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Münchner Airport:Am Flughafen hört man jetzt die Spatzen zwitschern

Flughafen München, 2020

Geparkte Lufthansa-Maschinen auf dem Areal des Münchner Flughafens.

(Foto: Marco Einfeldt)

Deutschlandweit ist der Flugverkehr wegen der Corona-Krise quasi zum Erliegen gekommen. Was für den Münchner Flughafen drastische Folgen hat, ist für Anwohner und Vogelkundler ein Traum - und die Belastung durch Ultrafeinstaub sinkt deutlich.

Im Munich Airport Center MAC, dem Herz des Münchner Flughafens, zwitschern die Spatzen. Das tun sie dort zwar immer, doch in diesen Tagen bilden sie die dominierende Geräuschkulisse. Im Flughafen sind die Gänge leer, die kühle Ästhetik der schwarz-weißen Bodenplatten kommt beeindruckend zur Geltung. Nur vereinzelt sind Mitarbeiter von Autoverleihern, Security, der Flughafenverwaltung zu sehen, hie und da patrouilliert eine Polizeistreife, dazwischen verlaufen sich ein paar Fluggäste, die meisten mit Mundschutz.

Um die Gastrobereiche ist Flatterband gespannt, offen haben nur noch Bäckerei, Supermarkt und die Fast Food- und Take-away-Lokale. Einige der Restaurants bieten einen Bringdienst an, andere öffnen nur noch bei Abflügen, der Großteil ist geschlossen. Der Drogeriemarkt ist geöffnet, eine Mundschutz-bewehrte Kassiererin wartet auf Kunden, in der Apotheke bediene man fast nur noch Mitarbeiter des Flughafens, Passagiere kämen kaum, erzählt eine Angestellte.

Deutschlandweit ist der Flugverkehr wegen der Corona-Krise quasi zum Erliegen gekommen. Auch in München finden nur noch gut fünf Prozent der regulären 1100 Starts und Landungen am Tag statt, ein paar Tausend Passagiere der sonst 120 000 am Tag verlieren sich in den Hallen. Teile des Terminals 1 und das zu Terminal 2 gehörende Satellitengebäude sind vorübergehend stillgelegt. Nur wenige Fluggesellschaften wie Lufthansa, KLM oder Qatar erhalten noch einige Verbindungen aufrecht.

Wenn letzte Urlaubsrückkehrer ankommen oder mal eine Maschine mit Mundschutzmasken aus China, ist es schon eine Nachricht wert. "Die Auswirkungen der Corona-Krise sind massiver als die Folgen der Anschläge vom 11. September 2001 oder der weltweiten Finanzkrise von 2008", hat kürzlich Flughafenchef Jost Lammers erklärt. Nachdem die Flughafen München Gesellschaft (FMG) aber Bund, dem Land Bayern und der Stadt München gehört, muss man sich um die Zukunft trotzdem nicht allzu große Sorgen machen.

Die FMG hat ein Sparprogramm aufgelegt, mit Einstellungsstopp, Überstundenabbau und Kurzarbeit für den Großteil der 10 000 Mitarbeiter von FMG, der Abfertigungstochter Aeroground und den anderen Tochterfirmen. Dazu sind Bauprojekte wie das Parkzentrum West, die neue FMG-Konzernzentrale oder das neue Budget Hotel bis auf weiteres zurückgestellt. Auch die Lufthansa hat für ihre insgesamt 13 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Münchner Flughafen Kurzarbeit verhängt.

Wie die wirtschaftliche Schieflage des Flughafens nach der großen Pause aussieht, weiß niemand. Die Tatsache, dass die FMG 2019 mit 175 Millionen Euro das beste Jahresergebnis ihrer Geschichte erzielt hat, wird sicher helfen, den Ertragsverlust zu überstehen. 2019 wuchs das Passagieraufkommen laut Jahresbericht um 1,7 Millionen Fluggäste auf den neuen Höchstwert von 47,9 Millionen.

Langfristig bleibt Flughafenchef Lammers jedenfalls zuversichtlich. In dieser Krise werde es möglicherweise länger dauern, bis die Nachfrage wieder auf früherem Niveau sei, und auch strukturelle Veränderungen im Luftverkehr seien nicht auszuschließen. Der globale Mobilitätsbedarf aber werde auf mittlere Sicht weiter steigen.

