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Dachauer Kreisrat:Landkreis legt Busprojekte auf Eis

Gute und schlechte Nachrichten für Karlsfeld: Der 20-Minuten-Takt soll kommen, die neue Linie zwischen Dachau-Ost und München aber nicht.

(Foto: Toni Heigl)

Die Corona-Krise hat den öffentlichen Nahverkehr hart getroffen. Weil Fahrgäste fehlen und Millionenverluste drohen, zieht der Kreistag bereits beschlossene Verbesserungen zurück. Der Odelzhausener Raum leidet besonders

Von Thomas Balbierer, Dachau

Obwohl der Landkreis Dachau derzeit noch keine coronabedingten Einnahmenverluste erleidet, setzt der Kreistag beim ersten Großprojekt den Rotstift an. Getroffen hat es bei der gemeinsamen Sitzung von Umwelt- und Verkehrs- sowie Kreisausschuss den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Die Kreisräte sprachen sich am Freitag für deutliche Einschnitte beim Ausbau mehrerer Buslinien aus. Die derzeitige Situation des ÖPNV sei "dramatisch", sagte Albert Herbst. Er ist im Landratsamt Herr über das Busnetz. Wegen der Pandemie seien Einnahmen und Passagierzahlen im vom Kreis getragenen Busverkehr massiv gesunken. Herbst rechnet in diesem Jahr mit niedrigeren Einnahmen von 1,3 bis 2,2 Millionen Euro - und da sind die hohen Verluste, die den Freistaat im Schienenverkehr erwarten, gar nicht berücksichtigt. Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise sei die Auslastung der Busse im Dachauer Land um bis zu 90 Prozent gesunken, sagte Herbst im Kreistag. An eine schnelle Erholung des ÖPNV glaube er nicht, der öffentliche Verkehr werde wohl einige Zeit darben. Deshalb schlug er den Kommunalpolitikern vor, bereits beschlossene Verbesserungen zurückzunehmen.

Vorerst nicht realisiert wird zum Beispiel die für 2022 geplante Ausweitung der Münchner Buslinie 175, die zwischen dem Olympia-Einkaufszentrum und Ludwigsfeld verkehrt und ursprünglich über Karlsfeld bis Dachau-Ost verlängert werden sollte. "Eine ganz neue Linie" wäre das für den Landkreis gewesen, so Herbst, doch laut einer ersten Potenzialanalyse hätten nur 560 Fahrgäste am Tag dieses Angebot genutzt - zu wenige für einen sinnvollen Betrieb, findet Herbst. Karlsfelds Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) sagte, die Entscheidung tue weh, stimmte aber trotzdem zu, "aus Vernunft", wie er betonte. Positiv für Kolbes Kommune: Angesichts des in Dachau beschlossenen 10-Minuten-Takts auf drei städtischen Linien gibt es nun doch den 20-Minuten-Takt auf den Linien 710, 711 und bei den Samstagsfahrten der 701 - wegen der Corona-Krise hatte der Kreisausschuss im April ursprünglich die Beibehaltung des 40-Minuten-Taktes vorgesehen. Das Ungleichgewicht zwischen den Nachbarn Dachau und Karlsfeld wollte der Kreistag jedoch nicht stehen lassen. In den Dauerbetrieb übergehen soll nach dem Willen der Kreisräte im kommenden Jahr auch die Linie 160 in Karlsfeld. Manch Anwohner dürfte dort erleichtert aufatmen, denn eine neue Wegführung soll zumindest auf Teilen der Gartenstraße Entlastung bringen. Bewohner klagen dort über Verkehrslärm und Emissionen.

