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Fahrradkuriere:Unterwegs mit einem Fahrradkurier in München

10 000 Kilometer radelt Michael Breitbach im Jahr, das meiste davon in der Stadt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Fahrradkuriere sind tätowierte Bartträger, die permanent unter Strom stehen und Autofahrer beschimpfen? Falsch gedacht. Eigentlich geht es in der Branche eher entspannt zu.

Ein Ladenlokal in Sendling. Neben dem Eingang steht ein runder Holztisch, darauf dampfen zwei Tassen Kaffee, von der Decke baumeln rote Christbaumkugeln. Dazwischen schweben ein paar geflügelte Engelsfiguren, die an Nylonfäden vor den Gardinen befestigt sind. Eine rote Kerze am Fenster komplettiert das weihnachtliche Deko-Ensemble, das sich irgendwie über die Monate bis in den Hochsommer gerettet hat.

Andererseits, vielleicht hängt der Weihnachtsschmuck auch schon seit Jahren hier in der Zentrale des Fahrradkurierdienstes Trans Pedal in Sendling, denn wen kümmert das schon, ob die Deko nun passt oder nicht? Die Dielen des Holzbodens sind rechtschaffen abgewetzt, an der Decke hängt eine nackte Glühbirne, an der Wand ein Rennrad mit orangem Rahmen.

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Dazwischen liegen Fahrradmäntel und Transporttaschen herum und erzeugen eine Atmosphäre herrlicher Wurschtigkeit, die ein Gefühl von losgelöster Freiheit aufkommen lässt. In diesem Gemütlichkeitschaos ließe sich stundenlang Kaffee trinken, sollen sich doch die anderen abhetzen oder um so unerheblichen Kram kümmern, wie dass die Dekoration stets zur aktuellen Jahreszeit passt.

Der Morgen in der Zentrale der Firma Trans Pedal in München Sendling widerspricht der populären Vorstellung vom Fahrradkurierwesen. Das Klischee besteht aus bärtigen, tätowierten Hipster-Typen, die irre gehetzt auf schnellen Fahrrädern durch die Gegend heizen, stets im Kampf gegen die Uhr, stets im Konflikt mit der Straßenverkehrsordnung und immer nur ein paar Pedaltritte vom nächsten Beinaheunfall entfernt.

Doch hier im gemütlichen Chaos unter den Christbaumkugeln senkt sich der Puls wie von allein in entspannte Regionen. Am Holztisch sitzt Michael Breitbach, 47 Jahre alt, seit 2013 im Sattel für Trans Pedal unterwegs. Der Berufsradler würde sich optisch - rotes Funktions-T-Shirt, kurze schwarze Hose, drahtig und durchtrainiert - auch als Verkäufer in einem Laden von Outdoor-Ausrüstung einfügen, und er wäre sicherlich einer jener Angestellten, an die sich die Kunden automatisch am liebsten wenden.

Aber als Verkäufer müsste Michael Breitbach feste Arbeitszeiten akzeptieren, mit Urlaubstagen haushalten und andere Umstände hinnehmen, die für ihn eine Zumutung wären. "Freiheit ist für mich ganz zentral, das ist mir fast das Wichtigste überhaupt", sagt Breitbach. Und Freiheit findet er im Sattel, wenn er durch München und überhaupt mit dem Fahrrad durch sein Leben rollt.

Das Dienstrad ist ein weißes Klapprad mit 20-Zoll-Rädern. "Damit kann ich auch in die S-Bahn einsteigen und muss keine Extra-Fahrkarte dafür kaufen."

(Foto: Stephan Rumpf)

Die etwa 30 Kuriere, die für Trans Pedal durch München radeln, arbeiten alle auf Rechnung, sie können Aufträge annehmen und einen ganzen Tag Kilometer schrubben, bis die Beine brennen, sie können aber auch Aufträge ablehnen und nur so viel arbeiten, wie es in ihren Lebens- und Finanzplan passt. "Das kann ich selbst entscheiden", sagt Michael Breitbach. Für eine Fahrt bekommen die Kuriere mindestens vier Euro, längere Wege bringen hingegen bis zu zwölf Euro ein. Grob über den Daumen gepeilt, gibt es einen Euro je gefahrenen Kilometer.

Im Zimmer nebenan sitzen zwei Mitarbeiter der Firma vor Rechnern, nehmen Aufträge von Kunden entgegen und geben diese an die Kuriere weiter. "Was habt ihr denn für mich?", fragt Michael Breitbach die zwei Männer. Die erste Fahrt führt in die Ganghoferstraße in der Nähe des Bavariaparks, eine Werbeagentur, Stammkunde und höchstens zwei Kilometer entfernt.

Das Dienstrad des Kuriers Michael Breitbach ist ein kleines, weißes Klapprad mit 20-Zoll-Rädern. "Damit kann ich auch in die S-Bahn einsteigen und muss keine Extra-Fahrkarte dafür kaufen", sagt er. Viele der Trans-Pedal-Kuriere radeln nicht nur durch München, sondern nutzen auch den öffentlichen Nahverkehr, wenn die Strecken zu weit sind und es mit der S-Bahn schneller geht. Firmengründer und Geschäftsführer Günter Hofner soll an diesem Tag zum Beispiel ein Plakat beim Liedermacher und Isarindianer Willy Michl in Solln abholen und zur Praterinsel bringen. Am bequemsten lässt sich das mit Klapprad und S-Bahn erledigen.

In München bleibt das Rad auch mal nicht abgesperrt

Zur Agentur in der Nähe des Bavariaparks rollt Michael Breitbach verblüffend entspannt. Seine Geschwindigkeit liegt bei maximal 20 Kilometern pro Stunde, sehr gemütliches Radltempo. Warum hetzen, wenn es nicht nötig ist? Genug Kraft in den Beinen hätte Michael Breitbach. Seit mehr als 20 Jahren unternimmt er lange Rad- oder Trekkingreisen. Mit seiner Lebenspartnerin ist er von Feuerland an der Südspitze Südamerikas bis Portland, Oregon, geradelt. "Die meiste Zeit mit Gegenwind", sagt Breitbach.

Zwischendrin sind die beiden noch auf 6000 Meter hohe Berge in den Anden gestiegen. Durch Jordanien, Israel und den Sinai war er sieben Wochen auf dem Rad unterwegs, auf dem Donauradweg bis Belgrad. Bei einer Island-Durchradelung blies der Wind teils so stark, dass er einmal für 35 Kilometer sieben Stunden brauchte.

Michael Breitbach lehnt das Rad an die Hausmauer. Ob er absperrt, entscheidet er irgendwie nach Gefühl, meistens bleibt das Klapprad ungesichert. "In München geht das", sagt Breitbach. In der Agentur nimmt er ein paar Unterlagen in Empfang, die im wasserdichten Rucksack Platz finden. Dann rollt er durch das Neubaugebiet neben dem Bavariapark, auf die Lindwurmstraße zu und gemütlich weiter über den schrecklichen Radweg bis zum Goetheplatz. Unterwegs ruft ein Disponent aus der Christbaumkugelhöhle in Sendling an, der Trans Pedal Zentrale. Ob er noch am Sendlinger Tor vorbei fahren könne? "Klar, das liegt gut auf dem Weg", sagt Michael Breitbach.