Die Belastung durch Ultrafeinstaub sinkt deutlich

Dass weniger Flugzeuge unterwegs sind, macht sich in Sachen Luftqualität bemerkbar - zumindest, was den Eintrag an Ultrafeinstaub von Seite des Flughafens angeht. Das zeigen erste Messergebnisse des Bürgervereins Freising, der sich gegen die Belastung durch Ultrafeinstaub einsetzt und in Ermangelung staatlicher Messungen selbst welche durchführt.

Treffen von Vertretern der SPD Freising

Wolfgang Herrmann vom Bürgerverein Freising.

(Foto: Lukas Barth)

Für definitive Aussagen brauche es zwar noch mehr Daten, sagt der stellvertretende Vereinsvorsitzende Wolfgang Herrmann. Aber: "Die ersten Ergebnisse zeigen, dass sich die Belastung um 90 Prozent reduziert." Der Bürgerverein erhebt die Daten mit stationären Messgeräten in Neufahrn, in Niederlern im Landkreis Erding und in der Freisinger Neulandsiedlung. Die Zahlen, die der Verein bisher ausgewertet hat, kommen aus Freising: Weht der Wind aus Richtung Flughafen, steigt die Belastung Herrmann zufolge um rund 36 000 Partikel an - im Normalbetrieb. Momentan seien es nur rund 3500 Partikel mehr bei Wind vom Flughafen. Und auch die Grundbelastung durch Ultrafeinstaub sei niedriger. "Die Ergebnisse zeigen genau das, was man erwartet", so Herrmann: Weniger Flugzeuge bedeuten fast eins zu eins weniger Ultrafeinstaub. Als nächsten Schritt wertet der Bürgerverein die Daten der beiden anderen Messgeräte aus und wartet auf Wind aus Richtung Flughafen, um mehr vergleichbare Daten sammeln zu können.

Dass es dauerhaft bei den niedrigen Werten bleibt, da macht sich Herrmann wenig Hoffnung. "Der Flugverkehr wird wieder wachsen", damit steige auch die Belastung durch Ultrafeinstaub, Lärm und andere Stoffe wieder an. Was er sich jetzt wünscht: "Dass man konsequent darüber nachdenkt, wie man die Ultrafeinstaubwerte absenkt." Kurzstreckenflüge auf die Schiene verlegen, technische Änderungen am Flughafen - Ideen hat er viele. Jetzt sei der Zeitpunkt, sich zu fragen, was man wolle: "Wir müssen uns in der Gesellschaft fragen, wo wir die Schwerpunkte setzen."

Optimistisch ist der stellvertretende Vorsitzende aber bei einer Sache: Der Auswirkung der Corona-Krise auf die Debatte um eine dritte Startbahn am Flughafen. "Eigentlich sollte sich die dritte Startbahn damit erledigt haben", denkt Herrmann. Die Diskussion werde in Zukunft aber noch schwieriger: "Wenn das Thema Corona weg ist, geht es wieder um das Klima." Der Bürgerverein selbst setzt sich gegen den Flughafenausbau ein, indem er weiter das Gespräch mit Politikern sucht: Man müsse "eine Bewusstseinsänderung hervorrufen", betont Herrmann. So wie in der Bevölkerung auch.

Ruhe für den Brachvogel im Erdinger Moos

Für Vogelkundler ist es ein Traum. "Ich kann jetzt wesentlich mehr Vögel als sonst hören", schwärmt Christian Magerl, einstiger Grünen-Landtagsabgeordneter aus Freising. Im Naturschutzgebiet Eittinger Weiher, wo er gerne unterwegs ist, "da donnern sonst, wenn Ost-Starts sind, die Flieger im Minutentakt drüber. Und jetzt kommt noch alle ein bis zwei Stunden eines", erzählt er. Die ungewohnte Ruhe im Flughafenumland sei wunderbar, doch sie mache ihn auch melancholisch, gesteht Magerl, "da wird einem erst so richtig bewusst, was man durch den Flughafen an Lebensqualität verloren hat".

Seit 1973 führt Christian Magerl Vogelkartierungen im Erdinger und Freisinger Moos durch. Er kennt quasi jedes Federvieh in der Region.

