Nach dem Volksbegehren Artenschutz Das letzte Aufbäumen der Bauern

Die Ästhetik des Verfalls: Ein unbewohntes Bauernhaus in Straußdorf, bei dem der Putz abbröckelt. Die Wand ist von Rissen gezeichnet, es wirkt wie ein Gebäude aus einer längst vergessenen Zeit.

(Foto: Peter Hinz Rosin)

Immer mehr Landwirte in der Region hören auf, viele Höfe verfallen. Mit der bevorstehenden Umsetzung des Volksbegehrens steigt der Druck auf die Bauern weiter. Nun ergreifen einige das Wort.

Von Korbinian Eisenberger

Ferdinand Glasl hat durchgehalten, doch das hatte seinen Preis. Seine Zuchtbullen hat er in der BSE-Krise von Zorneding nach Italien verkauft, als Pfanni sein Werk in München dicht machte, gab er seine Kartoffelfelder auf. Mittlerweile setzt er auf Getreide und verkauft es an Brauer und Bäcker. Über die Jahrzehnte hat er sich immer wieder dem Markt angepasst, "ein Landwirt muss flexibel sein", sagt er, bis zu einem gewissen Punkt: Durch das Volksbegehren findet er sich nicht mehr flexibel, sondern wie eingekeilt. Wie es mit den neuen Gesetzen weitergehen soll? Ferdinand Glasl sagt: "Das ist für viele von uns der Anfang vom Ende."

Der 75 Jahre alte Ferdinand Glasl ist einer von 15 Landwirten, die sich an diesem Montagabend in einer Wirtsstube in Zorneding versammelt haben. Auf Einladung des CSU-Ortsverbands geht es um den Druck auf Bayerns Landwirte, und um ihre Zukunft, wenn das Volksbegehren zum Erhalt der Artenvielfalt demnächst wie angekündigt im Landtag zum Gesetz wird. An diesem Abend wird deutlich, wie schwierig es die Bauern schon jetzt haben.

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Einer ist Martin Lechner, - der Hauptredner, ein Landwirt aus Straußdorf bei Grafing, viele kennen den 64-Jährigen aus dem Kreistag. Er sitzt dort für die CSU, findet aber durchaus kritische Worte für die Parteispitze. "Die CSU war bei den Verhandlungen zum Volksbegehren schlecht vorbereitet", sagt er. Und so wurden die Thesen des Begehrens im Kern unverändert übernommen. Ein Papier, das den Bauern nun zu schaffen macht.

Die Initiatoren des Volksbegehren zur Artenvielfalt von der ÖDP gaben als Ziel aus, mehr Lebensraum vor allem für Bienen schaffen zu wollen. So wird künftig verboten, Wiesen nach dem 15. März zu walzen - es sei denn mit Ausnahmegenehmigung. Zehn Prozent der Wiesen und Weiden in Bayern dürfen künftig erst nach dem 15. Juni gemäht werden, Streuobstwiesen sollen besser geschützt werden, und bei Feldern an Bächen muss ein fünf Meter breiter Rand unbewirtschaftet bleiben.

Letzteres trifft Lechner. Er hat ein zwei Hektar großes Getreidefeld angrenzend an ein Bacherl, dort gehen ihm künftig 25 Prozent des bisherigen Ertrags verloren, erzählt er. "Es kommen immer mehr Kleinigkeiten dazu", sagt er. Etwa das Walzverbot, das jeden Bauern in Bayern betrifft, besonders in Alpennähe. Weil im Landkreis Ebersberg Mitte März oft noch Schnee liegt, braucht es dann eine Ausnahmegenehmigung, um im Trocknen zu walzen. "Das wird ein bürokratischer Aufwand", befürchtet Lechner. Für ihn eine Regelung "ohne Hirn und Verstand, weil sowieso jeder Bauer so früh wie möglich walzt".