Keine guten Nachrichten gab es am Freitag für den westlichen Landkreis. Der ohne S-Bahn-Anschluss sowieso nur mäßig erschlossene Odelzhausener Raum muss auch weiter auf grundlegende Verbesserungen warten. Eigentlich sollte die Gegend deutlich vom neuen Nahverkehrsplan profitieren, die Busverbindung 721 sollte in einem durchgängigen 40-Minuten-Takt Richtung Dachau pendeln, quasi als S-Bahn-Ersatz. Diese Verbesserung wird es nach dem Beschluss des Kreistags auf absehbare Zeit nicht geben. Auch andere Pläne, die Anbindung des Dachauer Hinterlands zu stärken, wurden vorerst auf Eis gelegt, zum Beispiel die für 2022 geplante Einführung zusätzlicher Fahrten auf den Verbindungen 705 und 782, die vor allem für die Bewohner rund um Altomünster und Markt Indersdorf attraktiv gewesen wären. Außerdem vertagt der Kreis die landkreisweite Ausdehnung des Ruftaxiverkehrs, sodass es weiterhin bei insgesamt fünf Linien bleiben soll.

An anderen Projekten, wie der Einführung des 30-Minuten-Takts auf der Linie X732 zwischen Pasing und Dasing im nächsten Jahr, hält der Landkreis wegen hoher Nutzungszahlen, guten Förderaussichten oder den weit fortgeschrittenen Planungen fest. Auch die neuen landkreisübergreifenden Verbindungen von Petershausen nach Lohhof und von Markt Indersdorf nach Unterschleißheim, die ab 2022 verkehren sollen, will man weiter vorantreiben. An den neuen Querverbindungen zwischen Dachau und Garching sowie zwischen Buchenau-Fürstenfeldbruck und Dachau soll auch nicht gerüttelt werden.

Die Entscheidungen stießen in der Ausschusssitzung kaum auf grundsätzlichen Widerstand, die meisten Beschlüsse fielen einstimmig, auch wenn sich beispielsweise Grünen-Kreisrat Roderich Zauscher vor der Entscheidung noch dafür ausgesprochen hatte, "das ursprüngliche System umzusetzen". Man solle nicht "vor Corona fliehen" und den Umweltschutz nicht vergessen. Auch Peter Heller (Bündnis) hatte in der Debatte gefordert, die Bedeutung des ÖPNV für die Zukunft nicht zu unterschätzen. Er glaube nicht, dass Pendler Busse und Bahnen auf Dauer meiden werden, sagte Heller. Spätestens wenn die Staus in den Städten wieder unerträglich seien, "werden Menschen wieder in den ÖPNV drängen". Man solle bei der Planung auch den "Bevölkerungsboom" in manchen Kommunen nicht vergessen. Landrat Stefan Löwl (CSU) sagte, es sei eine Grundsatzentscheidung, wie man als Landkreis in der jetzigen Phase finanziell handle - solle man, bisher undenkbar, sogar Schulden machen? Er sei eher der Typ "schwäbischer Häuslebauer", so Löwl. Das Prinzip "Was kostet die Welt?", das die EU, der Bund und auch der Freistaat in der Krise an den Tag legten, habe er noch nicht verinnerlicht. Außerdem müsse man auch bedenken, dass Busfahrten bei zu geringer Auslastung weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll wären. Nicht jede Buslinie müsste immer noch enger getaktet werden, fand auch Leonhard Mösl (ÖDP). Die Corona-Krise habe gelehrt, "dass manche Dinge länger dauern". Mösl rief zu etwas mehr Bescheidenheit auf.

Ihm blute das Herz angesichts der Rücknahmen, sagte Albert Herbst, ließ aber keinen Zweifel daran, dass er sie finanziell für notwendig hielt. Mit dem Aussetzen der Verkehrsprojekte könne ein Millionenbetrag eingespart werden, so der erfahrene Sachgebietsleiter. Er findet die Sparmaßnahmen vertretbar, man nehme ja keine bestehenden Angebote zurück, so Herbst. "Es hätte schlimmer kommen können." Auch Landrat Löwl betonte, dass die Verbesserungen "nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben" seien. Wann die ausgesetzten Projekte dann tatsächlich realisiert werden, hängt wohl auch davon ab, wie schnell sich der ÖPNV von der Corona-Krise erholen wird.

© SZ vom 14.07.2020
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