(Foto: Marco Einfeldt)

Seit 1973 zieht Christian Magerl, der vor seiner politischen Karriere als Biologe gearbeitet hat, durch die Natur und kartiert Vögel. Das macht er heute immer noch, einfach so für sich, und hat den Vogelschwund quasi hautnah miterlebt. Dass ausgerechnet am Münchner Flughafen eine der größten Populationen des vom Aussterben bedrohten Großen Brachvogels lebt, ist ein gewisses Paradox. Tatsächlich leben auf den Wiesen innerhalb des Flughafenzaunes ungefähr 76 Brutpaare, außerhalb, in den sorgsam gehüteten Schutzflächen im Freisinger und Erdinger Moos, ungefähr zehn bis 15 Brutpaare. Auch Kiebitze leben viele im Flughafen. Der Grund liegt darin, dass die Bodenbrüter davon profitieren, dass hinter dem Flughafenzaun kaum Füchse und andere Feinde kommen, die ihre Brut fressen und kaum Hunde, die sie bei der Brut stören könnten. Auch achtet die Flughafengesellschaft beim Rasenmähen auf die Brutzeit der seltenen Vögeln. Allerdings beobachtet Magerl bei seinen Streifzügen immer wieder, dass die Tiere zur Nahrungssuche auf Flächen im Freisinger Moos unterwegs sind, dafür nämlich sind die Flughafenwiesen zu trocken. "Deswegen sind die Schutzgebiete hier auch enorm wichtig und müssen unbedingt erhalten, wenn nicht sogar vergrößert und verbessert werden", betont Magerl. Die Chance dafür stehen gar nicht mal schlecht. Derzeit wird der lange überfällige Managementplan für das Vogelschutzgebiet "Nördliches Erdinger Moos", das weite Teile des Flughafens umgibt, erstellt. Weil da ein Verschlechterungsgebot besteht, und es zumindest den Kiebitzen wohl schlechter geht, könnte etwas getan werden müssen. Doch noch fehlen konkrete Daten, weil die Auswertungen der Vogelzählungen vom Vorjahr noch nicht vorliegen.

Den Vögeln am Flughafen dürfte die große Pause bei den Starts und Landungen eher egal sein, vermutet Magerl. "Die haben sich daran gewöhnt und gelernt, dass ihnen da nichts passiert." Außer einigen unerfahrenen Jungvögeln, die immer wieder zu nah an die Start- und Landebahnen kommen und dann in die tödlichen Schleppwirbel der Turbinen geraten, erlitten sie keinen Schaden, sagt Magerl. Dennoch ist er skeptisch, wenn die Flughafen Gesellschaft (FMG) immer wieder stolz darauf hinweist, welch tolles Vogel-Biotop der Flughafen sei. Erstens habe es vor dem Flughafen hier über 100 Brachvogel-Brutpaare gegeben, und zweitens veröffentliche die FMG keine Zahlen dazu, wie viele Jungtiere ihre Kinderstube am Flughafen überleben. Den Jungvögeln nützt der Beinahe-Flugstopp jedenfalls nichts, die Brutsaison hat gerade erst begonnen. "Der Kiebitz ist sogar gerade erst kräftig beim Balzfliegen", so Magerl. Trotz der für den Flughafenbau erfolgten Trockenlegungen im Freisinger und Erdinger Moos, trotz der Flächenversiegelung, trotz all der Straßen, Schienen und dem massiven Siedlungsdruck in den Landkreisen Freising und Erding sei das Gebiet rund um den Flughafen aus Ornithologen-Sicht immer noch hoch spannend, gerade derzeit machen auch viele Zugvögel auf der Durchreise Halt. "Es lohnt sich, dafür zu kämpfen", so Magerl.

Endlich wieder schlafen

Was sich durch die Corona-Krise für ihn persönlich geändert hat? "Ich kann wieder richtig schlafen", sagt Ludwig Grüll, unmittelbarer Flughafenanwohner und Sprecher der Gruppe Plane Stupid Germany, die seit Jahren gegen den Bau einer dritten Startbahn am Flughafen kämpft.

Normalerweise werde er um fünf Uhr morgens von Flugzeuggeräuschen geweckt, erzählt er - "und vor 24 Uhr geht mit Schlafen gar nichts." Seit die Zahl der Starts und Landungen am Flughafen so drastisch gesunken ist, könne er sich auf der Terrasse auch wieder mit seiner Familie unterhalten, ohne wegen des Lärms immer wieder Gesprächspausen einzulegen. Dazu komme die reine Luft ohne Kerosingeruch. Und: "Ich hätte nie gedacht, dass ich hier nach 28 Jahren noch einmal die Vögel pfeifen höre." 1992 wurde der Flughafen aus dem Erdinger Moos gestampft, aktuell fliege zwar immer noch ab und zu ein Flugzeug über sein Haus in Attaching, berichtet Grüll - im Vergleich zu den Jahren davor sei das aber "kein Vergleich." Trotz allem dürfe man natürlich nicht vergessen, betont er, welche schlimmen Auswirkungen die Corona-Krise für viele Menschen habe.

