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BMW in Milbertshofen:Aus Freude am Radeln

Das BMW-Gelände aufgenommen vom nahen Olympiaturm aus.

Das Werksgelände von BMW in Milbertshofen und im Hintergrund der Frankfurter Ring mit dem Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ).

(Foto: Florian Peljak)

Der Autobauer erweitert seinen Standort in München. Damit die neuen Mitarbeiter nicht im Stau stecken bleiben, hat BMW ein Verkehrskonzept vorgelegt - mit günstigeren ÖPNV-Tickets und Duschen für Radler.

Es ist eines von Münchens Mammutprojekten: der Ausbau des BMW-Firmengeländes zwischen Schleißheimer und Knorrstraße. Das Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) des Autobauers soll nach Norden hin deutlich wachsen. Allein die Planung dafür hat fast ein Jahrzehnt gedauert, der Bau könnte weitere 30 Jahre in Anspruch nehmen. Einen wichtigen Schritt auf diesem Weg hat Anfang Dezember 2019 der Stadtrat gemacht: Er hat Baurecht geschaffen für den nördlichen Teil des Geländes auf der ehemaligen Kronprinz-Rupprecht-Kaserne, gleich neben dem Gymnasium München-Nord. Es ist der Abschnitt des Großprojekts, der von den Planern und Architekten den Codenamen "FIZ Nord-Nord" erhalten hat und vom Jahr 2025 an bebaut werden soll.

Vorher gehe es nicht, sagt Klaus Kapp, Chef für den Ausbau des FIZ. "Wir haben jetzt schon eine Operation am offenen Herzen." Damit meint er das "FIZ-Future", einen riesigen Glaskubus, der gerade auf Höhe der Buswendeschleife entsteht. Wo sich vor einem halben Jahr noch rohe Betonwände auftürmten, ist die Fassade inzwischen mit Glas verkleidet. In einem neuen Werkstatt- und Prüfstandsgebäude sowie drei weiteren Bürogebäuden werden die Ingenieure des Autoherstellers dort neue Prototypen entwickeln und testen. Der Bau ist fast fertig und soll kommenden Juli eröffnet werden. Auf diese 4000 neuen Arbeitsplätze ziehen großteils Mitarbeiter um, die bislang an der Hufelandstraße für BMW arbeiten. Dort würden dann eine Kita, eine Altenpflegeeinrichtung und ein Boarding-House entstehen, sagt Kapp. Weitere Gebäude für die Entwicklung von Elektromotoren werden am FIZ-Future bis 2025 fertiggestellt.

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Dann beginnen auch die Arbeiten für den Ausbau weiter nördlich, das FIZ Nord-Nord. Sie werden bis 2050 andauern. Zu den derzeit 25 000 Arbeitsplätzen am FIZ und den 8500 im BMW-Werk in Milbertshofen sollen dann weitere Arbeitsplätze hinzukommen - insgesamt werden bis zu 15 000 neu geschaffen. Das könnte den Verkehr im Münchner Norden an die Grenze der Belastbarkeit bringen. Daher versucht BMW etwas, was der Konzern schon seit vielen Jahren praktiziert, was für einen Autohersteller aber nicht üblich ist: Er will seine Mitarbeiter dazu bringen, öfter aufs Auto zu verzichten - zumindest auf dem Weg zur Arbeit. Dafür entwickeln sieben firmeneigene Verkehrsplaner ein Mobilitätskonzept, das auch Aufschluss darüber gibt, von wo die Mitarbeiter wie zur Arbeit kommen.

Die wichtigsten Zahlen und Maßnahmen im Überblick:

DB-Nordring

Eine wichtige Verkehrsentlastung soll von 2026 an eine neue S-Bahn-Verbindung bringen, die von Karlsfeld über den bisher nur von Güterzügen genutzten Nordring bis zum Euro-Industriepark fahren wird. Ein neuer Bahnsteig soll an der Knorrstraße gebaut werden, über den man das FIZ und die U-Bahn-Haltestelle Frankfurter Ring erreicht. BMW hat sich an dem bis zu 26 Millionen Euro teuren Projekt mit einigen Millionen Euro beteiligt. Eine genaue Zahl wollte Kapp allerdings nicht nennen. Sollte die S-Bahn in Zukunft auch nach Dachau und weiter ins Umland fahren, wolle man mit den Gemeinden über den Ausbau von Park & Ride-Parkplätzen sprechen, etwa in Dachau oder Breitenau/Bergkirchen. Aus technischen Gründen ist Karlsfeld in den momentanen Plänen allerdings Endstation. Denn dort wäre eine neue Gleiskreuzung nötig, die bis zu 50 Millionen Euro kosten dürfte.

Anschlusstunnel zur A 99

Für die BMW-Verkehrsplaner ist ein Autobahnanschluss der Schleißheimer Straße an die A 99 alternativlos. Er würde erlauben, den Großteil des Auto- und Lkw-Verkehrs westlich vom FIZ direkt nach Norden abfließen zu lassen. Allerdings sei der Tunnel "kein BMW-Tunnel", betont Kapp. Man hoffe auf den Tunnel, mische sich allerdings nicht in die Planungen ein. Diese werden von der Stadt schon seit fünf Jahren ausgearbeitet, mittlerweile in sieben verschiedenen Varianten. Das Problem: Neben technischen Herausforderungen muss der Tunnel durch die Nordhaide geführt werden, die Naturschutzgebiet ist. Er ist auch politisch ein Großprojekt und erfordert neben weiteren Beschlüssen im Stadtrat auch Entscheidungen der Regierung von Oberbayern und des Verkehrsministeriums des Bundes. Mit einer Fertigstellung des Tunnels im kommenden Jahrzehnt rechnet niemand.

