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Müllabfuhr:"Manche haben jetzt Angst vor uns"

Müllentsorgung München

Eine gute "Partie": Özkan Celik (von links), Roland Irrgang und Robert Strobl sind ein Team.

(Foto: Stephan Rumpf)

Anwohner, die sonst auf den Ratsch am Tonnenhäuschen mit dem Team um Özkan Celik warten, sind nicht mehr da. Doch die Mülllader bekommen derzeit auch viel Anerkennung.

So also ist das, wenn man die vertraute Situation aus der anderen Perspektive mitbekommt. Normalerweise sitzt man im eigenen Auto in der heimischen Sackgasse, bändigt keimende Ungeduld und denkt sich: "Hättest du den Kaffee doch noch in Ruhe austrinken können." Jetzt aber sitzt man neben Roland Irrgang in einem wuchtigen Müllwagen, der die ganze Fahrbahnbreite einnimmt, und denkt sich: "Nun, der da hinten kann schon mal zwei Minuten warten."

Irrgang, der seit elf Jahren das Fahrzeug lenkt, kennt sie natürlich alle - die Drängler und Nörgler, die, die aussteigen und harsch auf einem irgendwo offenbar festgeschriebenen Recht auf ungebremster Weiterfahrt beharren. Die, die sitzen bleiben und hupen. Die Radfahrer, die sich durchquetschen, selbst wenn Irrgang piepend zurücksetzt. Aber auch die, die freundlich winken und selbst den Rückwärtsgang einlegen, wenn sie plötzlich dem großen orangefarbenen Wagen gegenüberstehen. Gibt halt immer solche und solche.

Aber die Zahl der Netten scheint in den vergangenen Wochen zugenommen zu haben, so jedenfalls schildern es Irrgang und seine Kollegen Robert Strobl und Özkan Celik. Das könnte an einer allgemein entspannteren Lebensführung liegen, zumindest hier, südlich des Nymphenburger Schlossparks, in einem der wohlhabenden Viertel Münchens. Oder daran, dass den Männern mehr Menschen begegnen. Weil mehr daheim sind.

Dass wirklich fast alle zu Hause sind, bekommen die Leute von der Müllabfuhr deutlich zu spüren. Von Woche zu Woche waren die Tonnen etwas voller, von einem langsamen, aber kontinuierlichen Anstieg der Müllmenge berichtet Irrgang. Warum nicht von Anbeginn der Ausgangsbeschränkungen alle Restmülltonnen voller waren als zuvor? Da kann auch er nur eine Vermutung äußern. Vielleicht wurde es den Münchnern mit der Zeit langweiliger, "und die Leute haben angefangen, ihren Keller und das Gartenhäuschen auszumisten". Die Biotonnen haben auch Gewicht zugelegt - es war ja viel Zeit, den Rasen zu vertikutieren, Büsche zu stutzen, Unkraut zu jäten. Nur in der Innenstadt ist das anders, da waren und sind noch immer in manchen Straßenzügen die Tonnen leerer als in der Vor-Corona-Zeit: dort, wo viele Geschäfte geschlossen haben.

Für die rund 500 Männer - und vier Frauen -, die beim Abfallwirtschaftsbetrieb München als "Mülllader" angestellt sind, plus 170 Kraftfahrer wie Irrgang, ist die Zeit jetzt eigentlich eine schöne, unterm Strich. Von einem ruhigeren Fahren berichtet Roland Irrgang, vor allem, wenn er über den Mittleren Ring zum Einsatzgebiet unterwegs ist. Es fehlt der morgendliche Berufsverkehr. Auch in den kleinen Straßen werden die Leute erst später munter. Nur zugeparkt sind die mehr als sonst.

Özkan Celik erzählt, dass sie in den vergangenen Wochen Anwohner kennengelernt hätten, die das Team bislang nie oder selten zu Gesicht bekommen hatte. Und als der Müllwagen gegen 9 Uhr, also mehr als zwei Stunden nach Beginn der Tour, in ein Neubaugebiet fährt, sind tatsächlich hinter einigen Fenstern Gesichter zu sehen. "Wir haben viele Zuschauer", sagt Celik. Kleine Kinder mit, vor allem, Vätern. Da wird gewunken und gelächelt. Celik und seine "Partie", so wird sein Team bezeichnet, sind das Nach-dem-Frühstück-Unterhaltungsprogramm, die Stars der Straße. Aber schon davor, das spürt man, sind sie ihrer Arbeit gern nachgegangen.

Es gibt auch eine Kehrseite. In den Straßenzügen, in denen überwiegend ältere Menschen wohnen, sehen sie viele vertraute Gesichter seit Wochen nicht. Menschen, die normalerweise auf die Mülllader warten, für einen kurzen Ratsch am Tonnenhäuschen, haben sich zurückgezogen. "Manche haben jetzt Angst vor uns", sagt Celik, "weil wir mit dem Müll in Kontakt kommen." Und der Müll, so denken manche offenbar, könnte das Virus transportieren. Strobl und Celik tragen feste Handschuhe, schon immer, sie müssen ja die Tonnen aus den Tonnenhäuschen holen und zum Auto ziehen, in den Altbau-Vierteln auch aus den Hinterhöfen und über die Treppen im Hochparterre heben, "Traghäuser" heißt diese deshalb im Mülllader-Jargon.

Der Mundschutz passt farblich zur Ausrüstung

Natürlich wissen auch sie nicht, wo jemand wohnt, der ansteckend ist. Celik wirkt zwar nicht wie jemand, der Angst hat, sich zu infizieren. Aber er bittet Menschen mit positivem Testergebnis, sicherheitshalber ihren Restmüll in einer zweiten Tüte zu verpacken. Die Männer tragen jetzt Mundschutz, sie arbeiten ja eng zusammen, wenn sie die großen Tonnen einhängen, deren Inhalt sich der Wagen in den Rachen kippt. Der Mundschutz ist orangefarben, passend zum Outfit. Kostümschneiderinnen der Kammerspiele haben ihn gefertigt.

Robert Strobl sagt, sie bekämen viel mehr Wertschätzung als zuvor. Und so eine Anerkennung tue "ja immer gut". Früher gab es auch ab und an ein Dankeschön, mit den Wochen haben auch die Danksagungen zugenommen - wie die Müllmenge. Jetzt drückt ihnen schon mal jemand Schokolade in die Hand, reicht was zum Trinken. Geld dürfen sie nicht annehmen. Auf einer Tonne im Stadtviertel Allach lag ein handgeschriebenes Schild: "Danke, dass Ihr für uns da seid!" Lächelndes Herz darunter. Den Zettel fahren sie jetzt seit drei Wochen spazieren.

Plötzlich stoppt ein Auto vor dem Müllwagen, eine ältere Dame steigt aus, Irrgang lässt das Fenster runter. So also läuft das ab, denkt man. "Könnten Sie bitte aus dem Weg fahren", sagt die Frau, ganz ruhig, dann kommen ihr Tränen. "Meinem Mann geht es schlecht. Ich bringe ihn ins Krankenhaus." Irrgang lässt den Motor an, er hat die Straße freigemacht, bevor die Frau zurück am Steuer ist. "Das", sagt er, "hatte ich auch noch nie." Die Zeiten sind halt doch andere.

© SZ vom 30.04.2020/syn
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