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Erinnerungskultur:Sechzger- und Bayern-Fans besuchen zusammen Auschwitz

Dass es zwischen Roten und Blauen auch gemeinsam geht, zeigt dieses Paar beim Regionalliga-Derby.

(Foto: Claus Schunk)
  • Durch das Projekt "Erinnerung vereint" beschäftigen sich sowohl Fans des FC Bayern als auch des TSV 1860 mit den NS-Verbrechen.
  • Die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen gehören zu den Gründen dafür. Einige Fangruppierungen haben stark rechtsextreme Tendenzen.
  • Eine Fahrt nach Auschwitz ist geplant, davor geht es zur KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Thüringen.

Von Christoph Leischwitz

Nein, gemeinsam werden die Fans des TSV 1860 und des FC Bayern dann doch nicht nach Polen reisen, denn wer weiß, vielleicht gibt es Streit im Bus oder im Hotel. Solch ein Zwist zwischen zwei verfeindeten Gruppen würde der Ernsthaftigkeit dieses Projektes nicht gerecht werden. Doch immerhin: "Es ist ein gemeinsames Projekt", sagt Jochen Kaufmann, der Leiter des Münchner Fanprojekts der Münchner Arbeiterwohlfahrt. Auf der neuen Homepage erinnerung-vereint.de blickt der Sechziger-Löwe direkt das Bayern-Wappen an, auch die Klubs selbst unterstützen die Aktion. Und wer weiß, vielleicht steht am Ende des Langzeitprojektes ja auch noch ein gemeinsames Gespräch.

"In Farben getrennt - in Erinnerung vereint" heißt das Projekt für jeweils bis zu 25 Teilnehmern aus beiden Lagern. In Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum und der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau will das Fanprojekt das Bewusstsein für das Unrecht in der Zeit des Nationalsozialismus stärken. Natürlich habe man auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen "im Hinterkopf", sagt Kaufmann.

Einige Fangruppierungen haben stark rechtsextreme Tendenzen. Die Kurve im Stadion und die ihr zuteil werdende Aufmerksamkeit kann so zum Multiplikator für deren Gedankengut werden. Dieser möglichen Entwicklung wollen die Initiatoren den Multiplikator Aufklärung entgegenhalten.

Doch eigentlich hat "Erinnerung vereint"- so kürzen es die Projektleiter mittlerweile ab - einen zeitlosen Ansatz. Die Geschichte der beiden Fußballvereine dient als Einfallstor in den damaligen Alltag - und macht so Geschichte vorstellbar. Zum Beispiel bei der Frage, ob es bei Sechzig und Bayern Spieler gab, die diffamiert oder gar deportiert wurden. "Ein Ziel ist die Einbindung der Fans in die Aufarbeitung über die Vereine", sagt Kaufmann. Denn die Fans, die sich auf der Projekt-Website anmelden, können das Erlebte in einem Blog festhalten und sollen ermutigt werden, selbst in der Vereinsgeschichte zu recherchieren. Das Dokumentationszentrum liefert den historischen Unterbau und vermittelt Zeitzeugen. Dort hofft man, eine normalerweise schwer zu erreichende Zielgruppe ansprechen zu können.

In gut zwei Wochen beginnt das Projekt für die Bayern-Fans mit einer Fahrt zur vergleichsweise unbekannten KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Thüringen, verbunden mit dem Besuch eines Fußballspiels in der Nähe. In den kommenden Monaten sind mehrere Studientage im Dokumentationszentrum und in Dachau geplant, auch, um die Fans auf die fünftägige Reise nach Auschwitz vorzubereiten, die im Januar und Februar 2018 geplant sind.

Kaufmann und der 1860-Beauftragte Christian Exner haben diese Reise vor anderthalb Jahren als Teilnehmer eines Fanleiter-Workshops gemacht. "Es berührt einen sehr und ist emotional belastend", sagt Kaufmann. Deshalb sei er auch froh zu wissen, was auf ihn zukommt. Um so auch auf die Reaktionen der Fußballfans vorbereitet zu sein, die sehr unterschiedlich ausfallen können.

Für die Anhänger beider Vereine gibt es noch Platz auf der Reise, wobei die Anhänger des FC Bayern bei der Zahl der Anmeldungen momentan knapp in Führung liegen.

© SZ vom 27.10.2017/ebri

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