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Kommunalwahl in Trudering-Riem:Elf auf einen Streich

Auf dem einstigen Flughafen-Areal ist ein Stadtviertel entstanden, an dem munter weitergebaut wird - auch Hochhäuser sind geplant. Die Nachverdichtung in mehreren Quartieren kommt noch dazu. Die Bevölkerungsexplosion verstärkt die Verkehrsprobleme zusehends

Wenn es "nur" diese elf Hochhäuser für die Messestadt wären - eine Idee, die überraschend und für viele Bewohner höchst verstörend in die Sommerpause des vergangenen Jahres geploppt war... Wachstum, Wachstum, Wachstum lautet das Zukunftsthema für den gesamten Stadtbezirk Trudering-Riem. Laut dem städtischen Demografiebericht soll die Bevölkerung in diesem Stadtbezirk bis zum Jahr 2040 um 34,5 Prozent, also um mehr als ein Drittel, wachsen. Erwartet werden 25 000 neue Bewohner. Ob da die Menschen, die in diese Hochhäuser ziehen könnten, schon mitgerechnet sind, erscheint fraglich. Aus der Messestadt waren postwendend ablehnende Anträge bei der Bürgerversammlung gekommen. Manche Messestädter allerdings ließen wohl über das eine oder andere Hochhaus mit sich reden - wenn die Stadt es nur täte, also den Dialog mit den Bürgern suchte.

Schwerpunkt der Entwicklung in Münchens östlichstem Stadtbezirk bleibt so oder so die Messestadt, und zwar zuvorderst deren fünfter Bauabschnitt ganz im Westen, eigentlich meist treffender als Arrondierung Kirchtrudering bezeichnet. Dort ist mit 3000 weiteren Wohnungen zu rechnen, früher plante man mit allenfalls 600. Neu hinzu kommt der Rappenweg auf der anderen Seite des Riemer Parks. Das illegale Gewerbegebiet, das das Kommunalreferat seit Jahrzehnten nicht zu ordnen vermochte, wird nun nach und nach von Bauträgern aufgekauft, die dort ebenfalls Potenzial für 3000 Wohnungen sehen.

Vor nicht allzulanger Zeit war die CSU noch belächelt worden, als sie dort statt des Gewerbes Wohnungsbau vorgeschlagen hatte: Der Untergrund berge Altlasten und sei wegen der mit allem Möglichen verfüllten Kiesgruben auch gar nicht ausreichend belastbar, hieß es aus der Stadtverwaltung. Nun plötzlich scheint sich Wohnungsbau dort auch unter erschwerten Bedingungen zu rechnen. Eine neue Grundschule mit dem Arbeitstitel Rappenweg steht bereits in den Schulbauprogrammen, sie wird laut dem Bezirksausschuss-Vorsitzenden Otto Steinberger (CSU) aber in Kirchtrudering platziert.

Klar, dass weitere Verkehrsprobleme die Folge dieser Vorhaben sein werden, zumal man sich in diesem Zipfel Münchens mit der Nachbargemeinde Haar um Verbindungen streitet. Die Grünen fordern vorsorglich bereits einen neuen S-Bahn-Halt Schwablhofstraße als Grundvoraussetzung. Eine Antwort auf diesen Wunsch steht noch aus.

Die Aufzählung der Neubaugebiete und Nachverdichtungsmöglichkeiten ist damit aber nicht zu Ende. Da wäre noch das Gebiet rund um die Heltauer Straße, anvisiert werden 2000 Wohnungen, obwohl dort eine Frischluftschneise verläuft. Der Bezirksausschuss verlangt, dass in diesen Projekten überall wenigstens Genossenschaften oder Baugemeinschaften zum Zug kommen und dass man daran denkt, günstigen Wohnraum für Auszubildende und Menschen in Mangelberufen zu schaffen.

Erhebliches Nachverdichtungspotenzial sieht die Stadt ferner entlang der Wasserburger Landstraße, die der Truderinger liebevoll Wabula nennt. Für die Gartenstadt in Waldtrudering wird es dafür einen "Rahmenplan" geben, der den maßlosen Bauboom im Bestand einbremsen soll - doch viele befürchten, dass ein solch unverbindliches Instrument den Erbengemeinschaften und Investoren egal ist. Stefan Ziegler (CSU), ein möglicher neuer BA-Vorsitzender, hält es sogar für wahrscheinlich, dass hohe Wohnblöcke entlang der Wabula letztlich zum im Bezirksausschuss unerwünschten Präzedenzfall für Bauwillige in zweiter und dritter Reihe werden könnten.

Georg Kronawitter (CSU) versucht derzeit, aus der Wachstumsspirale wenigstens ein Argument zu machen für all seine Anträge auf mehr Nahverkehr, mehr Radlständer, mehr Infrastruktur. Mantraartig fügt er jeder Forderung den Hinweis auf explodierende Bevölkerungsprognosen an.

