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Schulöffnungen trotz Corona:Lernen unter besonders hohem Risiko

Yannick Andricek, Abiturient und Schülersprecher an der Ernst-Barlach-Fachoberschule.

(Foto: Chris Schiechl)

Wer kurz vor dem Abschluss steht, soll von Montag an wieder Unterricht bekommen. Das gilt auch für Inklusionsschulen. Dort aber sind viele Schüler besonders gefährdet. Das gilt auch für Abiturient Yannick Andricek.

Yannick Andricek ist 18 Jahre alt und steht kurz vor seinem Fachabitur. Am Montagmorgen wird gegen sieben Uhr bei ihm ein Taxidienst an der Haustür klingeln. Nach sieben Wochen daheim geht es für Yannick Andricek dann wieder zum Unterricht. Eine provisorische Folienwand werde ihn vom Fahrer des Schulbring-Service trennen, hat er gehört. Und nur noch zwei Schüler dürfen jetzt mitkommen. Vielleicht wird die Fahrt von Starnberg, wo er mit seinen Eltern wohnt, bis nach Schwabing zu den Ernst-Barlach-Schulen der Stiftung Pfennigparade etwas kürzer dauern als sonst, weil die Straßen derzeit nicht so voll sind. Das wäre ein positiver Effekt in diesen speziellen Corona-Tagen. Ansonsten ist Yannick Andricek "hin- und hergerissen" von der Entscheidung, wieder in die Schule zu müssen. "Ich schaue mir am Montag mal an, wie alles abläuft", sagt er ein paar Tage vor der Schulöffnung, die für alle Abschlussklassen in Bayern gilt, auch an Inklusionsschulen, wie die der Pfennigparade.

Yannick Andricek ist in der 12. Klasse der Fachoberschule (FOS) im Zweig Gestaltung. Ihm wäre auch ein sogenanntes Durchschnittsabitur recht gewesen, bei dem die bisherigen Noten zusammengerechnet werden. Denn er empfindet die Ansteckungsgefahr bei den anstehenden Schulbesuchen bis zu den Abiturprüfungen als ziemlich hoch. "Keiner möchte schuld daran sein, dass jemand krank wird", sagt Yannick Andricek.

Er hat die genetisch bedingte Osteogenesis imperfecta, bekannt als Glasknochenkrankheit, und sitzt im Rollstuhl. Assistenten helfen ihm im Schulalltag, öffnen Türen und begleiten ihn in die Waschräume. Dabei genügend Abstand zu halten ist schwierig. In den vergangenen Wochen habe er nur sehr selten und wenn dann nur sehr vorsichtig das Haus verlassen, erzählt der 18-Jährige. "Ich werde nach dem Montag entscheiden, ob es sich lohnt, das Risiko einzugehen, in die Schule zu kommen."

Wie jeder Abiturient möchte Yannick Andricek die Prüfungen so gut wie möglich schaffen. Am 19. Juni geht es an den Fachoberschulen damit los. Als Schülersprecher ist er Kontaktperson für seine Mitschüler. Er wisse von einigen, dass sie stark verunsichert seien und lieber das Abitur verschoben hätten, sagt er. Sein Freund Chris Schiechl zum Beispiel. Der lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft und möchte öffentliche Verkehrsmittel derzeit so gut es geht vermeiden. "Wir werden alle bis 70 arbeiten, warum sollen wir jetzt auf Teufel komm raus das Abi schreiben?", fragt er.

Andere Schüler würden am liebsten weiterhin zu Hause lernen. Die Entscheidung liegt aber nicht bei ihnen selbst. Nur diejenigen, die nachweislich zur Risikogruppe gehören, dürfen fernbleiben. Ansonsten gelte Anwesenheitspflicht, sagt Roman Hanig, Schulleiter der Ernst-Barlach-Schulen. 60 Prozent der Schüler haben dort sonderpädagogischen Förderbedarf wegen einer Behinderung oder Lernstörung. Seit Tagen arbeiten er und das Lehrerteam an Lösungen für möglichst risikofreie Schultage. Einig sei man sich, dass alle Lehrkräfte und Schüler Masken tragen sollen, denn a

uch unter den Lehrern gebe es gefährdete Personen, etwa weil sie an Asthma litten. Um ausreichend Abstand zu gewährleisten, sollen die Klassen mit ohnehin nur maximal 15 Schülern in zwei Räumen unterrichtet werden, nach einem eigens entworfenen Stundenplan: nur noch die Prüfungsfächer und diese jeweils drei Schulstunden lang hintereinander. Grundsätzlich sollen die Klassen möglichst nicht in Kontakt kommen, erklärt Hanig. Und die 18 Assistenten sollen immer bei denselben Schülern bleiben. Hanig hätte sich gewünscht, dass schon früher die Ansage aus dem Kultusministerium gekommen wäre, sich nur noch auf die Prüfungsfächer zu konzentrieren und die noch ausstehenden Noten einfach zu vergessen.

Noten spielen in der auf Inklusion basierenden Montessori-Pädagogik eine nachrangige Rolle. Den 200 Schülern in den Abschlussklassen der Montessori-Fachoberschule (MOS) in Freimann kommt zugute, dass man hier ohnehin auf selbständiges Lernen setzt. Allerdings müssen sich die Schüler in acht Fächern prüfen lassen, weil Montessori-Schulen in Bayern genehmigt, aber nicht anerkannt sind.

Wer weiter weg, gesundheitlich belastet oder etwa bei seinen Großeltern wohne, dürfe zu Hause bleiben, sagt der Pädagogische Schulleiter Carl Mirwald. Man habe seit dem 16. März den gesamten Stundenplan auf Online-Betrieb umgestellt. Mirwald findet es unverantwortlich, das Abitur so durchzuboxen. Die Schulöffnung bringe viel Bewegung und dadurch Ansteckungsgefahr, sagt er. Er hofft auf einen Lerneffekt bei der Schülergeneration, die Zukunft gesellschaftlich anders zu gestalten.

© SZ vom 25.04.2020/pvn
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