Nordafrika:Chancenlos

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Europa reagiert auf die wachsende Migration über das Mittelmeer mit mehr Grenzsicherung und scheitert. Dabei zeigt ein Blick in die jüngere Vergangenheit, wie es besser ginge.

Kommentar von Mirco Keilberth

Die offiziellen italienischen Zahlen über ankommende Migranten aus Nord-und Subsahara-Afrika liegen weit unter denen von 2011. Doch tatsächlich ist die Migration von Libyen und Tunesien nach Europa in diesem Sommer außer Kontrolle. Anders als in den Vorjahren schicken die italienischen Behörden kaum jemanden zurück. Auch in Nordafrika selbst kommen immer mehr Studenten, Arbeitssuchende und Flüchtlinge aus Westafrika an. Klimawandel, drastisch gestiegene Lebensmittelpreise und der Zentralismus ihrer korrupten Regierungen treiben sie auf Reisen.

Viele Arbeitsmigranten würden in Tunesien und Libyen bleiben, wenn sie denn einen sicheren Status und Arbeitsverträge hätten. Doch das in Europa so hochgelobte und mittlerweile abgesetzte tunesische Parlament hat es in zehn Jahren nicht geschafft, ein Asylgesetz zu verabschieden. Dennoch will Brüssel in Tunesien gerne Asylzentren bauen. Trotz Hunderte Millionen Dollar schwerer Zahlungen an die Vereinten Nationen und die libysche Küstenwache ist es nicht gelungen, das Geschäftsmodell des libyschen Milizenkartells zu brechen, das sich unter anderem mit der Entführung von Migranten finanziert. Statt ernsthafte Sanktionen zu verhängen, setzt Brüssel auf mehr Patrouillenboote oder den Ausbau von Grenzanlagen.

Frankreich wirbt Medizinstudenten und IT-Spezialisten aus Tunesien ab

Für viele gut ausgebildete Tunesier ist es so gut wie unmöglich, ein Schengenvisa zu ergattern; das Ausstellen eines deutschen Arbeitsvisums dauert ein Jahr. Frankreich hingegen wirbt tunesische Medizinstudenten und IT-Spezialisten ab. Dabei gab es vor der Abschottung des Schengenraums eine funktionierende saisonale Arbeitsmigration; von Nordafrika nach Europa und von Subsahara-Afrika nach Libyen. Viele kehrten zurück in ihre Heimat, nachdem sie genügend Geld verdient hatten. Jetzt isoliert Europa die nach 2011 entstandene Zivilgesellschaft und die Facharbeiter Nordafrikas und deckt klammheimlich den eigenen Bedarf an prekären Tagelöhnern. So verrät Europa seine Werte.

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