz-Zentrums München im Wissenschaftsjournal PNAS. Das Tragen einer Maske sei daher doppelt wichtig - nicht nur für Allergiker.

Eine Erklärung für dieses Phänomen liefert die Forschergruppe auch: Pollen schwächen die Reaktion der körpereigenen Immunabwehr auf Viren. Infizierte Zellen schütten Botenstoffe aus, die umliegende Zellen in Alarmbereitschaft versetzen und diese dazu bringen sollen, ihre antivirale Abwehr zu aktivieren. Fliegen jedoch neben Viren auch noch zahlreiche Pflanzenpollen durch die Luft, fällt dieser Warnruf der infizierten Zellen leiser aus. "Dabei spielt es keine Rolle, ob Betroffene an Allergien gegenüber diesen Pollen leiden oder nicht", heißt es in der Pressemitteilung zum Fachartikel. Umweltfaktoren wie Pollen müssten mehr berücksichtigt werden, wenn es um die Frage geht, wie sich das Virus im Frühling ausbreitet.

Die erhöhte Anfälligkeit gilt auch für andere Atemwegserkrankungen, wie einige der an der aktuellen Studie beteiligten Forscherinnen und Forscher bereits vor etwas mehr als einem Jahr zeigen konnten. Damals beobachtete die Gruppe, dass eine erhöhten Konzentration von Birkenpollen in der Luft zu mehr Infektionen mit gewöhnlichen Schnupfenviren führen. "Man kann nicht vermeiden, luftgetragenen Pollen ausgesetzt zu sein", sagt Stefanie Gilles, Leiterin des Fachbereiches Umwelt-Immunologie der TU München. Personen, die zu Hochrisikogruppen gehören, sollten sich deshalb besonders vor Pollen und Viren schützen.

© SZ
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