Ludwig Grüll, Sprecher von Plane Stupid, hört in seinem Garten in Attaching nach 28 Jahren wieder die Vögel zwitschern.

(Foto: Marco Einfeldt)

Ludwig Grüll hofft jetzt darauf, dass die Menschen umdenken. Immer schneller, höher, weiter, das sei einfach keine Option, sagt er: "Ich hoffe, dass sich die Menschen wieder auf das Wesentliche konzentrieren." Flugreisen gehören für Grüll nicht dazu, das ist klar. Immerhin sei der Flugverkehr verantwortlich dafür, dass sich das Corona-Virus so schnell auf der ganzen Welt ausgebreitet habe, sagt er. Ohne Flugreisen hätte das deutlich länger gedauert, meint er. Ob sich die Zahl der Flüge dauerhaft reduziert oder ob die Menschen nicht eher Flüge nachholen werden, könne man nicht sagen - zu befürchten sei es. Die Gruppe Plane Stupid selbst werde sich vorerst ein wenig zurücknehmen, berichtet der Sprecher. Seit Jahren organisieren die Mitglieder verschiedene Aktionen und Demonstrationen, um sich gegen den Bau der dritten Startbahn zu wehren. Weil man sich wegen der geltenden Ausgangsbeschränkungen aber sowieso nicht treffen dürfe, fahre man das Programm derzeit zurück, so Grüll.

Autoabgase belasten Luftqualität trotzdem

Alle Flughafenanrainer freuen sich derzeit nicht nur über die Ruhe, sondern schwärmen auch von der guten Luft. So gut wie gefühlt aber scheint sie zumindest an den Straßen gar nicht zu sein. Das jedenfalls ergeben die Daten der 35 Messstationen, an denen die Mitgliedskommunen der Nordallianz seit Oktober vergangenen Jahres die Qualität der Luft messen. Gemessen werden dort an Sensoren in vier Metern Höhe der Gehalt von Ozon, Stickstoffdioxid und zwei Arten von Feinstaub, die vor allem durch Heizungen, Verkehr und Industrieproduktionen entstehen. Ultrafeinstaub wird nicht gemessen.

In vier Metern Höhe werden verschiedene Schadstoffe gemessen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Birgit Fullerton von der Firma Hawa Dawa, die die Technik der Messstationen für die Nordallianz betreut, hat sofort nach Beginn der Ausgangsbeschränkungen am 22. März bei sämtlichen Schadstoffkonzentrationen einen Abfall bemerkt, auch für Laien ist der Knick in den Kurven deutlich zu sehen. Danach aber stieg alles relativ schnell wieder an. Woran das liegt, weiß auch Birgit Fullerton nicht so genau: "Um das mit Sicherheit sagen zu können, müsste man natürlich genauere Analysen vornehmen." Auf die Frage, ob man den Stopp am Flughafen nicht genauer in den Messungen sehen könnte, empfiehlt sie einen Blick auf die Stickstoffdioxidkonzentrationen. Die nämlich hängen stark vom Verkehr ab. Wie bei allen Schadstoffen spielen aber auch hier stets andere Faktoren, zuvorderst das Wetter, eine Rolle. "Ich würde auch annehmen, dass zwar generell weniger Leute unterwegs sind, gleichzeitig aber die Leute, die unterwegs sind, deutlich häufiger das Auto nutzen, da der öffentliche Verkehr wegen Ansteckungsgefahr gemieden wird", sagt sie. Der starke Effekt am Anfang zeige vielleicht auch, dass die Maßnahme zunächst erst einmal sehr ernst genommen wurde, aber dann zumindest, was die Autofahrer anbelangte, doch nicht so streng aufrechterhalten wurde. Außerdem traf der Beginn der Ausgangsbeschränkung auf ein Wochenende. An diesem ersten Wochenende seien tatsächlich sehr wenige Leute unterwegs gewesen.

© SZ vom 11.04.2020/nta
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