Fast alle wurden schon bei der Arbeit beschimpft

Je länger der Abend, desto intensiver und emotionaler wird es. Ein Bauer berichtet von Menschen, die ihm vom Radl aus den Mittelfinger zeigen, wenn er mit dem Odelfassl aufs Feld fährt. Einer erzählt, dass seine Tochter in der Schule den Beruf ihrer Eltern verschweigt. "Sie musste sich schon die schlimmsten Sachen anhören." Fast alle hier wurden schon bei der Arbeit beschimpft. Viele haben erlebt, wie Hunde ihr Geschäft auf der Weide verrichten, im Tierfutter also. Die Folge: Wenn eine trächtige Kuh Hundekot frisst, kann es zu einer Totgeburt kommen. "Alles schon erlebt", sagt Lechner.

Die Wirtsstube in Zorneding ist ein Forum für ortsansässige Bauern und ihre Nöte. An den Tischen sitzt niemand, der eine Gegenrede hält, auch wenn sich dafür stellenweise gute Argumente finden ließen, die vielfach in der Öffentlichkeit zitiert werden. Bienen retten ist gesellschaftlich en vogue, nicht umsonst haben 1,7 Millionen Bayern für das Begehren gestimmt. In Zorneding haben nun jene das Wort, die seltener gehört werden. Menschen einer Branche, die sich so fühlen, als müssten sie alleine für die Versäumnisse einer Gesellschaft gerade stehen. Ferdinand Glasl sagt: "Wir Bauern haben einfach keine Lobby."

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Das war nicht immer so im einstigen Agrarstaat Bayern. Die Bauern hatten hier schon mehr Macht, als so manchem lieb war. Die bayerischen Landwirte hatten eine durchaus relevante Partei, die Abgeordneten des "Bauernbunds" saßen bis 1933 im Reichstag und vertraten dort die Interessen ihres Berufsstands. 2019 ist davon kaum mehr etwas übrig, ganz im Gegenteil. "Die Bauern engagieren sich politisch nicht mehr so", sagt Lechner, der seit Jahren vergeblich einen Nachfolger für seinen Posten als Vorsitzender der Ebersberger Arbeitsgemeinschaft Landwirtschaft sucht.

Einige Bauern im Saal haben ihren Hof aufgegeben oder verkleinert. Zu ihnen zählt einer der jüngsten hier: Robert Strobl ist 33 Jahre alt, er hat den Hof seines Vaters 2013 übernommen. Auch er musste die Kühe verkaufen, hundert Tiere, weil der Stall nicht mehr den rechtlichen Standards entsprach. Er hätte sogar in einen neuen größeren Stall investiert, "das macht aber die Bevölkerung nicht mit", sagt er. "Da wird man gleich als Tierquäler beschimpft", oder bekomme Anzeigen wegen Geruchsbelästigung. Und jetzt das Volksbegehren.

Es ist ein Abend, an dem sich erahnen lässt, warum immer mehr Landwirte aufhören, warum die Höfe verfallen. Redner Martin Lechner hat seinen Betrieb in Straußdorf, einst ein Bauerndorf, heute sind dort noch vier Landwirte ansässig, bald nur noch drei. An der Dorfstraße steht ein verfallenes Bauernhaus, seit Jahren unbewohnt, der Putz bröckelt ab. Ein Gebäude wie aus einer vergessenen Zeit. Hinter den milchigen Fenster sieht man eine zerknitterte Zigarettenschachtel liegen, daneben eine Jesusfigur, der ein Arm fehlt. In einen Holzbriefkasten ohne Deckel wurde ein Werbeprospekt gestopft. Auf dem vergilbten Papier steht: "Gültig ab 22.9.2008".

Resignation vor dem neuen Gesetz? Oder ein letztes großes Aufbäumen? Ferdinand Glasl erzählt von der Familienchronik, davon, dass die Glasls den Hof seit 1850 betreiben. Er erzählt, dass er seit elf Jahren Blumenwiesen ansäe, mehrere Hektar, auf wechselnden Feldern. "Die Leute latschen da einfach durch", sagt er, "an manchen Stellen schaut die Wiesn aus wie ein Trampelpfad." Warum also das Ganze? Warum lässt er das mit der Landwirtschaft nicht gut sein? Er faltet die Hände, beugt sich nach vorne und sagt: "Ich bin damit verwachsen."

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