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Demoskopie und Politik:Was die Zahlen auch verraten

CSU-Chef Markus Söder und CDU-Parteivorsitzender Armin Laschet

CSU-Chef Markus Söder (links) und Armin Laschet, der Vorsitzende der CDU, ringen um die Kanzlerkandidatur (Fotomontage).

(Foto: Frank Hoermann/Sven Simon/imago; Bearbeitung SZ)

Markus Söder oder Armin Laschet - soll sich die Union bei der Auswahl ihres Kanzlerkandidaten von Beliebtheit leiten lassen? Umfragewerte dürfen jedenfalls nicht die einzigen Werte sein, die etwas bedeuten.

Kommentar von Detlef Esslinger

Ist das Kalkül von Markus Söder nun aufgegangen? Haben an diesem Freitag zwei Institute - Infratest Dimap und die Forschungsgruppe Wahlen - exakt das geliefert, worauf er spekuliert hatte? Beide attestieren ihm weit höhere Beliebtheitswerte als Armin Laschet; Unterschiede gibt es nur im Ausmaß der Deklassierung. Bei Infratest Dimap führt Söder mit 44 zu 15 Prozent, bei der Forschungsgruppe Wahlen antworten auf die Frage, wen sie für kanzlertauglich halten, 63 Prozent: Söder. Laschet kommt auf 29 Prozent.

Letzterer ist also in einiger Not. Wird er erneut anführen, auch 2017 in Nordrhein-Westfalen trotz zunächst schlechter Zahlen die Landtagswahl gewonnen zu haben? Söder sagte vor ein paar Tagen, Umfragen seien nicht alles, aber ein deutlicher Maßstab - Worte, die er an diesem Freitag nun für untertrieben halten dürfte. Das Stimmungsbild, auf das er und seine Unterstützer gesetzt hatten, ist jedenfalls da. Und was macht man in der Union nun damit?

Umfragen werden mit dem Handwerkszeug des Wahlforschers erstellt, und sie können der Rationalisierung von Politik dienen. Eine Partei, die sich nur am Kern ihrer Anhängerschaft orientiert, kommt nicht weit. Es ist daher sinnvoll, Umfragen zu konsultieren, will man den Wählern kein Angebot machen, für das es nur wenig Nachfrage gibt. (Zugleich gilt: Wer nur Umfragen folgt, wird heute dieser und morgen jener Stimmung nachlaufen; viel Erfolg dabei.)

Die Union betreibt derzeit Hauen und Stechen mit Zahlen

Bei der Union aber dient die Umfrage-Diskussion dieser Tage weniger der Erleuchtung, sondern dem Kampf. Sie muss ein eilbedürftiges Problem lösen, mithilfe von Umfrage-Argumenten soll kompensiert werden, was in den Monaten zuvor versäumt worden ist: CDU und CSU haben kein geordnetes Verfahren für die K-Frage, deshalb dieses Hauen und Stechen mit Zahlen. Die sind nun scheinbar eindeutig - mit der Betonung aber auf scheinbar. Denn die Demoskopen haben ja noch weitere Angaben geliefert. Zu den 44 Prozent Söder- und 15 Prozent Laschet-Anhängern bei Infratest kommen ja noch 33 weitere Prozent hinzu. Sie halten keinen der beiden für geeignet.

Und das Kennzeichnende der Debatte ist ja ohnehin der Aspekt, unter dem sie seit Langem geführt wird: nicht, wer von beiden Aspiranten der bessere, sondern wer der weniger schlechte wäre. Im Versuch, loyal zu sein, sagte Friedrich Merz zwei Dinge: erstens, dass Laschet nicht der Liebling in den Umfragen sei, und zweitens, dass die CDU im Falle von dessen Nichtnominierung bereits den zweiten Menschen hintereinander an ihrer Spitze demontieren würde. Soll Letzteres ein Kriterium sein, das im Herbst auch nur einen Wähler, eine Wählerin beeindrucken wird?

Was Reiner Haseloff äußert, ist im Grunde sagenhaft

Das schwächste (und sehr regelmäßige) Argument in Debatten über Umfragen ist, dass diese immer nur Momentaufnahmen sind. Erstens, ja klar, was sonst? Zweitens, zu irgendeinem Moment muss eine Entscheidung nun mal getroffen werden. Demoskopen befragen Menschen, die sich - anders als sie selbst, Politiker oder Journalisten - nur höchst nebenbei mit Politik beschäftigen und die daher viele Abwägungen eher auf der Basis von Gefühl als von Wissen treffen. Laschet trifft unter anderem deshalb auf Vorbehalte, weil er auch in dieser ernsten Zeit rheinische Unbekümmertheit ausstrahlt; Söder wird auch deshalb abgelehnt, weil er - obgleich Franke - das brachiale CSU-Oberbayerische ausstrahlt. Das sagenhafteste Argument pro Söder kommt indes von Reiner Haseloff, dem Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt. Es gehe jetzt nicht um Charaktereigenschaften, sondern allein um Popularität, sagte er. Wirklich? Wäre schon gut, wenn Umfragewerte nicht die einzigen Werte sind, die einem Unionspolitiker etwas bedeuten.

Was CDU und CSU helfen könnte: dass Olaf Scholz von der SPD ebenso wenig verfängt. Und dass die- oder derjenige, die oder den die Grünen am Montag nominieren, erst noch viele Gelegenheiten bekommen wird, sich Skepsis zu verschaffen. Nur mit den 35 oder 37 Prozent in den Umfragen dürfte es vorbei sein. Die kamen auch dadurch zustande, dass die Leute mit CDU/CSU eben immer noch Merkel gleichsetzten; ihnen noch gar nicht richtig klar war, dass sie tatsächlich aufhört. Dürfte nun jedem bekannt sein.

© SZ/kus/kast
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