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Projektseminar:Freisinger Abiturienten bekommen Preis bei Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

preis

Zur Eröffnung der Ausstellung war damals auch Charlotte Knobloch gekommen (2. von rechts), die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

(Foto: Marco Einfeldt)

15 Abiturienten des Dom-Gymnasiums haben die Lebens- und Leidensgeschichte Freisinger Juden rekonstruiert. Dafür hat das Projektseminar nun beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsident abgeräumt.

Emma Neuburger, Siegfried Holzer, Marcus Lewin. Lange Zeit waren das kaum mehr als Namen, die auf den Stolpersteinen in der Freisinger Innenstadt eingraviert sind. Ihnen und zwölf weiteren Freisinger Juden haben 15 Abiturienten des Dom-Gymnasiums ein Gesicht gegeben. Durch Geburtsurkunden, Fotos und Protokolle der Nazis rekonstruierten die Schüler die Lebens- und Leidensgeschichten der Freisinger, die dem Naziregime zum Opfer fielen. Dafür wurden sie jetzt ausgezeichnet: Mit der Ausstellung "Wenn Steine sprechen könnten ... Jüdisches Leben in Freising zur Zeit des Nationalsozialismus" gewann das Projektseminar den Landespreis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten.

Dass man sie bei dem Wettbewerb für ihre Arbeit geehrt hat, freut die Abiturienten und ihre Tutoren sehr. Mit dem Erinnerungszeichen des bayerischen Kultusministeriums war es sogar schon das zweite Mal. "Die Abschlussnote hatte einen niedrigen Anteil am Abitur, das stand in keiner Relation zur Leistung. Schön, dass das Engagement deshalb so belohnt wird", sagt Geschichtslehrer und Tutor Torsten Krauß. Aber um Preise ging es den Schülern nie. "Das Ziel ist, den Staffelstab weiterzugeben, damit wir nicht vergessen", sagt Abiturientin Anna Dohnal. "Wir können nichts für unsere Vergangenheit. Aber wir können aus ihr lernen. Die Geschichte ist die beste Lehrerin mit den wenigsten Zuhörern", ergänzt Annas ehemaliger Mitschüler Kilian Fetsch. Beide sagen das mit Blick auf die heutige Zeit, in der wieder Mauern gebaut und Zäune errichtet werden, in der Randgruppen diskriminiert und marginalisiert werden. Sechs Millionen Opfer, Auschwitz, die Reichspogromnacht - das seien für viele schlicht Zahlen und Begriffe aus dem Geschichtsbuch, deren Bedeutung sich der eigenen Vorstellungskraft entzieht. Hier hakte die Projektarbeit des Geschichtsseminars ein.

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"Es sind Geschichten, wie man sie sonst nur in Büchern liest"

"Plötzlich war es nicht mehr nur diese abstrakte Zahl von sechs Millionen, sondern Gesichter, Charakter, Individuen", sagt Kilian Fetsch, und auch noch acht Monate nach der Ausstellung beeindruckt ihn diese Erkenntnis. Die Schicksale der Freisinger Gesichter sagt er, seien da beispielhaft gewesen. "Es sind Geschichten, wie man sie sonst nur in Büchern liest." Darunter ist die von Marcus Lewin, zu dem Paulina Gastl recherchiert hat. Ihm gehörte eines der großen Kaufhäuser in Freising, im mittlerweile nach ihm benannten Marcushaus. Damals führte Lewin es mit seiner Frau unter dem Namen "Max Krell Nachfolger". "Mit der Machtergreifung der Nazis musste er alles abgeben, später landete er auch im Judenhaus und ...", Paulina Gastl setzt zu einer längeren Ausführung an, bremst sich aber. "Ich will jetzt nicht sehr ins Detail gehen, das würde dauern", sagt die Abiturientin lächelnd, die das Schicksal des ihr zugeteilten Freisingers sichtlich berührt hat.

Die Idee, die Geschichte der 15 Freisinger in Lebensläufen darzustellen, kam von einer ehemaligen Schülerin des Dom-Gymnasiums, Julia Christof. Die Lehramtsstudentin der Universität Regensburg sollte ein Unterrichtsbeispiel über ein lokales Thema erarbeiten und hat dabei an die Stolpersteine in Freising gedacht. Das Resultat des Projekts verarbeitet sie jetzt in ihrer Abschlussarbeit.

Fündig wurden die Abiturienten unter anderem im Stadtarchiv

Die Projektgruppe kramte, mit tatkräftiger Unterstützung von Stadtarchivar Florian Notter, im Freisinger Stadtarchiv, suchte Spuren und Namen in Dokumenten, alte Fotos und rekonstruierte Familien- und Freundschaftsverhältnisse. Und nicht nur nach, sondern auch vor 1933. Bei ihrem Ausflug in das Konzentrationslager Auschwitz hatten sie Aufnahmen gesehen vom Leben der Juden vor dem Naziregime. Daraus entstand die Frage: Wie sah das alltägliche Leben der Freisinger Juden aus, was war ihr Stand in der Gesellschaft? "Leider lässt sich das nur erahnen, vor 1933 findet man schwer Informationen", sagt Fetsch.

Bei vielen aber zeigt sich: Die jüdischen Bürger waren beliebt in Freising. "Die Neuburgers waren welche, die sich gekümmert haben. Sie haben oft Stoffe an Einrichtungen gespendet", erzählt Anna Dohnal. Aber auch in Freising kippte die Stimmung irgendwann, diesen Wechsel stellte die Projektgruppe in der Ausstellung grafisch dar, durch eine Trennlinie auf dem Boden für die Zeit vor und nach 1933. Dass ihr Schulprojekt die Schüler nachhaltig geprägt hat, ist spürbar. Anna Dohnal und Simon Baumgartner wollen sogar beruflich in die Richtung gehen: Baumgartner hat sich für das Lehramtsstudium Geschichte entschieden, auch Dohnal hat ihre Liebe zur Historie entdeckt und allem, was damit verbunden ist - sie will jetzt Restauratorin lernen.

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