Bauen verhindern will eine Bürgerinitiative an der Fauststraße, im Wasserschutzgebiet, doch sie scheint schlechte Karten zu haben. Anders war es bei der Unnützwiese, dort konnten Nachbarn ein Wohnen-für-Alle-Projekt stoppen, die Wiese soll nun attraktiv gestaltet werden.

Fakten zum Stadtbezirk 15

Die meisten Familien, die wenigsten Singles: Im Stadtbezirk Trudering-Riem, ganz im Osten der Stadt gelegen, lebt es sich gut, Alpenblick inklusive. Das gilt gleichermaßen für die "alten" Siedlungsgebiete Gartenstadt, Grenzkolonie, Kirch-, Wald-, Neu- oder Straßtrudering, aber auch für die nicht mehr ganz so neue Messestadt auf dem einstigen Flughafengelände und ihren großzügigen Riemer Park oder das frühere Dorf Riem, das um Himmels Willen bloß nicht "Alt"-Riem genannt werden will. "Alter Bauernstolz auf dörfliche Eigenständigkeit hat sich in ein kraftvolles, differenziertes Stadtteilbewusstsein verwandelt", resümiert Willibald Karl in dem von ihm herausgegebenen Stadtteilbuch.

Auch Trudering-Riem ist ein schnell wachsender Stadtteil. Nicht nur die Messestadt Riem brachte und bringt immer noch viele neue Einwohner in den Stadtbezirk, auch die Nachverdichtung in den Gebieten mit Gartenstadt-Charakter verändert die Struktur des 2245 Hektar großen Stadtteils weiterhin, und meist nicht ins Positive. Dieser gilt dennoch weiterhin als grün, grenzt er doch auch an den Truderinger Wald.

Der 15. Stadtbezirk ist derzeit der fünftgrößte Stadtteil Münchens, am Stichtag Silvester 2018 zählte das Statistische Amt 73 206 Bewohner. Davon waren 17 039 oder 23,3 Prozent Ausländer: Trotz der bunten Messestadt mit Bewohnern aus aller Herren Länder ist das im Schnitt nach wie vor der niedrigste Wert der gesamten Stadt. Politisch gilt der Bezirk als "schwarz", auch wenn die CSU schon bei der Kommunalwahl 2008 die absolute Mehrheit verloren hat. Der Bezirksausschuss hat 29 Mitglieder. Die mit 13 Sitzen größte Fraktion CSU stellt mit Otto Steinberger derzeit den Vorsitzenden, nachdem die Christsozialen bei der Bezirksausschusswahl 44,7 Prozent der Stimmen erreicht hatten. Es folgt die SPD (27,6 Prozent, acht Sitze), die Grünen (16,7 Prozent) sind zu fünft, die Freien Wähler (7,1 Prozent) haben zwei Mitglieder und die FDP (3,9 Prozent) eines. RE

Attraktiver wird 2020 endlich auch die Straßtruderinger Einkaufsmeile, lange genug hat es gedauert. Auch das Sozialbürgerhaus beim Bahnhof soll kommen, fürs BRK hat man wohl eine neue Fläche gefunden. Vielleicht weiß man auch irgendwann, was künftig mit dem alten Rathaus an der Truderinger Straße geschehen soll.

Als geradezu bedrohlich empfinden viele die Aussicht, dass Trudering mit dem Ausbau von Truderinger Kurve und Spange zum hoch frequentierten europäischen Güterverkehrsknoten der Bahn werden soll. Eine rührige Bürgerinitiative hat sich protestierend in die Materie eingearbeitet.

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Bei aller Veränderung scheint dies also immerhin gleich zu bleiben: In Trudering, in Riem und der Messestadt, rund um die insgesamt acht Kirchengemeinden und fünf Feuerwehren des Flächenstadtteils gibt es viele Engagierte, die sich einsetzen fürs Gemeinwohl, gibt es die "Buam" und die "Burschen", die Flüchtlingshelfer und Chorsänger, die Organisatoren von Kultur- und Umweltschutzprojekten.

Stellvertretend herausgegriffen seien zum Beispiel die Aktiven um den Künstler Michael Lapper, die nicht hinnehmen wollen, wie die Stadt den denkmalgeschützten Kopfbau der früheren Besuchertribüne des Flughafens vergammeln lässt. Kreative Aktionen sollen den Erfolg bringen. Immerhin, beim Schulcampus hat sich der Kampf der Messestädter ja gelohnt: Der Spatenstich für Gymnasium, Realschule, Sport- und Schwimmhalle ist getan. Man darf nun gespannt sein, wie die Messestädter sich letztlich zu den Hochhäusern positionieren werden.

© SZ vom 17.01.2020
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