Parkhäuser

Laut BMW gibt es am FIZ insgesamt 12 000 Parkplätze. Legt man die firmeneigenen Verkehrserhebungen zu Grunde, nach denen etwa 44 Prozent der 25 000 FIZ-Mitarbeiter mit dem Auto zur Arbeit kommen, wäre der Parkraumbedarf momentan abgedeckt. Zumindest theoretisch. Ob die BMW-Angestellten trotzdem in den angrenzenden Vierteln parken, lässt sich kaum erheben. Zudem will BMW seine Parkplätze schon bald mit zusätzlichen Ladestationen für Elektroautos ausstatten. Bis 2021 sollen es insgesamt 3200 Ladestationen an allen Münchner Standorten sein.

Zehn-Euro-Ticket

Von Anfang 2020 an können BMW-Mitarbeiter ein Nahverkehrsticket (M-Zone) für zehn Euro im Monat kaufen, den Rest subventioniert die Firma. Damit die Mitarbeiter auch wirklich mit Bus und Bahn kommen, müssen sie dafür auf ihre Parkberechtigung verzichten. Das Angebot sei auf ein großes Interesse gestoßen, sagt Kapp. Er rechnet damit, dass sich der Anteil der ÖPNV-Fahrer im kommenden Jahr deutlich erhöht. Bislang sind es 41 Prozent der FIZ-Belegschaft.

Neue Busverbindungen

Die Buswendeschleife Am Hart wird umstrukturiert und ausgebaut. Künftig sollen dort neben den bisherigen Buslinien auch neue Schnellbusse zum Kieferngarten über die Bayernkaserne verkehren. Lange wurde darüber diskutiert, ob von der Bayernkaserne bis zum Petuelring künftig eine neue Trambahn fahren soll. Diese Tangentialverbindung führt über das künftige FIZ Nord-Nord. Viele Kritiker der Tram befürchteten, dass sie eine mögliche U-Bahn-Verbindung zwischen U 2 und U 6, die sogenannte U 26, gefährden könnte. Seit der Stadtratsentscheidung über das FIZ Nord-Nord jedoch ist klar: Künftig wird auf dieser Stecke ein Bus verkehren. Und zwar durch einen Grünzug parallel zur Rathenaustraße, den BMW auf seinem Gelände anlegen wird. Dieser Nachbarschaftsgarten wird ab 2035 realisiert, eine provisorische Busverbindung der MVG soll es dort aber schon von 2026 an geben.

Mit dem Fahrrad zur Arbeit

Am Eingang des FIZ steht ein Parkhaus für Fahrräder samt Ladestationen für E-Bikes. Momentan gibt es am FIZ 1800 Radstellplätze, bis 2023 sollen weitere 2000 hinzukommen. Ganze elf Prozent der FIZ-Angestellten kämen mit dem Rad oder zu Fuß, sagen die BMW-Verkehrsplaner. Unter ihnen hat der Konzern eine Gruppe von rund 250 "Intensivradfahrern" identifiziert. Sie sollen Vorschläge machen, wie das FIZ fahrradfreundlicher werden kann. Im Januar etwa soll es eine Diskussionsveranstaltung mit den städtischen Verkehrsplanern über den künftigen Radschnellweg geben. Jüngst sind neue Duschräume mit Spinden für die Radfahrer im FIZ eröffnet worden.

Mobilität innerhalb der Firma

Mehrere firmeneigene Pendelbusse fahren die verschiedenen Münchner BMW-Standorte ab, darunter das FIZ, das Vierzylinder-Hochhaus und das Milbertshofener Werk. Alternativ können Mitarbeiter, die zum anderen Standort müssen, auch Leihfahrräder nehmen, die eigens dafür vorgesehen sind. Den Weg über das weitläufige FIZ-Gelände soll man bald auch über eine zentrale Magistrale mit E-Scootern zurücklegen können. Und wer während der Arbeitszeit an einen anderen Standort außerhalb der Stadt muss, für den gibt es firmeneigene Leihautos. Apps zum Ausleihen sind auf allen Diensthandys vorinstalliert und damit für jeden FIZ-Mitarbeiter verfügbar. Außerdem gibt es eine App für firmeninterne Mitfahrgelegenheiten. Sie wurde im Standort Garching getestet und ist mittlerweile auf München ausgeweitet worden. Kapp wünscht sich auch bessere Internet-Verbindungen in U- und S-Bahnen. Mitarbeiter, die bereits auf dem Arbeitsweg ihre E-Mails bearbeiten, könnten sich das als Arbeitsstunden aufschreiben und hätten dann mehr Anreiz, mit der Bahn zu kommen. Schon jetzt hätten die Mitarbeiter die Möglichkeit, auch von ihrem Zuhause aus zu arbeiten und ganz auf den Arbeitsweg zu verzichten.

© SZ vom 28.12.2019/flud
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