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Angeblicher Skandal:Asylbewerber sollen in Ebersberger "Villa" einziehen

Nur der linke Teil des Ebersberger Wohnhauses wird vom Landratsamt angemietet. Garten, Garage und der rechte Bau sind nicht Teil des Vertrags.

(Foto: Christian Endt)

Der Kreis erfüllt den Vertrag und verschafft bis zu 14 Menschen eine Bleibe. Die AfD äußert sich zu dem irreführenden Villen-Foto aus Texas.

Von Korbinian Eisenberger, Ebersberg

Die Suche nach Wohnraum wird immer komplizierter. Der Landkreis Ebersberg ist dennoch fündig geworden, um geflüchteten Menschen eine Bleibe zu geben. Bis zu 14 Personen sollen kommendes Jahr in ein Wohnhaus in der Kreisstadt Ebersberg einziehen. Wie Landrat Robert Niedergesäß (CSU) am Mittwochnachmittag erklärte, werde sich der Landkreis an den Vertrag mit dem Eigentümer des Hauses am Stadtrand halten. Noch vor einer Woche hatte das Landratsamt Zweifel an der Einhaltung des Abschlusses geäußert. Womöglich, so hieß es, sprächen Uneinigkeiten in der Eigentümer-Familie gegen die Unterbringung von Asylbewerbern in dem Haus. Dieser Verdacht, so Landrat Niedergesäß, habe sich nicht bestätigt. "Da wurde mehr hineingedichtet als war."

Mit dem Einzug der neuen Bewohner endet eine Posse, die bundesweit durch die Presse ging. Die AfD griff zwei irreführende Zeitungsmeldungen auf und behauptete in einem Onlineartikel, das Ebersberger Landratsamt beherberge Asylsuchende in einem "Millionärsviertel". Der AfD-Parteivorsitzende Jörg Meuthen teilte den Artikel am 8. Dezember in einem Facebook-Posting, in dem er sich über die Ebersberger Behörde empört. In einer Stellungnahme hierzu lässt Meuthen von der Bundesgeschäftsstelle der AfD erklären, dass er seine Angaben auf "zwei seriöse Medien" stütze, denen zufolge es sich um eine Villa im Millionärsviertel handle. Unter anderem beruhe sein Posting auf einem Satz des "liberal-konservativen Meinungsmagazins" Tichys Einblick: "Der marktübliche Preis für eine Villa mit Grundstück in dieser Gegend liegt im siebenstelligen Bereich."

Landrat Niedergesäß kommt hier zu einer ähnlichen Einschätzung wie Bürgermeister Uli Proske (parteilos), der die Existenz einer "Millionärs-Gegend" in Ebersberg vergangene Woche dementierte. "Es war das erste Mal, dass ich davon gehört habe, dass es so etwas in Ebersberg geben soll", so auch Niedergesäß, der seit 2013 im Amt ist. Er habe mittlerweile "von einigen gehört, die auch da wohnen, dass sie keine Millionäre sind". Abgesehen davon, dass nichts dagegen spricht, Asylsuchende in schicker Wohngegend unterzubringen.

Die AfD hatte die Ebersberger "Villa" zudem mit einem Bild illustriert. Das Foto im Artikel auf afdkompakt.de zeigt ein historisches Museum aus San Antonio/Texas, das laut Betreiber im Jahr 1876 in italienischem Stil erbaut wurde. Bei der neuen Asylunterkunft in Ebersberg handelt es sich um ein Mitte des 20. Jahrhunderts gebautes dreiteiliges Anwesen mit einer Garage und zwei Wohneinheiten. Nur die größere davon, das 250 Quadratmeter große Haupthaus, soll künftig von den bis zu 14 Neuankömmlingen bewohnt werden.

Die Bundesgeschäftsstelle der AfD erklärt sich auf SZ-Anfrage zur Sache. Dass das "eingesetzte Foto nicht das real in Ebersberg stehende Gebäude zeigt, liegt daran, dass die dafür erforderlichen Bildrechte leider nicht vorlagen. Auf dem stattdessen verwendeten Stockbild wurde zunächst irrtümlich versäumt, den Hinweis ,Symbolbild' einzufügen. Dieses Versehen wurde mittlerweile korrigiert."

Wann in dem Haus nun Asylsuchende einziehen, stehe noch nicht fest, wie von der Pressestelle des Landratsamts zu erfahren ist. Ursprünglich geplant war der Bezug im Laufe des Januars. Aufgrund der Belastung der Behördenmitarbeiter durch die Mehrarbeit in der Coronakrise "könnte sich der Einzug verzögern", wie eine Sprecherin am Donnerstag erklärt. Im öffentlichen Facebook-Posting von AfD-Chef Meuthen war von "jugendlichen Asylbewerbern" die Rede. Wie das Landratsamt erklärt, sollen mit hoher Wahrscheinlichkeit erwachsene Personen einziehen.

Unter Meuthens Posting kommentieren Sympathisanten. "Zeigt die Verwaltung wegen Verschwendung von Steuergeldern an und fordert Regress", lautet einer der öffentlich einsehbaren Beiträge. Das Landratsamt erklärt, dass der Mietpreis für die 250 Quadratmeter bei monatlich 11,20 Euro liege und damit unter dem in Ebersberg gängigen Niveau. Der 1700 Quadratmeter große Garten, der dem Gesamtkomplex herrschaftlichen - vielleicht gar Villen-artigen - Charakter verleiht, ist nicht Teil des Vertrags zwischen dem Eigentümer und dem Ebersberger Landratsamt. Der Vertrag läuft bis Ende Oktober 2023.

© SZ vom 18.12.2020/koei
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